Der große Gatsby
F. Scott Fitzgerald
Kapitel 1
Als ich jünger und verletzlicher war, gab mir mein Vater einen Rat, über den ich seitdem immer wieder nachdenke.
»Wenn du an jemandem etwas auszusetzen hast«, sagte er zu mir, »denk einfach daran, dass nicht alle Menschen auf dieser Welt dieselben Vorteile gehabt haben wie du.«
Mehr sagte er nicht, aber wir waren schon immer auf eine zurückhaltende Weise ungewöhnlich mitteilsam miteinander, und ich verstand, dass er sehr viel mehr meinte. Deshalb neige ich dazu, mich mit Urteilen zurückzuhalten, eine Gewohnheit, die mir viele merkwürdige Naturen erschlossen und mich zugleich zum Opfer nicht weniger altgedienter Langweiler gemacht hat. Der abnorme Geist spürt diese Eigenschaft bei einem normalen Menschen rasch auf und klammert sich daran, und so kam es, dass man mir auf dem College zu Unrecht nachsagte, ich sei ein Politiker, weil ich in die heimlichen Kümmernisse wilder, mir unbekannter Männer eingeweiht war. Die meisten dieser Vertraulichkeiten hatte ich nicht gesucht – häufig habe ich Schlaf oder Beschäftigung vorgetäuscht oder mich abweisend flapsig gegeben, wenn ich an einem untrüglichen Zeichen erkannte, dass eine intime Offenbarung am Horizont zitterte; denn die intimen Offenbarungen junger Männer, oder zumindest die Formulierungen, in die sie sie kleiden, sind meist abgeschrieben und durch offenkundige Auslassungen entstellt. Sich mit Urteilen zurückzuhalten heißt, grenzenlos zu hoffen. Noch immer fürchte ich ein wenig, mir könnte etwas entgehen, wenn ich vergesse, dass der Sinn für die elementaren Regeln des Anstands, wie mein Vater snobistisch andeutete und ich snobistisch wiederhole, bei der Geburt ungleich verteilt wird.
Und nachdem ich mich so meiner Toleranz gerühmt habe, muss ich nun eingestehen, dass sie eine Grenze hat. Das Verhalten eines Menschen mag auf hartem Fels oder auf nassem Sumpfboden gründen, aber von einem gewissen Punkt an ist es mir gleich, worauf es gründet. Als ich letzten Herbst aus dem Osten zurückkehrte, wünschte ich mir die Welt in Uniform und auf ewig in einer Art moralischer Habachtstellung; ich wollte keine ausschweifenden Streifzüge mehr mit dem Vorrecht, ins menschliche Herz zu blicken. Nur Gatsby, der Mann, der diesem Buch seinen Namen gibt, war von dieser Reaktion ausgenommen – Gatsby, der alles verkörperte, was ich aufrichtig verachte. Wenn Persönlichkeit eine ununterbrochene Folge gelungener Gesten ist, dann hatte er etwas Großartiges, eine gesteigerte Empfindsamkeit für die Verheißungen des Lebens, als wäre er mit einer jener komplizierten Maschinen verwandt, die Erdbeben in zehntausend Meilen Entfernung registrieren. Diese Empfänglichkeit hatte nichts mit jener haltlosen Beeindruckbarkeit zu tun, die man mit dem Namen »schöpferisches Temperament« adelt – sie war eine außergewöhnliche Gabe zur Hoffnung, eine romantische Bereitschaft, wie ich sie bei keinem anderen Menschen je gefunden habe und wohl auch nie wieder finden werde. Nein – Gatsby war letzten Endes in Ordnung; was an Gatsby zehrte, was an üblem Staub im Kielwasser seiner Träume trieb, das nahm mir vorübergehend das Interesse an den vergeblichen Kümmernissen und kurzatmigen Hochgefühlen der Menschen.
Meine Familie gehört seit drei Generationen zu den angesehenen, wohlhabenden Leuten dieser Stadt im Mittleren Westen. Die Carraways sind so etwas wie ein Clan, und der Familienüberlieferung nach stammen wir von den Herzögen von Buccleuch ab, doch der eigentliche Begründer meines Familienzweigs war der Bruder meines Großvaters, der einundfünfzig hierherkam, einen Ersatzmann in den Bürgerkrieg schickte und den Eisenwarengroßhandel gründete, den mein Vater heute noch führt.
Ich habe diesen Großonkel nie gesehen, aber ich soll ihm ähnlich sehen – wobei man sich besonders auf das ziemlich abgebrühte Porträt beruft, das in Vaters Büro hängt. Ich machte 1915 meinen Abschluss in New Haven, genau ein Vierteljahrhundert nach meinem Vater, und wenig später beteiligte ich mich an jener verspäteten germanischen Völkerwanderung, die als der Große Krieg bekannt ist. Der Gegenschlag gefiel mir so gut, dass ich rastlos zurückkehrte. Statt der warme Mittelpunkt der Welt zu sein, erschien mir der Mittlere Westen nun wie der ausgefranste Rand des Universums – also beschloss ich, in den Osten zu gehen und das Anleihengeschäft zu erlernen. Alle, die ich kannte, waren im Anleihengeschäft, und ich nahm an, dass es noch einen weiteren alleinstehenden Mann ernähren könnte. Meine sämtlichen Tanten und Onkel berieten darüber, als suchten sie eine Vorbereitungsschule für das College für mich aus, und sagten schließlich mit sehr ernsten, zögernden Mienen: »Nun – ja-a.« Vater erklärte sich bereit, mich ein Jahr lang zu finanzieren, und nach allerlei Verzögerungen kam ich im Frühjahr zweiundzwanzig in den Osten, für immer, wie ich glaubte.
Das Vernünftigste wäre gewesen, mir Zimmer in der Stadt zu suchen, aber es war eine warme Jahreszeit, und ich hatte gerade eine Gegend mit weiten Rasenflächen und freundlichen Bäumen verlassen. Als deshalb ein junger Mann aus dem Büro vorschlug, wir könnten gemeinsam ein Haus in einem Vorort nehmen, von dem aus wir zur Arbeit pendeln würden, klang das nach einer großartigen Idee. Er fand das Haus, einen verwitterten Pappbungalow für achtzig im Monat, doch im letzten Augenblick beorderte ihn die Firma nach Washington, und ich zog allein aufs Land. Ich hatte einen Hund – jedenfalls hatte ich ihn ein paar Tage, bis er davonlief – und einen alten Dodge und eine Finnin, die mein Bett machte, das Frühstück zubereitete und am Elektroherd finnische Weisheiten vor sich hin murmelte.
Einen Tag oder so war es einsam, bis mich eines Morgens ein Mann auf der Straße anhielt, der noch nicht so lange hier war wie ich.
»Wie kommt man ins Dorf West Egg?«, fragte er hilflos.
Ich sagte es ihm. Und als ich weiterging, war ich nicht mehr einsam. Ich war ein Führer, ein Pfadfinder, ein Siedler der ersten Stunde. Er hatte mir ganz nebenbei das Bürgerrecht in der Nachbarschaft verliehen.
Und so stellte sich mit dem Sonnenschein und dem üppigen Laub, das an den Bäumen hervorbrach und wuchs wie die Dinge in Zeitrafferfilmen, jene vertraute Gewissheit ein, dass mit dem Sommer das Leben von neuem begann.
Da war zum einen so viel zu lesen und so viel köstliche Gesundheit aus der jungen, atemspendenden Luft zu schöpfen. Ich kaufte ein Dutzend Bände über Bankwesen, Kredit und die Anlage in Wertpapieren, und sie standen rot und golden in meinem Regal wie frisches Geld aus der Münze und versprachen, die glänzenden Geheimnisse zu enthüllen, die nur Midas und Morgan und Maecenas kannten. Außerdem hatte ich den hohen Vorsatz, noch viele andere Bücher zu lesen. Auf dem College war ich recht literarisch gewesen – ein Jahr lang schrieb ich eine Reihe sehr feierlicher und nichtssagender Leitartikel für die Yale News –, und nun wollte ich all das wieder in mein Leben holen und erneut zu jenem beschränktesten aller Spezialisten werden, dem »vielseitig gebildeten Mann«. Das ist nicht bloß ein Epigramm – schließlich lässt sich das Leben von einem einzigen Fenster aus viel besser betrachten.
Es war Zufall, dass ich ein Haus in einer der seltsamsten Ortschaften Nordamerikas gemietet hatte. Sie lag auf jener schmalen, wilden Insel, die sich von New York genau nach Osten erstreckt – und auf der es neben anderen Naturmerkwürdigkeiten zwei ungewöhnliche Landformationen gibt. Zwanzig Meilen von der Stadt entfernt ragen zwei riesige Eier, in ihren Umrissen identisch und nur durch eine Höflichkeitsbucht getrennt, in das zahmste Salzgewässer der westlichen Hemisphäre hinaus, den großen nassen Bauernhof des Long Island Sound. Es sind keine vollkommenen Ovale – wie das Ei in der Geschichte von Kolumbus sind beide am aufliegenden Ende plattgedrückt –, aber ihre äußerliche Ähnlichkeit muss für die Möwen, die darüber hinwegfliegen, ein Quell unablässigen Staunens sein. Für die Flügellosen ist es ein interessanteres Phänomen, dass sie sich in jeder Hinsicht außer Form und Größe unterscheiden.
Ich wohnte in West Egg, dem – nun ja, dem weniger mondänen der beiden, doch das ist ein höchst oberflächliches Etikett für den bizarren und nicht wenig unheimlichen Gegensatz zwischen ihnen. Mein Haus stand an der äußersten Spitze des Eis, nur fünfzig Yard vom Sund entfernt, eingezwängt zwischen zwei riesigen Anwesen, die für zwölftausend oder fünfzehntausend pro Saison vermietet wurden. Das zu meiner Rechten war nach jedem Maßstab kolossal – eine leibhaftige Nachbildung irgendeines Hôtel de Ville in der Normandie, mit einem Turm an der Seite, unter einem dünnen Bart aus jungem Efeu noch nagelneu, und einem marmornen Schwimmbecken und mehr als vierzig Acre Rasen und Garten. Es war Gatsbys Villa. Oder vielmehr, da ich Mr. Gatsby nicht kannte, war es eine Villa, in der ein Herr dieses Namens wohnte. Mein eigenes Haus war ein Schandfleck, aber ein kleiner Schandfleck, und man hatte es übersehen, sodass ich einen Blick aufs Wasser hatte, einen teilweisen Blick auf den Rasen meines Nachbarn und die tröstliche Nähe von Millionären – alles für achtzig Dollar im Monat.
Jenseits der Höflichkeitsbucht glitzerten die weißen Paläste des mondänen East Egg am Wasser entlang, und die Geschichte jenes Sommers beginnt eigentlich an dem Abend, als ich hinüberfuhr, um bei Tom Buchanan und seiner Frau zu essen. Daisy war meine Cousine zweiten Grades, um eine Generation versetzt, und Tom kannte ich vom College. Gleich nach dem Krieg hatte ich die beiden außerdem für zwei Tage in Chicago besucht.
Ihr Mann war, neben verschiedenen anderen sportlichen Leistungen, einer der kraftvollsten Flügelspieler gewesen, die je in New Haven Football gespielt hatten – gewissermaßen eine nationale Größe, einer jener Männer, die auf einem eng begrenzten Gebiet mit einundzwanzig eine so äußerste Vollendung erreichen, dass danach alles den Beigeschmack der Ernüchterung hat. Seine Familie war ungeheuer reich – schon auf dem College hatte sein freier Umgang mit Geld Anlass zu Vorwürfen gegeben –, doch nun hatte er Chicago verlassen und war auf eine Weise in den Osten gekommen, die einem beinahe den Atem verschlug: Zum Beispiel hatte er eine ganze Koppel Poloponys aus Lake Forest mitgebracht. Es war schwer zu begreifen, dass ein Mann meiner Generation reich genug war, so etwas zu tun.
Warum sie in den Osten gekommen waren, weiß ich nicht. Sie hatten ohne besonderen Grund ein Jahr in Frankreich verbracht und waren dann rastlos hierhin und dorthin getrieben, überallhin, wo man Polo spielte und gemeinsam reich war. Diesmal würden sie bleiben, sagte Daisy am Telefon, aber ich glaubte es nicht – ich konnte Daisy nicht ins Herz sehen, doch ich hatte das Gefühl, Tom würde ewig weiterziehen und mit ein wenig Wehmut nach dem dramatischen Aufruhr irgendeines unwiederbringlichen Footballspiels suchen.
Und so kam es, dass ich an einem warmen, windigen Abend nach East Egg hinüberfuhr, um zwei alte Freunde zu besuchen, die ich kaum kannte. Ihr Haus war noch prächtiger, als ich erwartet hatte, ein heiteres rot-weißes Herrenhaus im georgianischen Kolonialstil mit Blick auf die Bucht. Der Rasen begann am Strand und lief eine Viertelmeile auf die Haustür zu, sprang über Sonnenuhren und Ziegelwege und flammende Gärten hinweg – um schließlich, als er das Haus erreichte, wie vom Schwung seines Laufs getragen in leuchtenden Ranken an der Wand emporzuschweben. Eine Reihe Fenstertüren gliederte die Front, sie leuchteten nun golden im Widerschein und standen weit offen zum warmen, windigen Nachmittag, und Tom Buchanan stand in Reitkleidung mit gespreizten Beinen auf der vorderen Veranda.
Er hatte sich seit seinen Jahren in New Haven verändert. Jetzt war er ein stämmiger, strohblonder Mann von dreißig Jahren, mit einem ziemlich harten Mund und einem überheblichen Auftreten. Zwei glänzende, arrogante Augen hatten sich die Herrschaft über sein Gesicht gesichert und ließen ihn aussehen, als beuge er sich ständig angriffslustig vor. Nicht einmal der weibische Prunk seiner Reitkleidung konnte die ungeheure Kraft dieses Körpers verbergen – er schien die glänzenden Stiefel so prall auszufüllen, dass die Schnürung oben spannte, und wenn sich seine Schulter unter der dünnen Jacke bewegte, sah man ein gewaltiges Muskelpaket arbeiten. Es war ein Körper von ungeheurer Hebelkraft – ein grausamer Körper.
Seine Stimme, ein rauer, heiserer Tenor, verstärkte den streitlustigen Eindruck, den er vermittelte. Es lag ein Anflug väterlicher Verachtung darin, selbst gegenüber Leuten, die er mochte – und in New Haven hatte es Männer gegeben, die ihn abgrundtief gehasst hatten.
»Bild dir bloß nicht ein, meine Meinung zu diesen Dingen sei das letzte Wort«, schien er zu sagen, »nur weil ich stärker und mehr Mann bin als du.« Wir waren in derselben Studentenvereinigung für das Abschlussjahr gewesen, und obwohl wir nie eng befreundet waren, hatte ich immer den Eindruck, dass ich ihm recht war und dass er sich mit einer ihm eigenen schroffen, trotzigen Sehnsucht wünschte, ich möge ihn mögen.
Wir unterhielten uns ein paar Minuten auf der sonnigen Veranda.
»Ich habe hier ein schönes Anwesen«, sagte er, wobei seine Augen unruhig umherblitzten.
Er drehte mich an einem Arm herum und ließ eine breite, flache Hand über den Ausblick vor dem Haus gleiten; ihre Bewegung umfasste einen tiefer gelegenen italienischen Garten, einen halben Acre üppiger, durchdringend duftender Rosen und ein Motorboot mit stumpfem Bug, das vor dem Ufer auf den Gezeitenwellen schaukelte.
»Es hat Demaine gehört, dem Ölunternehmer.« Er drehte mich wieder herum, höflich und unvermittelt. »Wir gehen hinein.«
Wir gingen durch eine hohe Diele in einen hellen, rosafarbenen Raum, der durch Fenstertüren an beiden Enden nur zart mit dem Haus verbunden war. Die Fenster standen einen Spalt offen und leuchteten weiß vor dem frischen Gras draußen, das ein Stück ins Haus hineinzuwachsen schien. Ein Luftzug wehte durch den Raum, wehte die Vorhänge an einem Ende herein und am anderen hinaus wie blasse Fahnen, wirbelte sie zur Decke empor, einer Hochzeitstorte mit Zuckerguss, und lief dann in Wellen über den weinfarbenen Teppich und warf Schatten darauf wie der Wind auf dem Meer.
Der einzige vollkommen unbewegliche Gegenstand im Zimmer war ein riesiges Sofa, auf dem zwei junge Frauen schwebten wie auf einem verankerten Ballon. Beide waren weiß gekleidet, und ihre Kleider wogten und flatterten, als wären sie gerade nach einem kurzen Flug ums Haus wieder hereingeweht worden. Ich muss einige Augenblicke dagestanden und dem Peitschen und Knallen der Vorhänge und dem Ächzen eines Bildes an der Wand gelauscht haben. Dann dröhnte es, als Tom Buchanan die hinteren Fenster schloss, der gefangene Wind erstarb im Raum, und die Vorhänge und die Teppiche und die beiden jungen Frauen schwebten langsam zu Boden.
Die Jüngere der beiden kannte ich nicht. Sie lag an ihrem Ende des Diwans lang ausgestreckt und vollkommen reglos, das Kinn ein wenig angehoben, als balanciere sie etwas darauf, das nur allzu leicht herunterfallen konnte. Falls sie mich aus den Augenwinkeln sah, ließ sie es sich nicht anmerken – tatsächlich hätte ich vor Verblüffung beinahe eine Entschuldigung dafür gemurmelt, sie durch mein Eintreten gestört zu haben.
Die andere junge Frau, Daisy, machte einen Versuch, aufzustehen – sie beugte sich mit pflichtbewusster Miene leicht vor –, dann lachte sie, ein unsinniges, bezauberndes kleines Lachen, und ich lachte ebenfalls und trat weiter ins Zimmer.
»Ich bin g-gelähmt vor Glück.«
Sie lachte wieder, als hätte sie etwas sehr Geistreiches gesagt, und hielt einen Augenblick meine Hand, sah zu meinem Gesicht auf und versprach mir, dass es auf der Welt niemanden gebe, den sie lieber sehen wollte. Das war so ihre Art. Murmelnd deutete sie an, dass die balancierende junge Frau mit Nachnamen Baker hieß. (Ich habe sagen hören, Daisy murmle nur, damit die Leute sich zu ihr hinüberbeugten; eine unerhebliche Kritik, die ihr Murmeln keineswegs weniger reizvoll machte.)
Jedenfalls zuckten Miss Bakers Lippen, sie nickte mir fast unmerklich zu und legte den Kopf dann rasch wieder zurück – der Gegenstand, den sie balancierte, war offenbar ein wenig ins Wanken geraten und hatte sie ziemlich erschreckt. Wieder stieg mir eine Art Entschuldigung auf die Lippen. Fast jede Zurschaustellung vollkommener Selbstgenügsamkeit entlockt mir eine fassungslose Huldigung.
Ich sah wieder meine Cousine an, die mir nun mit ihrer leisen, erregenden Stimme Fragen stellte. Es war eine Stimme, deren Höhen und Tiefen das Ohr folgte, als sei jede Äußerung eine Notenfolge, die nie wieder gespielt würde. Ihr Gesicht war traurig und schön, mit leuchtenden Dingen darin, leuchtenden Augen und einem leuchtenden, leidenschaftlichen Mund, doch in ihrer Stimme lag eine Erregung, die Männer, denen sie einmal etwas bedeutet hatte, nur schwer vergessen konnten: ein singendes Drängen, ein geflüstertes »Hör zu«, ein Versprechen, dass sie eben erst heitere, aufregende Dinge getan hatte und dass in der nächsten Stunde heitere, aufregende Dinge in der Luft lagen.
Ich erzählte ihr, dass ich auf meinem Weg in den Osten einen Tag in Chicago haltgemacht hatte und dass ein Dutzend Menschen mir herzliche Grüße für sie aufgetragen hatten.
»Vermissen sie mich?«, rief sie entzückt.
»Die ganze Stadt ist trostlos. An allen Autos ist das linke Hinterrad als Trauerkranz schwarz gestrichen, und die ganze Nacht hört man am Nordufer ein unaufhörliches Wehklagen.«
»Wie herrlich! Lass uns zurückfahren, Tom. Morgen!« Dann fügte sie unvermittelt hinzu: »Du solltest die Kleine sehen.«
»Das würde ich gern.«
»Sie schläft. Sie ist drei Jahre alt. Hast du sie noch nie gesehen?«
»Nie.«
»Na, du solltest sie sehen. Sie ist –«
Tom Buchanan, der unruhig im Zimmer umhergeschwebt war, blieb stehen und legte mir die Hand auf die Schulter.
»Was machst du so, Nick?«
»Ich handle mit Anleihen.«
»Bei wem?«
Ich sagte es ihm.
»Noch nie von denen gehört«, stellte er entschieden fest.
Das ärgerte mich.
»Wirst du noch«, antwortete ich kurz. »Wirst du noch, wenn du im Osten bleibst.«
»Oh, ich bleibe im Osten, keine Sorge«, sagte er, sah kurz zu Daisy und dann wieder zu mir, als sei er auf noch etwas gefasst. »Ich wäre ein gottverdammter Idiot, wenn ich woanders leben würde.«
In diesem Augenblick sagte Miss Baker: »Unbedingt!«, und zwar so unvermittelt, dass ich zusammenfuhr – es war das erste Wort, das sie seit meinem Eintreten gesprochen hatte. Offenbar überraschte es sie ebenso sehr wie mich, denn sie gähnte und stand mit einer Folge rascher, geschickter Bewegungen auf.
»Ich bin ganz steif«, beklagte sie sich, »ich liege schon auf diesem Sofa, solange ich denken kann.«
»Sieh mich nicht an«, gab Daisy zurück, »ich versuche schon den ganzen Nachmittag, dich nach New York zu bekommen.«
»Nein, danke«, sagte Miss Baker zu den vier Cocktails, die gerade aus dem Anrichteraum hereingebracht worden waren. »Ich stehe voll im Training.«
Ihr Gastgeber sah sie ungläubig an.
»Du bist im Training!« Er stürzte seinen Drink hinunter, als wäre es ein Tropfen auf dem Grund eines Glases. »Wie du überhaupt etwas zustande bringst, ist mir ein Rätsel.«
Ich sah Miss Baker an und fragte mich, was sie wohl »zustande brachte«. Ich sah sie gern an. Sie war eine schlanke junge Frau mit kleinen Brüsten und einer aufrechten Haltung, die sie noch betonte, indem sie die Schultern wie ein junger Kadett zurückwarf. Aus einem blassen, reizvollen, unzufriedenen Gesicht erwiderten ihre grauen, vom Sonnenlicht angestrengten Augen meinen Blick mit ebenso höflicher Neugier. Jetzt fiel mir ein, dass ich sie oder ein Bild von ihr schon einmal irgendwo gesehen hatte.
»Sie wohnen in West Egg«, bemerkte sie verächtlich. »Ich kenne dort jemanden.«
»Ich kenne keinen einzigen –«
»Gatsby müssen Sie doch kennen.«
»Gatsby?«, fragte Daisy. »Welcher Gatsby?«
Bevor ich antworten konnte, dass er mein Nachbar sei, wurde das Essen angekündigt; Tom Buchanan schob seinen angespannten Arm gebieterisch unter meinen und zwang mich aus dem Zimmer, als schiebe er einen Damestein auf ein anderes Feld.
Schlank und träge, die Hände leicht in die Hüften gestützt, gingen die beiden jungen Frauen vor uns auf eine rosafarbene Veranda hinaus, die zum Sonnenuntergang hin offen war und auf der vier Kerzen im abgeflauten Wind auf dem Tisch flackerten.
»Wozu Kerzen?«, wandte Daisy stirnrunzelnd ein. Sie kniff sie mit den Fingern aus. »In zwei Wochen ist der längste Tag des Jahres.« Sie sah uns alle strahlend an. »Wartet ihr auch immer auf den längsten Tag des Jahres und verpasst ihn dann? Ich warte immer auf den längsten Tag des Jahres und verpasse ihn dann.«
»Wir sollten etwas planen«, gähnte Miss Baker und setzte sich an den Tisch, als stiege sie ins Bett.
»Gut«, sagte Daisy. »Was sollen wir planen?« Hilflos wandte sie sich an mich: »Was plant man denn so?«
Bevor ich antworten konnte, blieb ihr Blick mit ehrfürchtigem Ausdruck an ihrem kleinen Finger hängen.
»Seht mal!«, klagte sie. »Ich habe mir wehgetan.«
Wir sahen alle hin – das Gelenk war blau und schwarz angelaufen.
»Das warst du, Tom«, sagte sie vorwurfsvoll. »Ich weiß, du hast es nicht absichtlich getan, aber du hast es getan. Das habe ich davon, dass ich einen Rohling geheiratet habe, so ein großes, gewaltiges, bulliges Prachtexemplar von einem –«
»Ich hasse das Wort ›bullig‹«, wandte Tom ärgerlich ein, »auch im Scherz.«
»Bullig«, beharrte Daisy.
Manchmal sprachen sie und Miss Baker gleichzeitig, unaufdringlich und mit einer scherzhaften Zusammenhanglosigkeit, die nie ganz zum Geplauder wurde, die, frei von jedem Verlangen, so kühl war wie ihre weißen Kleider und ihre unpersönlichen Augen. Sie waren hier, und sie nahmen Tom und mich hin und gaben sich nur die höfliche, freundliche Mühe, zu unterhalten oder sich unterhalten zu lassen. Sie wussten, dass bald das Essen vorbei sein würde und wenig später auch der Abend vorbei wäre und beiläufig beiseitegelegt würde. Das unterschied sich scharf vom Westen, wo ein Abend von einer Phase zur nächsten seinem Ende entgegengehetzt wurde, in einer fortwährend enttäuschten Erwartung oder aus rein nervöser Furcht vor dem Augenblick selbst.
»Bei dir fühle ich mich unzivilisiert, Daisy«, gestand ich bei meinem zweiten Glas eines korkigen, aber recht eindrucksvollen Bordeaux. »Kannst du nicht über die Ernte reden oder so etwas?«
Ich meinte damit nichts Bestimmtes, doch die Bemerkung wurde auf unerwartete Weise aufgegriffen.
»Die Zivilisation geht zugrunde«, brach Tom heftig los. »Ich bin da inzwischen ein schrecklicher Pessimist. Hast du Der Aufstieg der farbigen Weltreiche von diesem Goddard gelesen?«
»Nein«, antwortete ich, ziemlich überrascht von seinem Ton.
»Also, das ist ein ausgezeichnetes Buch, und jeder sollte es lesen. Der Gedanke ist, dass die weiße Rasse, wenn wir nicht aufpassen – dass sie völlig überschwemmt wird. Das ist alles Wissenschaft; das ist bewiesen.«
»Tom wird sehr tiefgründig«, sagte Daisy mit einem Ausdruck gedankenloser Traurigkeit. »Er liest tiefsinnige Bücher mit langen Wörtern darin. Wie war noch dieses Wort, das wir –«
»Diese Bücher sind alle wissenschaftlich«, beharrte Tom und warf ihr einen ungeduldigen Blick zu. »Der Mann hat die ganze Sache durchgearbeitet. Es liegt an uns als herrschender Rasse, aufzupassen, sonst übernehmen diese anderen Rassen das Kommando.«
»Wir müssen sie niederhalten«, flüsterte Daisy und blinzelte wild in die glühende Sonne.
»Du solltest in Kalifornien leben –«, begann Miss Baker, aber Tom unterbrach sie, indem er sich schwerfällig auf seinem Stuhl bewegte.
»Die Vorstellung ist, dass wir zur nordischen Rasse gehören. Ich gehöre dazu, und du gehörst dazu, und du, und –« Nach einem kaum wahrnehmbaren Zögern schloss er Daisy mit einem leichten Nicken ein, und sie zwinkerte mir wieder zu. »– Und wir haben alles hervorgebracht, was die Zivilisation ausmacht – also, Wissenschaft und Kunst und all das. Versteht ihr?«
Seine Konzentration hatte etwas Erbärmliches, als genüge ihm seine Selbstzufriedenheit, die noch stärker war als früher, nicht mehr. Als fast unmittelbar darauf drinnen das Telefon klingelte und der Butler die Veranda verließ, nutzte Daisy die kurze Unterbrechung und beugte sich zu mir.
»Ich verrate dir ein Familiengeheimnis«, flüsterte sie begeistert. »Es geht um die Nase des Butlers. Möchtest du etwas über die Nase des Butlers hören?«
»Deswegen bin ich heute Abend gekommen.«
»Also, er war nicht immer Butler; früher war er Silberputzer bei Leuten in New York, die ein Silbergeschirr für zweihundert Personen hatten. Das musste er von morgens bis abends putzen, bis es ihm schließlich auf die Nase schlug –«
»Es wurde immer schlimmer«, warf Miss Baker ein.
»Ja. Es wurde immer schlimmer, bis er schließlich seine Stellung aufgeben musste.«
Einen Augenblick fiel der letzte Sonnenschein mit romantischer Zärtlichkeit auf ihr leuchtendes Gesicht; ihre Stimme zwang mich beim Zuhören, mich atemlos vorzubeugen – dann verblasste das Leuchten, jeder Lichtschein verließ sie mit zögerndem Bedauern, wie Kinder, die in der Dämmerung eine schöne Straße verlassen.
Der Butler kam zurück und murmelte etwas dicht an Toms Ohr, worauf Tom die Stirn runzelte, seinen Stuhl zurückschob und wortlos hineinging. Als belebte seine Abwesenheit etwas in ihr, beugte Daisy sich wieder vor, ihre Stimme glühte und sang.
»Ich habe dich so gern an meinem Tisch, Nick. Du erinnerst mich an eine – an eine Rose, eine echte Rose. Findest du nicht?« Sie wandte sich an Miss Baker, um sich das bestätigen zu lassen: »Eine echte Rose?«
Das stimmte nicht. Ich habe nicht einmal die leiseste Ähnlichkeit mit einer Rose. Sie improvisierte nur, doch von ihr strömte eine Wärme aus, die mich berührte, als versuchte ihr Herz, zu einem zu gelangen, versteckt in einem dieser atemlosen, erregenden Worte. Dann warf sie plötzlich ihre Serviette auf den Tisch, entschuldigte sich und ging ins Haus.
Miss Baker und ich tauschten einen kurzen, bewusst bedeutungslosen Blick. Ich wollte gerade etwas sagen, als sie sich aufmerksam aufrichtete und warnend »Pst!« sagte. Aus dem angrenzenden Zimmer war ein gedämpftes, leidenschaftliches Murmeln zu hören, und Miss Baker beugte sich ungeniert vor, um zu lauschen. Das Murmeln zitterte an der Grenze zur Verständlichkeit, sank ab, schwoll erregt wieder an und verstummte dann ganz.
»Dieser Mr. Gatsby, von dem Sie gesprochen haben, ist mein Nachbar –«, begann ich.
»Reden Sie nicht. Ich will hören, was passiert.«
»Ist denn etwas los?«, fragte ich arglos.
»Soll das heißen, Sie wissen es nicht?«, sagte Miss Baker, aufrichtig überrascht. »Ich dachte, das wüsste jeder.«
»Ich weiß es nicht.«
»Na ja –«, sagte sie zögernd. »Tom hat da eine Frau in New York.«
»Hat da eine Frau?«, wiederholte ich verständnislos.
Miss Baker nickte.
»Die Frau könnte wenigstens den Anstand haben, ihn nicht zur Essenszeit anzurufen. Finden Sie nicht?«
Fast ehe ich ihre Bedeutung begriffen hatte, raschelte ein Kleid, knirschten Lederstiefel, und Tom und Daisy waren wieder am Tisch.
»Es ließ sich nicht ändern!«, rief Daisy mit angespannter Fröhlichkeit.
Sie setzte sich, sah erst Miss Baker und dann mich prüfend an und fuhr fort: »Ich habe einen Augenblick nach draußen gesehen, und draußen ist es sehr romantisch. Auf dem Rasen sitzt ein Vogel, der bestimmt eine Nachtigall ist, die mit der Cunard oder der White Star Line herübergekommen ist. Er singt und singt –« Ihre Stimme sang: »Es ist romantisch, nicht wahr, Tom?«
»Sehr romantisch«, sagte er und dann unglücklich zu mir: »Wenn es nach dem Essen noch hell genug ist, möchte ich mit dir zu den Ställen hinuntergehen.«
Drinnen klingelte das Telefon, erschreckend laut, und als Daisy Tom entschieden den Kopf schüttelnd ansah, löste sich das Thema der Ställe, ja jedes Thema, in Luft auf. Von den Bruchstücken der letzten fünf Minuten bei Tisch ist mir in Erinnerung, wie die Kerzen wieder angezündet wurden, sinnloserweise, und ich spürte den Wunsch, jeden gerade anzusehen und doch allen Blicken auszuweichen. Ich konnte nicht erraten, was Daisy und Tom dachten, aber ich bezweifle, dass selbst Miss Baker, die sich eine gewisse robuste Skepsis angeeignet zu haben schien, das schrille metallische Drängen dieses fünften Gastes ganz aus ihren Gedanken verbannen konnte. Einem bestimmten Temperament mochte die Situation reizvoll erscheinen – mein eigener Instinkt drängte mich, sofort die Polizei anzurufen.
Von den Pferden war selbstverständlich nicht mehr die Rede. Tom und Miss Baker schlenderten mit mehreren Fuß Dämmerlicht zwischen sich in die Bibliothek zurück, wie zu einer Totenwache bei einem durchaus greifbaren Leichnam, während ich Daisy durch eine Reihe miteinander verbundener Veranden zur vorderen Veranda folgte und mich bemühte, freundlich interessiert und ein wenig schwerhörig zu wirken. In ihrem tiefen Dunkel setzten wir uns nebeneinander auf ein Korbsofa.
Daisy nahm ihr Gesicht in die Hände, als ertaste sie seine schöne Form, und ihre Augen wanderten allmählich hinaus in die samtene Dämmerung. Ich sah, dass heftige Gefühle sie beherrschten, und stellte deshalb ein paar, wie ich meinte, beruhigende Fragen über ihre kleine Tochter.
»Wir kennen uns nicht besonders gut, Nick«, sagte sie plötzlich. »Auch wenn wir Cousin und Cousine sind. Du bist nicht zu meiner Hochzeit gekommen.«
»Ich war noch nicht aus dem Krieg zurück.«
»Das stimmt.« Sie zögerte. »Na ja, ich habe eine sehr schlimme Zeit hinter mir, Nick, und ich sehe alles ziemlich zynisch.«
Offenbar hatte sie Grund dazu. Ich wartete, doch sie sagte nichts mehr, und nach einem Augenblick kam ich ziemlich matt auf ihre Tochter zurück.
»Ich nehme an, sie spricht und – isst und so weiter.«
»Oh ja.« Sie sah mich geistesabwesend an. »Hör zu, Nick, ich erzähle dir, was ich gesagt habe, als sie geboren wurde. Möchtest du es hören?«
»Sehr gern.«
»Daran siehst du, wie ich inzwischen über – die Dinge denke. Also, sie war noch keine Stunde alt, und Tom war Gott weiß wo. Ich wachte aus der Äthernarkose auf und fühlte mich vollkommen verlassen und fragte die Schwester gleich, ob es ein Junge oder ein Mädchen sei. Sie sagte, es sei ein Mädchen, also drehte ich den Kopf weg und weinte. ›Na gut‹, sagte ich, ›ich bin froh, dass es ein Mädchen ist. Und ich hoffe, sie wird ein Dummchen – das ist das Beste, was ein Mädchen auf dieser Welt sein kann, ein schönes kleines Dummchen.‹
»Siehst du, ich finde sowieso alles schrecklich«, fuhr sie überzeugt fort. »Alle denken so – die fortschrittlichsten Leute. Und ich weiß es. Ich bin überall gewesen und habe alles gesehen und alles getan.« Ihre Augen blitzten trotzig umher, ganz ähnlich wie Toms, und sie lachte mit erregender Verachtung. »Welterfahren – Gott, bin ich welterfahren!«
In dem Augenblick, als ihre Stimme abbrach und meine Aufmerksamkeit, meinen Glauben nicht mehr in ihren Bann zwang, spürte ich, dass ihre Worte im Grunde unaufrichtig gewesen waren. Das machte mich unbehaglich, als wäre der ganze Abend irgendein Trick gewesen, um auch mir eine Gefühlsregung abzunötigen. Ich wartete, und tatsächlich sah sie mich einen Augenblick später mit einem unverhohlen selbstgefälligen Lächeln auf ihrem schönen Gesicht an, als hätte sie ihre Mitgliedschaft in einem recht erlesenen Geheimbund bekräftigt, dem sie und Tom angehörten.
Drinnen blühte das karminrote Zimmer im Licht auf. Tom und Miss Baker saßen an den beiden Enden des langen Sofas, und sie las ihm aus der Saturday Evening Post vor – die Worte, murmelnd und ohne jede Betonung, flossen zu einer beruhigenden Melodie zusammen. Das Lampenlicht, hell auf seinen Stiefeln und matt auf dem Herbstlaubgelb ihres Haars, schimmerte über das Papier, als sie mit einem Zucken der schlanken Muskeln in ihren Armen eine Seite umblätterte.
Als wir hereinkamen, gebot sie uns mit erhobener Hand einen Augenblick Schweigen.
»Fortsetzung folgt«, sagte sie und warf die Zeitschrift auf den Tisch, »schon in unserer nächsten Ausgabe.«
Ihr Körper meldete sich mit einer unruhigen Bewegung des Knies, und sie stand auf.
»Zehn Uhr«, bemerkte sie, wobei sie die Zeit offenbar an der Decke ablas. »Zeit für dieses brave Mädchen, ins Bett zu gehen.«
»Jordan spielt morgen beim Turnier mit«, erklärte Daisy, »drüben in Westchester.«
»Ach – Sie sind Jordan Baker.«
Jetzt wusste ich, warum mir ihr Gesicht bekannt vorkam – sein reizvoll verächtlicher Ausdruck hatte mich auf vielen Tiefdruckbildern aus dem Sportleben von Asheville und Hot Springs und Palm Beach angesehen. Ich hatte auch irgendeine Geschichte über sie gehört, eine abfällige, unangenehme Geschichte, aber worum es dabei gegangen war, hatte ich längst vergessen.
»Gute Nacht«, sagte sie leise. »Weck mich um acht, ja?«
»Wenn du aufstehst.«
»Ich stehe auf. Gute Nacht, Mr. Carraway. Bis demnächst.«
»Natürlich werdet ihr euch wiedersehen«, bestätigte Daisy. »Ich glaube sogar, ich werde eine Ehe stiften. Komm oft vorbei, Nick, dann werde ich euch sozusagen – ach – einander in die Arme treiben. Weißt du – euch ganz aus Versehen in Wäscheschränke sperren und in einem Boot aufs Meer hinausschieben und all solche Sachen –«
»Gute Nacht«, rief Miss Baker von der Treppe. »Ich habe kein Wort gehört.«
»Sie ist ein nettes Mädchen«, sagte Tom nach einer Weile. »Die sollten sie nicht so im Land herumreisen lassen.«
»Wer sollte das nicht?«, fragte Daisy kühl.
»Ihre Familie.«
»Ihre Familie besteht aus einer Tante, die ungefähr tausend Jahre alt ist. Außerdem wird Nick auf sie aufpassen, nicht wahr, Nick? Sie wird diesen Sommer viele Wochenenden hier draußen verbringen. Ich glaube, die häusliche Atmosphäre wird ihr sehr guttun.«
Daisy und Tom sahen einander einen Augenblick schweigend an.
»Ist sie aus New York?«, fragte ich rasch.
»Aus Louisville. Unsere weiße Mädchenzeit haben wir dort gemeinsam verbracht. Unsere schöne weiße –«
»Hast du dich mit Nick auf der Veranda ein bisschen von Herz zu Herz unterhalten?«, fragte Tom plötzlich.
»Habe ich das?« Sie sah mich an. »Ich kann mich gerade nicht erinnern, aber ich glaube, wir haben über die nordische Rasse gesprochen. Ja, ganz bestimmt. Sie hat sich irgendwie an uns herangeschlichen, und ehe man sich versieht –«
»Glaub nicht alles, was du hörst, Nick«, riet er mir.
Ich sagte leichthin, ich hätte überhaupt nichts gehört, und ein paar Minuten später stand ich auf, um nach Hause zu fahren. Sie begleiteten mich zur Tür und standen Seite an Seite in einem heiteren Quadrat aus Licht. Als ich den Motor anließ, rief Daisy gebieterisch: »Warte!«
»Ich habe vergessen, dich etwas zu fragen, und es ist wichtig. Wir haben gehört, du wärst mit einem Mädchen im Westen verlobt.«
»Stimmt«, bekräftigte Tom freundlich. »Wir haben gehört, dass du verlobt bist.«
»Das ist Verleumdung. Ich bin zu arm.«
»Aber wir haben es gehört«, beharrte Daisy, wobei sie zu meiner Überraschung wieder wie eine Blume aufblühte. »Wir haben es von drei Leuten gehört, also muss es wahr sein.«
Natürlich wusste ich, worauf sie anspielten, aber ich war nicht einmal annähernd verlobt. Dass der Klatsch das Aufgebot verkündet hatte, war einer der Gründe gewesen, weshalb ich in den Osten gekommen war. Man kann nicht aufhören, mit einer alten Freundin auszugehen, bloß weil es Gerüchte gibt, und andererseits hatte ich keineswegs vor, mich von Gerüchten in die Ehe treiben zu lassen.
Ihr Interesse rührte mich ein wenig und ließ sie mir in ihrem Reichtum weniger entrückt erscheinen – trotzdem war ich verwirrt und ein wenig angewidert, als ich davonfuhr. Mir schien, Daisy müsste mit dem Kind im Arm aus dem Haus stürzen – doch offenbar hatte sie nichts Derartiges im Sinn. Was Tom betraf, so war die Tatsache, dass er »eine Frau in New York hatte«, eigentlich weniger überraschend, als dass ein Buch ihn bedrückt hatte. Irgendetwas brachte ihn dazu, am Rand abgestandener Ideen zu knabbern, als nähre sein robuster körperlicher Egoismus sein herrisches Herz nicht mehr.
Auf den Dächern der Gasthäuser an der Landstraße und vor den Werkstätten am Straßenrand, wo neue rote Benzinzapfsäulen draußen in Lichtlachen standen, war schon Hochsommer, und als ich mein Anwesen in West Egg erreichte, fuhr ich den Wagen unter sein Schutzdach und setzte mich eine Weile auf eine im Hof zurückgelassene Rasenwalze. Der Wind hatte sich verzogen und eine laute, helle Nacht hinterlassen, mit Flügelschlägen in den Bäumen und einem anhaltenden Orgelton, während der pralle Blasebalg der Erde die Frösche mit Leben vollblies. Der Schattenriss einer sich bewegenden Katze schwankte durchs Mondlicht, und als ich den Kopf wandte, um ihr nachzusehen, bemerkte ich, dass ich nicht allein war – fünfzig Fuß entfernt war eine Gestalt aus dem Schatten der Villa meines Nachbarn getreten und stand nun da, die Hände in den Taschen, und betrachtete den silbernen Pfeffer der Sterne. Etwas an seinen geruhsamen Bewegungen und dem sicheren Stand seiner Füße auf dem Rasen ließ vermuten, dass es Mr. Gatsby selbst war, der herausgekommen war, um festzustellen, welcher Anteil an unserem hiesigen Himmel ihm zustand.
Ich beschloss, ihm zuzurufen. Miss Baker hatte ihn beim Essen erwähnt, und das würde genügen, um mich vorzustellen. Aber ich rief ihm nicht zu, denn plötzlich ließ er erkennen, dass es ihm allein wohl war – er streckte die Arme auf seltsame Weise nach dem dunklen Wasser aus, und so weit ich auch von ihm entfernt war, ich hätte schwören können, dass er zitterte. Unwillkürlich sah ich aufs Meer hinaus – und konnte nichts erkennen als ein einziges grünes Licht, winzig und weit entfernt, das sich vielleicht am Ende eines Landungsstegs befand. Als ich wieder nach Gatsby sah, war er verschwunden, und ich war erneut allein in der unruhigen Dunkelheit.




