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Cover des Buches „Das Haus an der Grenze“ von William Hope Hodgson

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Das Haus an der Grenze

Von William Hope Hodgson

Gemeinfreier Klassiker von William Hope Hodgson · Neuübersetzung von NovelSpell

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Das Haus an der Grenze

William Hope Hodgson

Kapitel 1: Der Fund des Manuskripts

Weit draußen im Westen Irlands liegt ein winziger Weiler namens Kraighten. Er liegt einsam am Fuß eines niedrigen Hügels. Weit ringsum erstreckt sich eine trostlose, völlig unwirtliche Einöde; hier und da, in großen Abständen, stößt man auf die Ruine eines seit Langem verlassenen Häuschens – ohne Strohdach und kahl. Das ganze Land ist kahl und menschenleer, das Erdreich bedeckt kaum den Fels darunter, der überall die Landschaft durchsetzt und stellenweise in wellenförmigen Rücken aus dem Boden ragt.

Trotz dieser Ödnis hatten mein Freund Tonnison und ich beschlossen, dort unsere Ferien zu verbringen. Er war im Jahr zuvor während einer langen Wanderung rein zufällig auf den Ort gestoßen und hatte in einem kleinen, namenlosen Fluss, der am Rand des Dörfchens vorbeifließt, ein vielversprechendes Angelgewässer entdeckt.

Ich habe gesagt, dass der Fluss keinen Namen hat; ich kann hinzufügen, dass auf keiner der Landkarten, die ich bisher zu Rate gezogen habe, das Dorf oder der Fluss verzeichnet ist. Beide scheinen der Aufmerksamkeit völlig entgangen zu sein: Nach dem, was man aus den üblichen Reiseführern erfährt, könnte es sie tatsächlich ebenso gut gar nicht geben. Vielleicht erklärt sich dies zum Teil dadurch, dass der nächste Bahnhof (Ardrahan) etwa vierzig Meilen entfernt ist.

Es war noch früh an jenem warmen Abend, als mein Freund und ich in Kraighten ankamen. Wir hatten Ardrahan am Vorabend erreicht, dort in gemieteten Zimmern im Dorfpostamt übernachtet und waren am nächsten Morgen zeitig aufgebrochen, wobei wir uns auf einem der landestypischen zweirädrigen Wagen mehr schlecht als recht festhielten.

Wir hatten den ganzen Tag gebraucht, um den Weg über einige der holprigsten Pfade zurückzulegen, die man sich vorstellen kann, und waren entsprechend müde und etwas missmutig. Allerdings mussten wir das Zelt aufstellen und unsere Sachen verstauen, ehe wir an Essen oder Ruhe denken konnten. Und so machten wir uns mit Hilfe unseres Kutschers an die Arbeit und hatten das Zelt bald auf einem kleinen Stück Land gleich außerhalb des Dorfes und ganz in der Nähe des Flusses aufgeschlagen.

Nachdem wir dann all unsere Habe untergebracht hatten, ließen wir den Kutscher fahren, denn er musste sich möglichst rasch auf den Rückweg machen, und sagten ihm, er solle nach vierzehn Tagen wiederkommen. Wir hatten genügend Vorräte mitgebracht, um so lange auszukommen, und Wasser konnten wir aus dem Fluss holen. Brennmaterial brauchten wir nicht, denn zu unserer Ausrüstung gehörte ein kleiner Petroleumkocher, und das Wetter war schön und warm.

Es war Tonnisons Idee gewesen, im Freien zu zelten, statt uns in einem der Häuschen einzuquartieren. Wie er sich ausdrückte, war es kein Vergnügen, in einem Raum zu schlafen, in dem in der einen Ecke eine vielköpfige Familie gesunder Iren hauste und sich in der anderen der Schweinestall befand, während über einem eine zerzauste Hühnerschar auf ihren Stangen hockte und ihren Segen unparteiisch verteilte und das Ganze so voller Torfrauch war, dass man sich die Seele aus dem Leib nieste, sobald man nur den Kopf zur Tür hereinsteckte.

Tonnison hatte inzwischen den Kocher angezündet und schnitt gerade Speckscheiben in die Pfanne; also nahm ich den Kessel und ging zum Fluss hinunter, um Wasser zu holen. Unterwegs musste ich dicht an einer kleinen Gruppe von Dorfbewohnern vorbei, die mich neugierig, doch keineswegs unfreundlich musterten, obwohl keiner von ihnen ein Wort wagte.

Als ich mit dem gefüllten Kessel zurückkam, ging ich auf sie zu, nickte ihnen freundlich zu, was sie ebenso erwiderten, und erkundigte mich beiläufig nach dem Angeln; doch statt zu antworten, schüttelten sie nur schweigend den Kopf und starrten mich an. Ich wiederholte die Frage und wandte mich dabei besonders an einen großen, hageren Mann dicht neben mir; doch wieder erhielt ich keine Antwort. Dann drehte sich der Mann zu einem seiner Gefährten um und sagte rasch etwas in einer Sprache, die ich nicht verstand; augenblicklich schwatzte die ganze Schar durcheinander, und zwar, wie ich nach wenigen Augenblicken vermutete, in reinem Irisch. Dabei warfen sie immer wieder Blicke in meine Richtung. Vielleicht eine Minute lang redeten sie so untereinander; dann wandte der Mann, den ich angesprochen hatte, sich wieder mir zu und sagte etwas. Seinem Gesichtsausdruck nach vermutete ich, dass er nun seinerseits eine Frage an mich richtete; doch jetzt musste ich den Kopf schütteln und zu verstehen geben, dass ich nicht begriff, was sie wissen wollten; und so standen wir da und sahen einander an, bis ich Tonnison rufen hörte, ich solle mich mit dem Kessel beeilen. Mit einem Lächeln und einem Nicken verließ ich sie daraufhin, und alle in der kleinen Gruppe lächelten und nickten zurück, obwohl ihre Gesichter noch immer Ratlosigkeit verrieten.

Offenbar, so überlegte ich auf dem Weg zum Zelt, verstanden die Bewohner dieser wenigen Hütten in der Wildnis kein Wort Englisch; und als ich es Tonnison erzählte, bemerkte er, das wisse er, und mehr noch, es sei in dieser Gegend keineswegs ungewöhnlich, denn die Menschen lebten und starben oft in ihren abgelegenen Weilern, ohne je mit der Außenwelt in Berührung zu kommen.

»Ich wünschte, wir hätten den Kutscher noch für uns dolmetschen lassen, bevor er weggefahren ist«, sagte ich, als wir uns zum Essen setzten. »Ich finde es so seltsam, dass die Leute hier nicht einmal wissen, weshalb wir gekommen sind.«

Tonnison brummte zustimmend und schwieg daraufhin eine Weile.

Später, als unser Hunger einigermaßen gestillt war, kamen wir ins Gespräch und schmiedeten Pläne für den nächsten Tag; dann rauchten wir noch, schlossen die Zeltklappe und machten uns zum Schlafen bereit.

»Die Burschen da draußen werden uns doch wohl nichts wegnehmen?«, fragte ich, während wir uns in unsere Decken wickelten.

Tonnison sagte, das glaube er nicht, jedenfalls nicht, solange wir in der Nähe seien; außerdem, so erklärte er weiter, könnten wir alles bis aufs Zelt in der großen Truhe einschließen, die wir für unsere Vorräte mitgebracht hatten. Damit war ich einverstanden, und bald schliefen wir beide.

Früh am nächsten Morgen standen wir auf und gingen im Fluss schwimmen; danach zogen wir uns an und frühstückten. Dann holten wir unser Angelgerät hervor und sahen es gründlich durch; inzwischen hatten wir unser Frühstück schon ein wenig verdaut, und so verstauten wir alles sicher im Zelt und marschierten in die Richtung, die mein Freund bei seinem vorigen Besuch erkundet hatte.

Tagsüber angelten wir vergnügt und arbeiteten uns stetig flussaufwärts vor; am Abend hatten wir einen der schönsten Fänge im Korb, die ich seit Langem gesehen hatte. Zurück im Dorf aßen wir uns an unserer Tagesbeute satt, suchten dann ein paar der schöneren Fische für unser Frühstück aus und schenkten den Rest den Dorfbewohnern, die sich in respektvollem Abstand versammelt hatten, um unser Treiben zu beobachten. Sie schienen überaus dankbar und häuften, wie ich annahm, ganze Berge irischer Segenswünsche auf unsere Häupter.

So verbrachten wir mehrere Tage, hatten viel Vergnügen beim Angeln und einen vorzüglichen Appetit, mit dem wir unserer Beute alle Ehre erwiesen. Es freute uns, wie freundlich die Dorfbewohner uns gesinnt waren, und dass es kein Anzeichen dafür gab, sie hätten sich während unserer Abwesenheit an unseren Sachen zu schaffen gemacht.

An einem Dienstag waren wir in Kraighten angekommen, und am darauffolgenden Sonntag sollten wir eine große Entdeckung machen. Bisher waren wir immer flussaufwärts gegangen; an jenem Tag jedoch legten wir unsere Ruten beiseite, nahmen etwas Proviant mit und brachen zu einer langen Wanderung in die entgegengesetzte Richtung auf. Der Tag war warm, und wir gingen recht gemächlich dahin; gegen Mittag machten wir auf einem großen, flachen Felsen nahe dem Flussufer Halt, um unser Mittagessen zu verzehren. Anschließend saßen wir noch eine Weile da und rauchten; erst als wir das Nichtstun leid waren, setzten wir unseren Weg fort.

Vielleicht eine weitere Stunde wanderten wir dahin, plauderten ruhig und behaglich über dies und das und hielten mehrmals an, während mein Begleiter – der eine gewisse künstlerische Begabung hat – ein paar grobe Skizzen besonders eindrucksvoller Partien der wilden Landschaft anfertigte.

Und dann, ohne die geringste Vorwarnung, endete der Fluss, dem wir so zuversichtlich gefolgt waren, ganz unvermittelt – er verschwand in der Erde.

»Du lieber Himmel!«, sagte ich. »Wer hätte das je gedacht?«

Und ich starrte voller Verwunderung hin; dann wandte ich mich Tonnison zu. Er blickte mit ausdrucksloser Miene auf die Stelle, an der der Fluss verschwand.

Einen Augenblick später sprach er.

»Lass uns noch ein Stück weitergehen; vielleicht taucht er wieder auf – jedenfalls lohnt es sich, nachzusehen.«

Ich stimmte zu, und wir gingen weiter, wenn auch ziemlich ziellos; denn wir waren uns keineswegs sicher, in welcher Richtung wir unsere Suche fortsetzen sollten. Etwa eine Meile kamen wir voran; dann blieb Tonnison, der sich neugierig umgesehen hatte, stehen und hielt die Hand über die Augen.

»Sieh mal!«, sagte er nach einem Augenblick. »Ist das nicht Nebel oder etwas Ähnliches, da drüben rechts – weit dahinten, auf einer Linie mit dem großen Felsblock?« Und er deutete mit der Hand dorthin.

Ich starrte hin, und nach einer Minute glaubte ich etwas zu erkennen, war mir aber nicht sicher und sagte das auch.

»Wie auch immer«, erwiderte mein Freund, »wir gehen einfach hinüber und sehen nach.« Und er machte sich in die angegebene Richtung auf, ich folgte ihm. Bald gerieten wir zwischen Büsche und kamen nach einer Weile an den oberen Rand eines hohen, mit Felsblöcken übersäten Hangs, von wo aus wir auf eine Wildnis aus Büschen und Bäumen hinabsahen.

»Sieht aus, als hätten wir in dieser Steinwüste eine Oase gefunden«, murmelte Tonnison und blickte interessiert hinab. Dann schwieg er und sah unverwandt auf eine Stelle; auch ich sah hin, denn irgendwo ungefähr in der Mitte der bewaldeten Niederung stieg eine mächtige Säule nebelartiger Gischt hoch in die stille Luft, auf die die Sonne schien und dabei unzählige Regenbögen entstehen ließ.

»Wie schön!«, rief ich.

»Ja«, antwortete Tonnison nachdenklich. »Dort drüben muss ein Wasserfall sein oder etwas Ähnliches. Vielleicht ist das unser Fluss, der da wieder ans Tageslicht kommt. Lass uns nachsehen.«

Wir stiegen den Hang hinunter und drangen zwischen die Bäume und Sträucher ein. Die Büsche waren ineinander verschlungen, und die Bäume hingen über uns, sodass es dort unangenehm düster war; doch nicht dunkel genug, um mich nicht erkennen zu lassen, dass viele der Bäume Obstbäume waren und sich hier und da noch undeutlich Spuren einer längst aufgegebenen Pflege abzeichneten. So ging mir auf, dass wir uns durch das wuchernde Dickicht eines großen, uralten Gartens schlugen. Ich sagte es Tonnison, und er meinte ebenfalls, für meine Vermutung scheine es durchaus gute Gründe zu geben.

Was für ein verwilderter Ort, so trostlos und düster! Irgendwie wurde mir, je weiter wir gingen, die stille Einsamkeit und Verlassenheit des alten Gartens immer stärker bewusst, und mich fröstelte. Man konnte sich vorstellen, dass in dem Buschgewirr Wesen lauerten; selbst die Luft an diesem Ort schien etwas Unheimliches zu haben. Ich glaube, auch Tonnison spürte dies, obwohl er nichts sagte.

Plötzlich blieben wir stehen. Durch die Bäume war allmählich ein fernes Geräusch an unser Ohr gedrungen. Tonnison beugte sich lauschend vor. Ich konnte es jetzt deutlicher hören; es klang rau und riss nicht ab – eine Art dröhnendes Brüllen, das von weit her zu kommen schien. Ein seltsames, unbeschreibliches Gefühl leiser Beklommenheit erfasste mich. Was war das für ein Ort, an den wir da geraten waren? Ich sah meinen Begleiter an, um herauszufinden, was er davon hielt, und bemerkte nur Ratlosigkeit in seinem Gesicht; doch während ich seine Züge beobachtete, nahmen sie allmählich einen Ausdruck des Begreifens an, und er nickte.

»Das ist ein Wasserfall«, rief er voller Überzeugung. »Jetzt erkenne ich das Geräusch.« Und er begann, sich energisch durch die Büsche in Richtung des Geräusches zu drängen.

Je weiter wir kamen, desto deutlicher wurde das Geräusch, woran sich zeigte, dass wir geradewegs darauf zugingen. Stetig wurde das Brausen lauter und kam näher, bis es, wie ich Tonnison sagte, beinahe aus dem Boden unter unseren Füßen zu kommen schien – und noch immer waren wir rings von Bäumen und Sträuchern umgeben.

»Vorsicht!«, rief Tonnison mir zu. »Sieh hin, wohin du trittst.« Und dann traten wir unvermittelt aus den Bäumen auf eine große freie Fläche hinaus, wo keine sechs Schritte vor uns der Schlund eines gewaltigen Abgrunds gähnte, aus dessen Tiefen das Getöse aufzusteigen schien, zugleich mit der nebelartigen Gischt, die unablässig emporstieg und die wir vom oberen Rand des fernen Hangs aus gesehen hatten.

Eine ganze Minute lang standen wir schweigend da und starrten fassungslos auf diesen Anblick; dann ging mein Freund vorsichtig zum Rand des Abgrunds vor. Ich folgte ihm, und gemeinsam blickten wir durch brodelnde Gischt auf einen ungeheuren Wasserfall hinunter, der knapp hundert Fuß unter uns schäumend aus der Wand des Abgrunds hervorschoss.

»Du lieber Himmel!«, sagte Tonnison.

Ich schwieg, von einer gewissen Ehrfurcht ergriffen. Der Anblick war so unverhofft großartig und unheimlich; wobei sich das Unheimliche erst später stärker bemerkbar machte.

Nach einer Weile hob ich den Blick und sah zum anderen Rand des Abgrunds hinüber. Dort sah ich etwas aus der Gischt aufragen: Es wirkte wie das Bruchstück einer großen Ruine, und ich berührte Tonnison an der Schulter. Er fuhr zusammen und sah sich um, und ich deutete auf das Gebilde. Sein Blick folgte meinem Finger, und als er es sah, blitzte jähe Erregung in seinen Augen auf.

»Komm mit!«, schrie er gegen das Getöse an. »Das sehen wir uns an. Dieser Ort hat etwas Merkwürdiges; ich spüre es in den Knochen.« Und er ging am Rand des kraterartigen Abgrunds entlang. Als wir uns dem neuen Fund näherten, sah ich, dass mein erster Eindruck mich nicht getäuscht hatte. Es war zweifellos ein Teil eines verfallenen Gebäudes; doch nun erkannte ich, dass es nicht, wie ich zunächst angenommen hatte, unmittelbar am Rand des Abgrunds stand, sondern fast am äußersten Ende eines gewaltigen Felsvorsprungs, der etwa fünfzig oder sechzig Fuß weit über den Abgrund hinausragte. Die zackige Ruinenmasse hing also buchstäblich frei in der Luft.

Als wir ihr gegenüber angelangt waren, traten wir auf den vorspringenden Felsarm hinaus, und ich muss gestehen, dass mich unerträgliche Angst überkam, als ich von dieser schwindelerregenden Höhe in die unbekannten Tiefen unter uns hinabblickte – in die Tiefen, aus denen unablässig der Donner des stürzenden Wassers und ein Schleier aus Gischt aufstiegen.

An der Ruine angekommen, kletterten wir vorsichtig um sie herum und stießen auf der anderen Seite auf einen Haufen herabgestürzter Steine und Schutt. Als ich die Ruine nun genauer untersuchte, schien sie mir ein Teil der Außenmauer eines gewaltigen Bauwerks zu sein, so dick und solide war sie gebaut; doch was sie an dieser Stelle zu suchen hatte, konnte ich mir beim besten Willen nicht erklären. Wo war der Rest des Hauses oder Schlosses, oder was auch immer hier gestanden haben mochte?

Ich ging wieder zur Außenseite der Mauer und von dort zum Rand des Abgrunds, während Tonnison auf der Außenseite systematisch den Haufen aus Steinen und Schutt durchwühlte. Dann begann ich, den Boden nahe dem Rand des Abgrunds zu untersuchen, um zu sehen, ob nicht weitere Überreste des Gebäudes erhalten waren, zu dem der Mauerrest offensichtlich gehörte. Aber so sorgfältig ich den Boden auch absuchte, ich konnte nichts entdecken, was darauf hingedeutet hätte, dass an dieser Stelle jemals ein Gebäude gestanden hatte, und ich war ratloser denn je.

Da hörte ich einen Ruf von Tonnison; aufgeregt schrie er meinen Namen, und sofort eilte ich über die Felszunge zur Ruine. Ich fragte mich, ob er sich verletzt hatte; dann kam mir der Gedanke, dass er vielleicht etwas gefunden hatte.

Ich erreichte die verfallene Mauer und kletterte um sie herum. Dort fand ich Tonnison in einer kleinen Vertiefung stehen, die er im Schutt ausgehoben hatte: Er strich den Schmutz von etwas, das wie ein arg zerknittertes, stark mitgenommenes Buch aussah, und öffnete alle ein, zwei Sekunden den Mund, um meinen Namen zu brüllen. Sobald er sah, dass ich da war, reichte er mir seinen Fund und sagte, ich solle ihn in meine Umhängetasche stecken, damit er vor der Feuchtigkeit geschützt sei, während er seine Nachforschungen fortsetzte. Das tat ich, ließ zuvor jedoch die Seiten durch die Finger gleiten und stellte fest, dass sie dicht mit einer säuberlichen, altmodischen Handschrift beschrieben waren, die sich gut lesen ließ, bis auf einen Abschnitt, in dem viele Seiten fast zerstört waren, mit Schlamm verschmiert und zerknittert, als wäre das Buch an jener Stelle nach hinten umgeknickt worden. Genau so, erfuhr ich von Tonnison, hatte er es tatsächlich vorgefunden, und der Schaden war vermutlich dadurch entstanden, dass Mauerwerk auf die aufgeschlagene Stelle gefallen war. Seltsamerweise war das Buch ziemlich trocken, was ich darauf zurückführte, dass es so gut zwischen den Trümmern begraben gelegen hatte.

Nachdem ich den Band sicher verstaut hatte, packte ich mit an und half Tonnison bei seiner selbst auferlegten Grabungsarbeit; doch obwohl wir über eine Stunde lang angestrengt arbeiteten und den ganzen Haufen aus Steinen und Schutt umwälzten, fanden wir nichts weiter als ein paar Holzbruchstücke, die Teile eines Schreibtischs oder Tisches gewesen sein mochten; und so gaben wir die Suche auf und gingen über den Felsen zurück, bis wir wieder auf sicherem Boden standen.

Als Nächstes umrundeten wir den gewaltigen Abgrund vollständig und konnten dabei erkennen, dass er die Form eines fast vollkommenen Kreises hatte, bis auf die Stelle, an der der von der Ruine gekrönte Felsvorsprung hineinragte und die Symmetrie störte.

Der Abgrund glich, wie Tonnison es ausdrückte, am ehesten einem gigantischen Brunnen oder Schacht, der senkrecht in die Eingeweide der Erde hinabführte.

Noch eine Weile standen wir da und starrten in die Runde; dann bemerkten wir nördlich des Abgrunds eine freie Fläche und schlugen diese Richtung ein.

Hier stießen wir, einige hundert Yard von der Öffnung des mächtigen Abgrunds entfernt, auf einen großen See mit stillem Wasser – still allerdings nur bis auf eine Stelle, an der es unaufhörlich blubberte und gurgelte.

Jetzt, abseits des Getöses des hervorschießenden Wasserfalls, konnten wir einander hören, ohne aus voller Kehle schreien zu müssen, und ich fragte Tonnison, was er von diesem Ort hielt – ich sagte ihm, dass es mir hier nicht gefiel und ich umso zufriedener wäre, je eher wir wieder draußen wären.

Er nickte zur Antwort und warf einen verstohlenen Blick auf den Wald hinter uns. Ich fragte ihn, ob er etwas gesehen oder gehört habe. Er antwortete nicht, sondern stand schweigend da, als lausche er, und auch ich verhielt mich still.

Plötzlich sprach er.

»Horch!«, sagte er scharf. Ich sah ihn an und dann zwischen die Bäume und Büsche, wobei ich unwillkürlich den Atem anhielt. Eine Minute verstrich in angespannter Stille; doch ich hörte nichts und wandte mich Tonnison zu, um ihm das zu sagen; und dann, gerade als ich die Lippen zum Sprechen öffnete, kam aus dem Wald zu unserer Linken ein seltsames Wehklagen. … Es schien durch die Bäume zu schweben, es raschelte in den Blättern, und dann Stille.

Auf einmal sprach Tonnison und legte mir eine Hand auf die Schulter. »Lass uns hier weggehen«, sagte er und ging langsam auf die Stelle zu, wo die Bäume und Büsche ringsum am lichtesten zu stehen schienen. Als ich ihm folgte, wurde mir plötzlich bewusst, dass die Sonne tief stand und eine unangenehme Kälte in der Luft lag.

Tonnison sagte weiter nichts, sondern ging gleichmäßig weiter. Wir waren jetzt zwischen den Bäumen, und ich blickte mich nervös um; doch ich sah nichts als die stillen Zweige und Stämme und die verschlungenen Büsche. Wir gingen weiter, und kein Laut brach die Stille, bis auf das gelegentliche Knacken eines Zweiges unter unseren Füßen beim Weitergehen. Doch trotz der Stille hatte ich das entsetzliche Gefühl, dass wir nicht allein waren; und ich hielt mich so dicht hinter Tonnison, dass ich zweimal ungeschickt mit dem Fuß gegen seine Fersen stieß, doch er sagte nichts dazu. Eine Minute verging, dann noch eine, und wir erreichten den Waldrand und traten endlich in die kahle, felsige Landschaft hinaus. Erst jetzt konnte ich das Grauen abschütteln, das mich zwischen den Bäumen verfolgt hatte.

Einmal, als wir uns entfernten, schien wieder ein fernes Wehklagen zu ertönen, und ich sagte mir, es sei der Wind – doch der Abend war windstill.

Nach einer Weile begann Tonnison zu sprechen.

»Hör zu«, sagte er bestimmt, »ich würde für allen Reichtum der Welt keine Nacht an diesem Ort verbringen. Er hat etwas Unheiliges – Teuflisches – an sich. Ich habe es mit einem Mal gespürt, gleich nachdem du gesprochen hattest. Mir war, als sei der Wald voller abscheulicher Dinge – du weißt schon!«

»Ja«, antwortete ich und blickte dorthin zurück; doch eine Erhebung im Gelände verbarg den Ort vor uns.

»Da ist noch das Buch«, sagte ich und steckte die Hand in meine Umhängetasche.

»Du hast es sicher verstaut?«, fragte er plötzlich besorgt.

»Ja«, antwortete ich.

»Vielleicht«, fuhr er fort, »erfahren wir etwas daraus, wenn wir wieder im Zelt sind. Wir sollten uns auch besser beeilen; wir haben noch einen weiten Weg, und mir ist jetzt gar nicht danach, hier draußen von der Dunkelheit überrascht zu werden.«

Zwei Stunden später erreichten wir das Zelt und machten uns unverzüglich daran, eine Mahlzeit zuzubereiten; denn seit unserem Essen um die Mittagszeit hatten wir nichts mehr zu uns genommen.

Nach dem Abendessen räumten wir die Sachen weg und zündeten unsere Pfeifen an. Dann bat Tonnison mich, das Manuskript aus meiner Umhängetasche zu holen. Ich tat es, und da wir nicht beide gleichzeitig darin lesen konnten, schlug er vor, ich solle es laut vorlesen. »Und denk dran«, mahnte er, der meine Neigungen kannte, »überspring nicht das halbe Buch.«

Hätte er jedoch gewusst, was es enthielt, so hätte er erkannt, wie überflüssig ein solcher Rat wenigstens dieses eine Mal war. Und dort saß ich im Eingang unseres kleinen Zeltes und begann die seltsame Geschichte Das Haus an der Grenze vorzulesen (denn so lautete der Titel des Manuskripts); sie wird auf den folgenden Seiten erzählt.


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