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Buchcover von «Die Eisenbahnkinder» von E. Nesbit

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Die Ei­sen­bahn­kin­der

Von E. Nesbit

Gemeinfreier Klassiker von E. Nesbit · Neuübersetzung von NovelSpell

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Die Ei­sen­bahn­kin­der

E. Nesbit

Kapitel 1: Wie alles begann

Am Anfang waren sie keine Eisenbahnkinder. Ich glaube nicht, dass sie je an die Eisenbahn gedacht hatten, außer als Möglichkeit, zu Maskelyne und Cook, in die Pantomime, in den Zoologischen Garten und zu Madame Tussauds zu gelangen. Sie waren einfach ganz gewöhnliche Vorstadtkinder und wohnten mit Vater und Mutter in einer gewöhnlichen Villa mit einer Fassade aus roten Backsteinen, buntem Glas in der Haustür, einem gefliesten Flur, den man Halle nannte, einem Badezimmer mit warmem und kaltem Wasser, elektrischen Klingeln, Fenstertüren und reichlich weißem Anstrich und »allem modernen Komfort«, wie die Hausmakler sagen.

Es waren drei Kinder. Roberta war die Älteste. Natürlich haben Mütter niemals Lieblingskinder, aber wenn ihre Mutter ein Lieblingskind gehabt hätte, dann wäre es vielleicht Roberta gewesen. Dann kam Peter, der Ingenieur werden wollte, wenn er groß war; und die Jüngste war Phyllis, die es außerordentlich gut meinte.

Mutter verbrachte nicht ihre ganze Zeit damit, langweiligen Damen langweilige Besuche zu machen und gelangweilt zu Hause darauf zu warten, dass langweilige Damen ihr Besuche machten. Sie war fast immer da, bereit, mit den Kindern zu spielen, ihnen vorzulesen und ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen. Außerdem schrieb sie Geschichten für sie, während sie in der Schule waren, und las sie ihnen nach dem Tee vor, und zu ihren Geburtstagen und anderen großen Anlässen erfand sie immer lustige Gedichte, etwa zur Taufe der neuen Kätzchen oder zur Neueinrichtung des Puppenhauses oder damals, als sie sich vom Mumps erholten.

Diese drei glücklichen Kinder hatten immer alles, was sie brauchten: hübsche Kleider, gut geheizte Zimmer, ein herrliches Kinderzimmer mit haufenweise Spielzeug und einer Mutter-Gans-Tapete. Sie hatten ein freundliches, fröhliches Kindermädchen und einen Hund, der James hieß und ihnen ganz allein gehörte. Außerdem hatten sie einen Vater, der einfach vollkommen war – niemals ärgerlich, niemals ungerecht und immer zu einem Spiel bereit –, jedenfalls hatte er, wenn er einmal nicht dazu bereit war, stets einen ausgezeichneten Grund und erklärte ihn den Kindern so interessant und lustig, dass sie ganz sicher waren, er könne gar nicht anders.

Ihr werdet denken, dass sie sehr glücklich gewesen sein müssten. Das waren sie auch, aber wie glücklich, wussten sie erst, als das schöne Leben in der Roten Villa ein für alle Mal vorüber war und sie ein ganz anderes Leben führen mussten.

Der schreckliche Wandel kam ganz plötzlich.

Peter hatte Geburtstag – seinen zehnten. Unter seinen Geschenken war eine Modelllokomotive, so vollkommen, wie ihr sie euch nicht einmal im Traum hättet vorstellen können. Die anderen Geschenke waren voller Zauber, doch von der Lokomotive ging mehr Zauber aus als von jedem der anderen.

Genau drei Tage lang war ihr Zauber vollkommen. Dann ging die Lokomotive plötzlich mit einem Knall in die Luft, entweder wegen Peters Unerfahrenheit oder wegen Phyllis’ guter Absichten, die sich recht nachdrücklich bemerkbar gemacht hatten, oder aus irgendeinem anderen Grund. James erschrak so sehr, dass er hinauslief und den ganzen Tag nicht wiederkam. Alle Leute aus der Arche Noah, die im Tender saßen, gingen in Stücke, aber sonst kamen nur die arme kleine Lokomotive und Peters Gefühle zu Schaden. Die anderen behaupteten, er habe deswegen geweint – aber natürlich weinen zehnjährige Jungen nicht, wie schrecklich auch die Tragödien sein mögen, die ihr Los verdüstern. Er sagte, seine Augen seien rot, weil er Schnupfen habe. Wie sich herausstellte, stimmte das, obwohl Peter es selbst noch nicht wusste, als er es sagte: Am nächsten Tag musste er ins Bett und dort bleiben. Mutter fürchtete schon, er brüte vielleicht die Masern aus, als er sich plötzlich im Bett aufsetzte und sagte:

»Ich hasse Haferschleim – ich hasse Gerstenwasser – ich hasse Brot mit Milch. Ich will aufstehen und etwas Richtiges essen.«

»Was möchtest du denn?«, fragte Mutter.

»Eine Taubenpastete«, sagte Peter eifrig, »eine große Taubenpastete. Eine sehr große.«

Also bat Mutter die Köchin, eine große Taubenpastete zu machen. Die Pastete wurde gemacht. Und als die Pastete gemacht war, wurde sie gebacken. Und als sie gebacken war, aß Peter ein Stück davon. Danach ging es ihm mit seinem Schnupfen besser. Während die Pastete gemacht wurde, dichtete Mutter etwas, um ihn zu unterhalten. Am Anfang hieß es darin, was für ein unglücklicher, aber braver Junge Peter sei, und dann ging es so weiter:

Er hatte eine Lokomotive,

die liebt’ er innig und sehr;

sie heil zu halten war auf Erden

sein einziger Wunsch und Begehr.

Einst – Freunde, fasst euch, denn nun kommt

das Schlimmste; seid gefasst –

da drehte eine Schraube durch,

und dann – der Kessel barst!

Mit finstrer Miene hob er sie auf

und hat sie zur Mutter gebracht,

doch selbst er konnt’ nicht glauben, sie hätte

ihm eine neue gemacht.

Die auf der Strecke umgekommen,

die schienen ihm ganz einerlei;

die Lokomotive galt ihm mehr

als all die Leute mit dabei.

Jetzt seht ihr, weshalb unser Peter

so krank geworden ist:

Er tröstet sich mit Taubenpastete,

bis ihn der Gram nicht länger frisst.

Er hüllt sich warm in seine Decken

und schläft bis spät im Bett,

entschlossen, so sein schlimmes Los

am Ende zu bezwingen.

Und sind die Augen etwas rot,

muss das der Schnupfen sein;

bietet ihm Pastete an – ganz sicher

sagt er dazu nie nein.

Vater war für drei oder vier Tage aufs Land gefahren. Alle Hoffnung, dass seine angeschlagene Lokomotive wieder gesund werden könnte, setzte Peter nun auf ihn, denn Vater war mit den Händen ganz erstaunlich geschickt. Er konnte alle möglichen Dinge reparieren. Oft schon hatte er das hölzerne Schaukelpferd als Tierarzt behandelt; einmal hatte er ihm das Leben gerettet, als man schon an aller menschlichen Hilfe verzweifelte und das arme Geschöpf verloren gab und sogar der Tischler sagte, er wisse nicht, was da noch zu machen sei. Und Vater war es, der die Puppenwiege reparierte, als sonst niemand es konnte; und mit ein wenig Leim, ein paar Holzstückchen und einem Taschenmesser stellte er sämtliche Tiere aus der Arche Noah wieder so fest auf die Beine wie eh und je, wenn nicht noch fester.

Mit heldenhafter Selbstlosigkeit sagte Peter kein Wort von seiner Lokomotive, bis Vater sein Abendessen gegessen und seine Zigarre danach geraucht hatte. Die Selbstlosigkeit war Mutters Idee – aber Peter war es, der sie in die Tat umsetzte. Und dazu brauchte er eine ganze Menge Geduld.

Endlich sagte Mutter zu Vater: »So, mein Lieber, wenn du dich jetzt richtig ausgeruht hast und es dir ganz gemütlich ist, möchten wir dir von dem großen Eisenbahnunglück erzählen und dich um Rat fragen.«

»Na schön«, sagte Vater, »dann schießt mal los!«

Also erzählte Peter die traurige Geschichte und holte, was von der Lokomotive noch übrig war.

»Hm«, sagte Vater, nachdem er die Lokomotive sehr gründlich untersucht hatte.

Die Kinder hielten den Atem an.

»Gibt es keine Hoffnung?«, fragte Peter leise und mit unsicherer Stimme.

»Hoffnung? Aber gewiss! Jede Menge«, sagte Vater fröhlich. »Nur wird außer Hoffnung noch etwas anderes nötig sein – ein bisschen Hartlöten vielleicht, oder etwas Lötzinn, und ein neues Ventil. Ich glaube, wir heben sie uns am besten für einen Regentag auf. Mit anderen Worten: Ich nehme mir den Samstagnachmittag dafür, und ihr dürft mir alle helfen.«

»Können Mädchen denn helfen, Lokomotiven zu reparieren?«, fragte Peter zweifelnd.

»Natürlich können sie das. Mädchen sind genauso gescheit wie Jungen, und das vergisst du mir nicht! Wie würde es dir gefallen, Lokomotivführerin zu sein, Phil?«

»Dann wäre mein Gesicht doch immer schmutzig, oder?«, sagte Phyllis ohne große Begeisterung, »und ich würde bestimmt etwas kaputt machen.«

»Ich fände das herrlich«, sagte Roberta. »Meinst du, das könnte ich werden, wenn ich groß bin, Papa? Oder auch nur Kohlenschipper?«

»Du meinst Heizer«, sagte Papa und zog und drehte an der Lokomotive. »Nun, wenn du es noch immer möchtest, wenn du groß bist, dann wollen wir sehen, ob wir eine Heizerin aus dir machen können. Ich weiß noch, als ich ein Junge war –«

Genau da klopfte es an der Haustür.

»Wer mag das bloß sein!«, sagte Vater. »Das Haus eines Engländers ist natürlich seine Burg, aber ich wünschte doch, man würde Doppelvillen mit Wassergräben und Zugbrücken bauen.«

Ruth – sie war das Stubenmädchen und hatte rote Haare – kam herein und sagte, zwei Herren wünschten den Herrn zu sprechen.

»Ich habe sie in die Bibliothek geführt, gnädiger Herr«, sagte sie.

»Es geht bestimmt um die Sammlung für das Ehrengeschenk an den Pfarrer«, sagte Mutter, »oder um die Ferienkasse des Kirchenchors. Sieh zu, dass du sie schnell wieder loswirst, mein Lieber. So etwas reißt einen Abend richtig auseinander, und für die Kinder ist es gleich Schlafenszeit.«

Aber Vater schien die Herren durchaus nicht so schnell wieder loswerden zu können.

»Ich wünschte, wir hätten einen Wassergraben und eine Zugbrücke«, sagte Roberta. »Wenn wir dann niemanden sehen wollten, könnten wir einfach die Zugbrücke hochziehen, und keiner käme mehr herein. Wenn die noch viel länger bleiben, hat Vater bestimmt vergessen, was er von damals erzählen wollte, als er ein Junge war.«

Mutter versuchte, ihnen die Zeit mit einem neuen Märchen von einer Prinzessin mit grünen Augen zu vertreiben, aber das war schwierig, denn sie konnten Vaters Stimme und die Stimmen der Herren in der Bibliothek hören, und Vaters Stimme klang lauter und anders als sonst, wenn er mit Leuten sprach, die wegen Ehrengeschenken und Ferienkassen kamen.

Dann klingelte es aus der Bibliothek, und alle atmeten erleichtert auf.

»Jetzt gehen sie«, sagte Phyllis. »Er hat geklingelt, damit man sie hinausbegleitet.«

Doch statt jemanden hinauszubegleiten, kam Ruth selbst herein, und die Kinder fanden, dass sie seltsam aussah.

»Bitte, gnädige Frau«, sagte sie, »der Herr möchte, dass Sie eben ins Arbeitszimmer kommen. Er sieht aus wie der Tod, gnädige Frau; ich glaube, er hat schlechte Nachrichten bekommen. Machen Sie sich lieber aufs Schlimmste gefasst, gnädige Frau – vielleicht ist jemand aus der Familie gestorben oder eine Bank pleitegegangen oder –«

»Schon gut, Ruth«, sagte Mutter sanft. »Sie können gehen.«

Dann ging Mutter in die Bibliothek. Wieder wurde gesprochen. Dann klingelte es noch einmal, und Ruth holte eine Droschke. Die Kinder hörten Stiefelschritte hinausgehen und die Stufen hinunter. Die Droschke fuhr davon, und die Haustür ging zu. Dann kam Mutter herein. Ihr liebes Gesicht war so weiß wie ihr Spitzenkragen, und ihre Augen wirkten sehr groß und glänzend. Ihr Mund sah aus wie ein einziger blassroter Strich – ihre Lippen waren schmal und hatten überhaupt nicht mehr ihre gewohnte Form.

»Es ist Schlafenszeit«, sagte sie. »Ruth bringt euch ins Bett.«

»Aber du hast uns doch versprochen, dass wir heute länger aufbleiben dürfen, weil Vater wieder zu Hause ist«, sagte Phyllis.

»Vater musste noch einmal fort – geschäftlich«, sagte Mutter. »Kommt, meine Lieblinge, geht jetzt gleich.«

Sie küssten sie und gingen. Roberta blieb noch einen Augenblick, um Mutter ein weiteres Mal fest zu umarmen und ihr zuzuflüstern:

»Es waren doch keine schlechten Nachrichten, Mami, oder? Ist jemand gestorben – oder –«

»Gestorben ist niemand – nein«, sagte Mutter, und es sah beinahe so aus, als schiebe sie Roberta von sich. »Ich kann dir heute Abend nichts erzählen, mein Schatz. Geh, mein Liebes, geh jetzt.«

Also ging Roberta.

Ruth bürstete den Mädchen die Haare und half ihnen beim Ausziehen. (Das tat Mutter fast immer selbst.) Als sie das Gaslicht heruntergedreht und die beiden verlassen hatte, fand sie Peter noch angezogen auf der Treppe, wo er auf sie wartete.

»Du, Ruth, was ist denn los?«, fragte er.

»Frag mich nichts, dann brauch ich dir auch nichts vorzulügen«, erwiderte die rothaarige Ruth. »Du wirst es noch früh genug erfahren.«

Spät in dieser Nacht kam Mutter herauf und küsste alle drei Kinder, die schlafend in ihren Betten lagen. Aber nur Roberta wachte von dem Kuss auf, und sie lag mäuschenstill da und sagte nichts.

»Wenn Mutter nicht will, dass wir wissen, dass sie geweint hat«, sagte sie sich, als sie durch die Dunkelheit Mutters stockenden Atem hörte, »dann wissen wir es eben nicht. Das ist alles.«

Als sie am nächsten Morgen zum Frühstück herunterkamen, war Mutter schon fort.

»Nach London«, sagte Ruth und ließ sie mit ihrem Frühstück allein.

»Irgendetwas ist ganz furchtbar schiefgegangen«, sagte Peter und klopfte sein Ei auf. »Ruth hat mir gestern Abend gesagt, wir würden es noch früh genug erfahren.«

»Hast du sie gefragt?«, sagte Roberta verächtlich.

»Ja, habe ich!«, sagte Peter ärgerlich. »Du konntest vielleicht ins Bett gehen, ohne dich darum zu kümmern, ob Mutter Sorgen hatte, aber ich nicht. So!«

»Ich finde, wir sollten die Dienstboten nicht nach Dingen fragen, die Mutter uns nicht erzählt«, sagte Roberta.

»Schon recht, Miss Tugendbold«, sagte Peter, »predige nur weiter.«

»Ein Tugendbold bin ich nicht«, sagte Phyllis, »aber diesmal hat Bobbie recht, finde ich.«

»Natürlich. Sie hat ja immer recht. Ihrer eigenen Meinung nach«, sagte Peter.

»Ach, hört auf!«, rief Roberta und legte ihren Eierlöffel hin. »Lasst uns doch nicht so gemein zueinander sein. Bestimmt geschieht gerade irgendein entsetzliches Unglück. Machen wir es doch nicht noch schlimmer!«

»Ich möchte nur wissen, wer angefangen hat«, sagte Peter.

Roberta gab sich einen Ruck und antwortete:

»Ich, nehme ich an, aber –«

»Na also«, sagte Peter triumphierend. Aber bevor er zur Schule ging, klopfte er seiner Schwester zwischen die Schulterblätter und sagte ihr, sie solle den Kopf nicht hängen lassen.

Die Kinder kamen um ein Uhr zum Mittagessen nach Hause, aber Mutter war nicht da. Und zur Teestunde war sie auch nicht da.

Es war fast sieben, als sie hereinkam, und sie sah so krank und müde aus, dass die Kinder es nicht übers Herz brachten, ihr Fragen zu stellen. Sie sank in einen Sessel. Phyllis zog die langen Nadeln aus ihrem Hut, während Roberta ihr die Handschuhe auszog und Peter ihre Straßenschuhe aufmachte und ihr die weichen, samtigen Hausschuhe holte.

Als sie eine Tasse Tee getrunken und Roberta ihren armen schmerzenden Kopf mit Kölnisch Wasser betupft hatte, sagte Mutter:

»So, meine Lieblinge, ich möchte euch etwas sagen. Jene Männer haben gestern Abend tatsächlich sehr schlechte Nachrichten gebracht, und Vater wird eine Zeit lang fort sein. Ich mache mir große Sorgen deswegen, und ich möchte, dass ihr mir alle helft und mir die Dinge nicht noch schwerer macht.«

»Als ob wir das täten!«, sagte Roberta und drückte Mutters Hand an ihr Gesicht.

»Ihr könnt mir sehr helfen«, sagte Mutter, »indem ihr brav und fröhlich seid und euch nicht streitet, wenn ich fort bin« – Roberta und Peter wechselten schuldbewusste Blicke –, »denn ich werde viel fort sein müssen.«

»Wir werden uns nicht streiten. Ganz bestimmt nicht«, sagten alle. Und sie meinten es auch.

»Dann«, fuhr Mutter fort, »möchte ich, dass ihr mir keine Fragen wegen dieser schlimmen Sache stellt; und dass ihr auch sonst niemanden danach fragt.«

Peter duckte sich und scharrte mit den Stiefeln auf dem Teppich.

»Das versprecht ihr mir doch auch, nicht wahr?«, sagte Mutter.

»Ich habe Ruth gefragt«, sagte Peter plötzlich. »Es tut mir sehr leid, aber ich habe es getan.«

»Und was hat sie gesagt?«

»Sie hat gesagt, ich würde es noch früh genug erfahren.«

»Ihr braucht nichts darüber zu wissen«, sagte Mutter. »Es geht um geschäftliche Dinge, und davon versteht ihr doch ohnehin nichts, nicht wahr?«

»Nein«, sagte Roberta. »Hat es etwas mit der Regierung zu tun?« Denn Vater arbeitete in einem Regierungsamt.

»Ja«, sagte Mutter. »Jetzt ist Schlafenszeit, meine Lieblinge. Und ihr macht euch keine Sorgen. Am Ende wird alles wieder gut.«

»Dann mach du dir auch keine Sorgen, Mutter«, sagte Phyllis, »und wir werden alle goldbrav sein.«

Mutter seufzte und küsste sie.

»Gleich morgen früh fangen wir an, brav zu sein«, sagte Peter, als sie die Treppe hinaufgingen.

»Warum nicht jetzt?«, fragte Roberta.

»Jetzt gibt es doch gar keine Gelegenheit dazu, du Dummerchen«, sagte Peter.

»Wir könnten versuchen, schon mal brav zu denken«, sagte Phyllis, »und uns keine Schimpfnamen geben.«

»Wer gibt denn hier jemandem Schimpfnamen?«, sagte Peter. »Bobbie weiß ganz genau, dass es dasselbe ist, ob ich ›Dummerchen‹ zu ihr sage oder Bobbie.«

»Na schön«, sagte Roberta.

»Nein, ich meine nicht, was du meinst. Ich meine, das ist bloß ein – wie nennt Vater das? – ein Kosenkeim! Gute Nacht.«

Die Mädchen legten ihre Kleider ordentlicher zusammen als sonst – das war die einzige Möglichkeit, brav zu sein, die ihnen einfiel.

»Du«, sagte Phyllis und strich ihre Schürze glatt, »du hast doch früher immer gesagt, es ist so langweilig – nie passiert etwas wie in Büchern. Jetzt ist etwas passiert.«

»Ich habe mir nie gewünscht, dass etwas passiert, das Mutter unglücklich macht«, sagte Roberta. »Alles ist einfach schrecklich.«

Einige Wochen lang blieb alles einfach schrecklich.

Mutter war fast immer fort. Bei den Mahlzeiten war es langweilig und schmuddelig. Das Hilfsmädchen wurde entlassen, und Tante Emma kam zu Besuch. Tante Emma war viel älter als Mutter. Sie wollte ins Ausland gehen, um dort als Gouvernante zu arbeiten. Sie war sehr damit beschäftigt, ihre Kleider herzurichten, und es waren sehr hässliche, triste Kleider, die sie überall herumliegen hatte, und die Nähmaschine schien unaufhörlich zu surren – den ganzen Tag und fast die ganze Nacht. Tante Emma fand, Kinder müssten wissen, wo ihr Platz war. Die Kinder erwiderten diese Freundlichkeit mit Zinsen. Ihrer Ansicht nach war Tante Emmas Platz überall dort, wo sie selbst nicht waren. Also bekamen sie sie nur selten zu Gesicht. Sie zogen die Gesellschaft der Dienstboten vor, die unterhaltsamer waren. Wenn die Köchin gute Laune hatte, konnte sie komische Lieder singen, und das Hausmädchen konnte, wenn es einem gerade nicht böse war, eine Henne nachmachen, die ein Ei gelegt hatte, und eine Champagnerflasche, die geöffnet wurde, und so miauen wie zwei Katzen, die miteinander kämpften. Die Dienstboten erzählten den Kindern nie, was für schlechte Nachrichten die Herren Vater gebracht hatten. Aber sie deuteten immer wieder an, dass sie eine ganze Menge erzählen könnten, wenn sie wollten – und das war kein angenehmes Gefühl.

Eines Tages hatte Peter über der Badezimmertür eine Falle gebaut, die prächtig funktionierte, als Ruth hindurchging, und das rothaarige Stubenmädchen packte ihn und ohrfeigte ihn.

»Du wirst noch ein böses Ende nehmen«, sagte sie wütend, »du widerlicher kleiner Satansbraten! Wenn du dich nicht besserst, landest du da, wo dein feiner Vater gelandet ist, das sage ich dir ganz offen!«

Roberta erzählte Mutter davon, und am nächsten Tag wurde Ruth entlassen.

Dann kam die Zeit, als Mutter nach Hause kam und sich ins Bett legte und zwei Tage dort blieb und der Arzt kam und die Kinder elend durchs Haus schlichen und sich fragten, ob die Welt unterging.

Eines Morgens kam Mutter zum Frühstück herunter, sehr blass und mit Falten im Gesicht, die früher nicht da gewesen waren. Und sie lächelte, so gut sie konnte, und sagte:

»So, meine Lieblinge, jetzt ist alles geregelt. Wir werden dieses Haus verlassen und aufs Land ziehen. In ein so entzückendes, liebes kleines weißes Haus. Ich weiß, dass es euch gefallen wird.«

Es folgte eine wirbelnde Woche des Packens – nicht nur Kleider wurden eingepackt wie bei einer Reise ans Meer, sondern auch Stühle und Tische, deren Platten man mit Sackleinen und deren Beine man mit Stroh umhüllte.

Alle möglichen Dinge wurden eingepackt, die man nicht einpackt, wenn man ans Meer fährt. Geschirr, Decken, Kerzenleuchter, Teppiche, Bettgestelle, Kochtöpfe und sogar die Kamingitter und das Feuerbesteck.

Das Haus sah aus wie ein Möbellager. Ich glaube, den Kindern gefiel das alles sehr. Mutter hatte viel zu tun, aber jetzt nicht mehr so viel, dass sie nicht mit ihnen reden und ihnen vorlesen konnte und sogar ein kleines Gedicht für Phyllis machen, um sie zu trösten, als sie mit einem Schraubenzieher hinfiel und ihn sich in die Hand stieß.

»Packst du das nicht ein, Mutter?«, fragte Roberta und zeigte auf den schönen Kabinettschrank mit den Einlegearbeiten aus rotem Schildpatt und Messing.

»Wir können nicht alles mitnehmen«, sagte Mutter.

»Aber anscheinend nehmen wir nur die hässlichen Sachen mit«, sagte Roberta.

»Wir nehmen die nützlichen mit«, sagte Mutter. »Wir müssen eine Weile so tun, als wären wir arm, mein Küken.«

Als all die hässlichen, nützlichen Dinge eingepackt und von Männern mit Schürzen aus grünem Wollstoff in einem Möbelwagen fortgebracht worden waren, schliefen die beiden Mädchen, Mutter und Tante Emma in den zwei Gästezimmern, deren Möbel alle hübsch waren. Ihre eigenen Betten waren sämtlich fort. Für Peter wurde auf dem Sofa im Salon ein Bett gemacht.

»Du, das macht Spaß«, sagte er und wand sich vor Vergnügen, als Mutter ihn zudeckte. »Ich ziehe so gern um! Ich wünschte, wir würden jeden Monat umziehen.«

Mutter lachte.

»Ich nicht!«, sagte sie. »Gute Nacht, Peterchen.«

Als sie sich abwandte, sah Roberta ihr Gesicht. Sie vergaß es nie.

»Ach, Mutter«, flüsterte sie ganz für sich, als sie ins Bett stieg, »wie tapfer du bist! Wie lieb ich dich habe! Dass du noch tapfer genug bist zu lachen, wenn dir so zumute ist!«

Am nächsten Tag wurden Kisten gefüllt und Kisten und noch mehr Kisten; und dann, am späten Nachmittag, kam eine Droschke, um sie zum Bahnhof zu bringen.

Tante Emma verabschiedete sie am Zug. Sie hatten das Gefühl, sie seien es, die ihr Lebewohl sagten, und sie waren froh darüber.

»Aber ach, die armen kleinen ausländischen Kinder, bei denen sie Gouvernante wird!«, flüsterte Phyllis. »Mit denen möchte ich um nichts auf der Welt tauschen!«

Zuerst machte es ihnen Spaß, aus dem Fenster zu schauen, aber als es dämmerte, wurden sie immer schläfriger, und niemand wusste, wie lange sie schon im Zug gewesen waren, als Mutter sie sanft schüttelte und mit den Worten weckte:

»Wacht auf, meine Lieben. Wir sind da.«

Sie wachten auf, kalt und trübsinnig, und standen zitternd auf dem zugigen Bahnsteig, während das Gepäck ausgeladen wurde. Dann setzte sich die Lokomotive schnaufend und pustend wieder an die Arbeit und zog den Zug davon. Die Kinder sahen zu, wie die Schlusslichter des Zugführerwagens in der Dunkelheit verschwanden.

Das war der erste Zug, den die Kinder auf jener Eisenbahnstrecke sahen, die ihnen mit der Zeit so sehr ans Herz wachsen sollte. Sie ahnten damals nicht, wie lieb sie die Eisenbahn gewinnen würden und wie bald sie zum Mittelpunkt ihres neuen Lebens werden würde, und auch nicht, welche Wunder und Veränderungen sie ihnen bringen würde. Sie zitterten und niesten nur und hofften, der Fußweg zum neuen Haus würde nicht weit sein. Peters Nase war kälter, als er sie je zuvor in Erinnerung hatte. Robertas Hut saß schief, und das Gummiband schien straffer zu sein als sonst. Phyllis’ Schnürsenkel hatten sich gelöst.

»Kommt«, sagte Mutter, »wir müssen zu Fuß gehen. Hier gibt es keine Droschken.«

Der Weg war dunkel und schlammig. Auf der holprigen Straße stolperten die Kinder hin und wieder, und einmal fiel Phyllis in Gedanken in eine Pfütze und wurde nass und unglücklich wieder aufgehoben. Es gab keine Gaslaternen an der Straße, und die Straße führte bergauf. Der Wagen fuhr im Schritttempo, und sie folgten dem Knirschen seiner Räder auf dem Kies. Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnten sie den Kistenberg vor sich undeutlich schwanken sehen.

Ein breites Tor musste geöffnet werden, damit der Wagen hindurchkam, und danach schien der Weg über Felder zu führen – und jetzt ging es bergab. Bald tauchte rechts ein großes, dunkles, unförmiges Etwas auf.

»Da ist das Haus«, sagte Mutter. »Warum sie wohl die Fensterläden zugemacht hat?«

»Wer ist sie?«, fragte Roberta.

»Die Frau, die ich beauftragt habe, das Haus sauber zu machen, die Möbel an ihren Platz zu stellen und das Abendessen vorzubereiten.«

Da war eine niedrige Mauer, und dahinter standen Bäume.

»Das ist der Garten«, sagte Mutter.

»Sieht eher aus wie eine Fettpfanne voll schwarzer Kohlköpfe«, sagte Peter.

Der Wagen fuhr an der Gartenmauer entlang und um das Haus herum, und hier rumpelte er in einen mit Kopfsteinen gepflasterten Hof und hielt vor der Hintertür.

In keinem der Fenster brannte Licht.

Alle hämmerten gegen die Tür, aber niemand kam.

Der Fuhrmann meinte, Mrs. Viney sei wohl nach Hause gegangen.

»Ihr Zug hatte ja auch so viel Verspätung«, sagte er.

»Aber sie hat den Schlüssel«, sagte Mutter. »Was sollen wir denn machen?«

»Ach, den wird sie unter die Türstufe gelegt haben«, sagte der Fuhrmann. »Das machen die Leute hier so.« Er nahm die Laterne von seinem Wagen und bückte sich.

»Ja, hier ist er tatsächlich«, sagte er.

Er schloss die Tür auf, ging hinein und stellte seine Laterne auf den Tisch.

»Haben Sie eine Kerze?«, fragte er.

»Ich weiß nicht, wo hier irgendetwas ist.« Mutter klang nicht ganz so fröhlich wie sonst.

Er zündete ein Streichholz an. Auf dem Tisch stand eine Kerze, und er zündete sie an. In ihrem schwachen kleinen Schein sahen die Kinder eine große, kahle Küche mit einem Steinfußboden. Es gab keine Vorhänge, keinen Teppich vor dem Herd. Mitten im Raum stand der Küchentisch von zu Hause. In einer Ecke standen die Stühle, in einer anderen Töpfe, Pfannen, Besen und Geschirr. Es brannte kein Feuer, und im schwarzen Rost lag kalte, tote Asche.

Als der Fuhrmann, nachdem er die Kisten hereingetragen hatte, sich zum Gehen wandte, war ein Rascheln und Trippeln zu hören, das aus den Wänden des Hauses zu kommen schien.

»Ach, was ist das?«, riefen die Mädchen.

»Das sind nur die Ratten«, sagte der Fuhrmann. Und er ging fort und schloss die Tür, und der plötzliche Luftzug blies die Kerze aus.

»Ach je«, sagte Phyllis, »ich wünschte, wir wären nicht hergekommen!«, und sie stieß einen Stuhl um.

»Nur die Ratten!«, sagte Peter im Dunkeln.


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