Zum Hauptinhalt springen

Kapitel 1 kostenlos lesen. Ohne Anmeldung.

Nach Büchern oder Genres suchen
Warenkorb

Ihr Warenkorb ist leer.

Alle Bücher entdecken

Menü ein- oder ausblenden
Buchcover von „Reise um die Erde in 80 Tagen“ von Jules Verne

Kostenlose Leseprobe

Reise um die Erde in 80 Tagen

Von Jules Verne

Gemeinfreier Klassiker von Jules Verne · Neue Übersetzung von NovelSpell · Englische Ausgangsübersetzung: George Makepeace Towle (1874)

Ausgabe wählen

Reise um die Erde in 80 Tagen

Jules Verne

Kapitel 1

Worin Phileas Fogg und Passepartout sich einig werden, der eine als Herr, der andere als Diener.

Mr. Phileas Fogg bewohnte im Jahr 1872 das Haus Saville Row 7, Burlington Gardens, in dem Sheridan 1814 gestorben war. Er gehörte zu den auffälligsten Mitgliedern des Reform Clubs, obwohl er stets bemüht schien, nicht aufzufallen; eine rätselhafte Gestalt, von der man wenig wusste, außer dass er ein vollendeter Mann von Welt war. Man sagte, er sehe Byron ähnlich – zumindest habe er einen Kopf wie Byron; doch er war ein bärtiger, gelassener Byron, der noch tausend Jahre hätte weiterleben können, ohne zu altern.

Dass Phileas Fogg Engländer war, stand fest; ob er auch Londoner war, blieb weniger gewiss. Man sah ihn weder an der Börse noch bei der Bank, noch in den Kontoren der »City«; in die Londoner Docks lief nie ein Schiff ein, das ihm gehörte; er bekleidete kein öffentliches Amt; er war nie bei einer der Inns of Court eingeschrieben gewesen, weder im Temple noch in Lincoln’s Inn oder Gray’s Inn; auch war seine Stimme nie vor dem Kanzleigericht, dem Schatzkammergericht, der Queen’s Bench oder den Kirchengerichten erklungen. Er war gewiss kein Fabrikant, auch kein Kaufmann oder Gutsbesitzer. Den wissenschaftlichen und gelehrten Gesellschaften war sein Name fremd, und soweit man wusste, hatte er sich nie an den weisen Beratungen der Royal Institution oder der London Institution, der Artisan’s Association oder der Institution of Arts and Sciences beteiligt. Er gehörte überhaupt keiner der zahllosen Gesellschaften an, von denen es in der englischen Hauptstadt wimmelt, von der Harmonic bis zur Gesellschaft der Entomologen, die hauptsächlich zur Ausrottung schädlicher Insekten gegründet worden war.

Phileas Fogg war Mitglied des Reform Clubs, und das war alles.

Er war auf recht einfache Weise in diesen exklusiven Club aufgenommen worden.

Empfohlen hatte ihn das Bankhaus Barings, bei dem er über einen offenen Kredit verfügte. Seine Schecks wurden bei Vorlage stets von seinem laufenden Konto bezahlt, das immer reichlich gefüllt war.

War Phileas Fogg reich? Ohne Zweifel. Doch diejenigen, die ihn am besten kannten, konnten sich nicht erklären, wie er zu seinem Vermögen gekommen war, und von Mr. Fogg selbst war darüber am allerwenigsten Auskunft zu erwarten. Er war weder verschwenderisch noch, umgekehrt, geizig; denn sooft er erfuhr, dass Geld für einen edlen, nützlichen oder wohltätigen Zweck gebraucht wurde, stellte er es ohne Aufhebens und zuweilen anonym zur Verfügung. Kurz, er war der verschlossenste aller Menschen. Er sprach sehr wenig und wirkte durch seine schweigsame Art nur umso geheimnisvoller. Seine täglichen Gewohnheiten ließen sich ohne Weiteres beobachten; doch was immer er tat, glich so genau dem, was er seit jeher getan hatte, dass die Neugierigen sich vergeblich den Kopf zerbrachen.

War er auf Reisen gewesen? Es war wahrscheinlich, denn niemand schien die Welt besser zu kennen; es gab keinen noch so abgelegenen Ort, mit dem er nicht aufs Genaueste vertraut schien. Oft berichtigte er mit wenigen klaren Worten die tausend Mutmaßungen der Clubmitglieder über Reisende, die verschollen waren und von denen jede Nachricht fehlte, legte dar, was tatsächlich wahrscheinlich war, und schien eine Art Hellsehergabe zu besitzen, so oft gaben die Ereignisse seinen Vorhersagen recht. Er musste die ganze Welt bereist haben, zumindest im Geiste.

Fest stand jedenfalls, dass Phileas Fogg London seit vielen Jahren nicht verlassen hatte. Wer die Ehre hatte, ihn näher zu kennen als die anderen, erklärte, niemand könne behaupten, ihn je anderswo gesehen zu haben. Seine einzigen Zerstreuungen waren die Zeitungslektüre und das Whistspiel. Er gewann häufig bei diesem Spiel, das in aller Stille gespielt wurde und damit seinem Wesen entsprach; doch seine Gewinne wanderten nie in seinen Geldbeutel, sondern wurden für seine wohltätigen Zwecke zurückgelegt. Mr. Fogg spielte um des Spielens willen, nicht um zu gewinnen. In seinen Augen war das Spiel ein Wettstreit, ein Ringen mit einer Schwierigkeit, freilich ein Ringen ohne Bewegung und Ermüdung, ganz nach seinem Geschmack.

Soweit bekannt, hatte Phileas Fogg weder Frau noch Kinder, was auch bei den ehrbarsten Menschen vorkommen kann; ebenso wenig hatte er Verwandte oder enge Freunde, was gewiss ungewöhnlicher ist. Er lebte allein in seinem Haus in der Saville Row, das niemand betrat. Ein einziger Diener genügte ihm. Er frühstückte und dinierte im Club, zu mathematisch genau festgelegten Stunden, im selben Zimmer, am selben Tisch, ohne je mit anderen Mitgliedern zu speisen oder gar einen Gast mitzubringen; um genau Mitternacht ging er nach Hause und begab sich sofort zu Bett. Er benutzte nie die behaglichen Zimmer, die der Reform Club seinen bevorzugten Mitgliedern zur Verfügung stellt. Zehn von vierundzwanzig Stunden verbrachte er in der Saville Row, entweder schlafend oder mit seiner Toilette beschäftigt. Wenn er spazieren gehen wollte, schritt er gleichmäßig durch die Eingangshalle mit ihrem Mosaikboden oder durch die von blau bemalten Fenstern erhellte runde Galerie, deren Kuppel auf zwanzig ionischen Säulen aus rotem Porphyr ruhte. Beim Frühstück und beim Diner bot der Club alles auf, was er zu bieten hatte – seine Küchen und Speisekammern, seine Getränke- und Milchkammer –, um seinen Tisch mit den köstlichsten Speisen zu beladen; die würdevollsten Kellner, in Fräcken und Schuhen mit Flanellsohlen, servierten ihm die Gerichte auf besonderem Porzellan und feinstem Leinen; Karaffen des Clubs, deren Gussform verschollen war, enthielten seinen Sherry, seinen Portwein und seinen mit Zimt gewürzten roten Bordeaux, während seine Getränke mit Eis erfrischend gekühlt wurden, das man für teures Geld von den amerikanischen Seen herbeischaffte.

Wenn es exzentrisch ist, auf diese Weise zu leben, muss man zugeben, dass die Exzentrik auch ihre guten Seiten hat.

Das herrschaftliche Haus in der Saville Row war zwar nicht prunkvoll, aber überaus behaglich. Die Gewohnheiten seines Bewohners machten dem einzigen Diener wenig Mühe, doch Phileas Fogg verlangte von ihm nahezu übermenschliche Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit. An eben diesem 2. Oktober hatte er James Forster entlassen, weil der unglückliche junge Mann ihm zum Rasieren Wasser von vierundachtzig statt sechsundachtzig Grad Fahrenheit gebracht hatte; nun erwartete er dessen Nachfolger, der zwischen elf und halb zwölf im Haus eintreffen sollte.

Phileas Fogg saß kerzengerade in seinem Sessel, die Füße dicht nebeneinander wie die eines Grenadiers bei der Parade, die Hände auf den Knien, den Körper aufrecht, den Kopf erhoben; er blickte unverwandt auf eine komplizierte Uhr, die die Stunden, die Minuten, die Sekunden, die Tage, die Monate und die Jahre anzeigte. Um genau halb zwölf würde Mr. Fogg wie jeden Tag die Saville Row verlassen und sich in den Reform Club begeben.

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür des behaglichen Zimmers, in dem Phileas Fogg saß, und James Forster, der entlassene Diener, erschien.

»Der neue Diener«, sagte er.

Ein junger Mann von dreißig Jahren trat vor und verbeugte sich.

»Sie sind Franzose, glaube ich«, fragte Phileas Fogg, »und heißen John?«

»Jean, wenn Monsieur gestattet«, erwiderte der Neuankömmling, »Jean Passepartout, ein Beiname, der an mir hängen geblieben ist, weil ich von Natur aus ein Talent dazu habe, von einem Beruf zum anderen zu wechseln. Ich halte mich für einen ehrlichen Menschen, Monsieur, aber offen gesagt habe ich schon mehrere Berufe ausgeübt. Ich bin als Sänger umhergezogen und war Kunstreiter im Zirkus; damals habe ich Sprünge gemacht wie Léotard und auf dem Seil getanzt wie Blondin. Dann bin ich Turnlehrer geworden, um meine Talente besser zu nutzen; danach war ich Sergeant bei der Pariser Feuerwehr und habe bei manchem großen Brand geholfen. Doch vor fünf Jahren habe ich Frankreich verlassen und bin, weil ich die Freuden des häuslichen Lebens genießen wollte, hier in England als Kammerdiener in Stellung gegangen. Da ich nun ohne Stellung war und gehört hatte, dass Monsieur Phileas Fogg der pünktlichste und sesshafteste Herr im Vereinigten Königreich sei, bin ich zu Ihnen gekommen, Monsieur, in der Hoffnung, bei Ihnen ein ruhiges Leben zu führen und sogar den Namen Passepartout zu vergessen.«

»Passepartout ist mir recht«, erwiderte Mr. Fogg. »Sie sind mir gut empfohlen worden; ich höre Gutes von Ihnen. Sie kennen meine Bedingungen?«

»Ja, Monsieur.«

»Gut! Wie spät ist es?«

»Zweiundzwanzig Minuten nach elf«, erwiderte Passepartout und zog eine riesige silberne Uhr aus den Tiefen seiner Tasche.

»Sie gehen nach«, sagte Mr. Fogg.

»Verzeihen Sie, Monsieur, das ist unmöglich –«

»Sie gehen vier Minuten nach. Das tut nichts; es genügt, den Fehler zu erwähnen. Von diesem Augenblick an – es ist Mittwoch, der 2. Oktober, elf Uhr neunundzwanzig vormittags – stehen Sie in meinem Dienst.«

Phileas Fogg erhob sich, nahm seinen Hut in die linke Hand, setzte ihn mit einer mechanischen Bewegung auf und ging wortlos fort.

Passepartout hörte die Haustür einmal ins Schloss fallen; sein neuer Herr ging hinaus. Er hörte sie ein zweites Mal ins Schloss fallen; nun verließ auch sein Vorgänger James Forster das Haus. Passepartout blieb allein im Haus in der Saville Row zurück.


Cookie- und Datenschutzeinstellungen

Sie bestimmen über Ihre Daten

Erfahren Sie mehr über die von uns verwendeten Cookies und entscheiden Sie, welche Cookies Sie zulassen möchten.

  • Diese Cookies sind notwendig, damit die Website ordnungsgemäß funktioniert, etwa damit Sie sich anmelden und Artikel in den Warenkorb legen können.

  • Diese Cookies speichern Informationen über Ihre Aktivitäten, um Ihren nächsten Besuch auf der Website auf Sie abzustimmen.

  • Diese Cookies werden von uns und unseren Partnern, darunter Shopify, verwendet, um Marketingkommunikation zu optimieren und Ihnen Werbung auf anderen Websites anzuzeigen.

  • Diese Cookies helfen uns zu verstehen, wie Sie die Website nutzen. Wir verwenden diese Daten, um Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen.