Rebekka vom Sonnenbachhof
Kate Douglas Smith Wiggin
Kapitel 1: »Wir sind sieben«
»WIR SIND SIEBEN«
Die alte Postkutsche rumpelte die staubige Straße entlang, die von Maplewood nach Riverboro führt. Es war so warm wie im Hochsommer, obwohl es erst Mitte Mai war, und Mr. Jeremiah Cobb schonte die Pferde, so gut es ging, ohne dabei je zu vergessen, dass er die Post beförderte. Hügel folgte auf Hügel, und die Zügel lagen locker in seinen Händen, während er zurückgelehnt auf seinem Sitz lümmelte und behaglich ein Bein samt Fuß über das Spritzbrett streckte. Die Krempe seines abgetragenen Filzhuts hatte er tief über die Augen gezogen, und in der linken Backe wälzte er einen Priem Tabak.
In der Kutsche saß ein einziger Fahrgast – eine kleine dunkelhaarige Person in einem glänzenden sandfarbenen Kattunkleid. Sie war so schmal und ihr Kleid so steif gestärkt, dass sie auf den Lederpolstern von einer Stelle zur anderen rutschte, obwohl sie die Füße gegen die mittlere Sitzbank stemmte und die Hände in ihren Baumwollhandschuhen nach beiden Seiten ausstreckte, um sich irgendwie im Gleichgewicht zu halten. Wenn die Räder tiefer als gewöhnlich in eine Fahrrinne sanken oder plötzlich über einen Stein holperten, wurde sie unwillkürlich in die Luft geschleudert, landete wieder, schob ihren drolligen kleinen Strohhut zurück und hob einen kleinen rosa Sonnenschirm auf oder legte ihn sicherer hin. Er schien ihre größte Sorge zu sein – abgesehen vielleicht von einem Perlentäschchen, in das sie schaute, wann immer der Zustand der Straße es erlaubte, und dessen kostbarer Inhalt zu ihrer offenkundig großen Genugtuung weder verschwand noch weniger wurde. Von diesen beschwerlichen Einzelheiten des Reisens ahnte Mr. Cobb nichts; seine Aufgabe war es, die Leute an ihr Ziel zu bringen, und nicht unbedingt, ihnen die Fahrt bequem zu machen. Tatsächlich hatte er ganz vergessen, dass es diesen einen unscheinbaren kleinen Fahrgast überhaupt gab.
Als er an jenem Morgen gerade vom Postamt in Maplewood abfahren wollte, war eine Frau von einem Wagen gestiegen, zu ihm gekommen und hatte gefragt, ob dies die Postkutsche nach Riverboro und er Mr. Cobb sei. Als er beides bejahte, nickte sie einem Kind zu, das ungeduldig auf die Antwort wartete und nun auf sie zugelaufen kam, als fürchtete sie, auch nur einen Augenblick zu spät zu kommen. Sie mochte zehn oder elf Jahre alt sein, doch wie viele Sommer sie auch zählte, sie wirkte klein für ihr Alter. Ihre Mutter half ihr in die Postkutsche, legte ein Bündel und einen Fliederstrauß neben sie, sah zu, wie hinten ein alter Fellkoffer »festgezurrt« wurde, und bezahlte schließlich das Fahrgeld, wobei sie die Silbermünzen sehr sorgfältig abzählte.
»Ich möchte, dass Sie sie zu meinen Schwestern nach Riverboro bringen«, sagte sie. »Kennen Sie Mirandy und Jane Sawyer? Sie wohnen im Backsteinhaus.«
Du lieber Himmel, die kannte er so gut, als hätte er sie selbst gemacht!
»Nun, da soll sie hin, und sie wird schon erwartet. Würden Sie bitte ein Auge auf sie haben? Wenn sie irgendwo aussteigen und unter Leute kommen kann oder jemanden hereinholen, der ihr Gesellschaft leistet, dann tut sie das auch. Auf Wiedersehen, Rebecca; stell möglichst nichts an und sitz still, damit du ordentlich und nett aussiehst, wenn du ankommst. Mach Mr. Cobb keine Umstände. – Wissen Sie, sie ist ein bisschen aufgeregt. – Wir sind gestern im Eisenbahnwagen von Temperance hergekommen, haben die Nacht über bei meiner Cousine geschlafen und sind heute Morgen von ihrem Haus losgefahren – acht Meilen sind das.«
»Auf Wiedersehen, Mutter, mach dir keine Sorgen; du weißt doch, es ist ja nicht so, als wäre ich noch nie verreist.«
Die Frau lachte kurz und spöttisch und erklärte Mr. Cobb: »Sie ist in Wareham gewesen und hat dort übernachtet; viel ist das ja nicht, worauf man als Reisende stolz sein könnte!«
»Das WAR eine REISE, Mutter«, sagte das Kind eifrig und eigensinnig. »Wir sind von der Farm weg, und wir haben Essen in einen Korb gepackt, und wir sind ein Stück mit dem Wagen und ein Stück in den Eisenbahnwagen der Dampfbahn gefahren, und unsere Nachthemden haben wir auch mitgenommen.«
»Das musst du nicht gleich dem ganzen Dorf erzählen, bloß weil wir’s getan haben«, unterbrach die Mutter die Erinnerungen dieser erfahrenen Reisenden. »Habe ich dir nicht schon gesagt«, flüsterte sie in einem letzten Versuch, sie zur Ordnung zu rufen, »dass du nicht laut von Nachthemden und Strümpfen und – solchen Sachen reden sollst, besonders wenn Männer dabei sind?«
»Ich weiß, Mutter, ich weiß, und ich tu’s auch nicht mehr. Ich will doch nur sagen« – hier schnalzte Mr. Cobb mit der Zunge, klatschte mit den Zügeln, und die Pferde machten sich bedächtig an ihr Tagwerk – »ich will doch nur sagen, dass es eine Reise ist, wenn« – nun war die Postkutsche wirklich unterwegs, und Rebecca musste den Kopf durch das Fenster über der Tür stecken, um ihren Satz zu Ende zu bringen – »es IST eine Reise, wenn man ein Nachthemd mitnimmt!«
Das anstößige Wort, mit hoher, heller Stimme gerufen, wehte zurück an Mrs. Randalls empörte Ohren. Sie sah der Postkutsche nach, bis sie verschwunden war, sammelte ihre Päckchen von der Bank vor der Ladentür ein und stieg in den Wagen, der am Anbindepfahl gestanden hatte. Als sie den Pferdekopf in Richtung Heimat lenkte, stand sie noch einen Augenblick auf, beschattete die Augen mit der Hand und blickte nach einer Staubwolke in der verschwommenen Ferne.
»Mirandy wird wohl alle Hände voll zu tun haben«, sagte sie zu sich selbst, »aber es würde mich nicht wundern, wenn das aus Rebecca etwas machen würde.«
Das alles war nun eine halbe Stunde her, und die Sonne, die Hitze, der Staub und die Gedanken an die Besorgungen, die er in der großen Weltstadt Milltown zu erledigen hatte, hatten Mr. Cobbs ohnehin trägen Geist so vollkommen eingelullt, dass er sein Versprechen, auf Rebecca zu achten, völlig vergessen hatte.
Plötzlich hörte er über dem Rattern und Rumpeln der Räder und dem Knarren des Geschirrs eine kleine Stimme. Zuerst dachte er an eine Grille, einen Laubfrosch oder einen Vogel; als er aber ausgemacht hatte, woher der Laut kam, blickte er über die Schulter und sah eine kleine Gestalt, die sich so weit aus dem Fenster lehnte, wie es ohne Gefahr möglich war. Ein langer schwarzer Zopf schwang im Takt der Kutsche; sie hielt den Hut in einer Hand und versuchte mit der anderen vergeblich, den Kutscher mit ihrem mikroskopisch kleinen Sonnenschirm zu pieksen.
»Lassen Sie mich bitte etwas sagen!«, rief sie.
Mr. Cobb hielt gehorsam die Pferde an.
»Kostet es mehr, wenn ich da oben bei Ihnen mitfahre?«, fragte sie. »Hier unten ist alles so glatt und blank, und die Postkutsche ist viel zu groß für mich, sodass ich darin herumgeschüttelt werde, bis ich fast grün und blau bin. Und die Fenster sind so klein, dass ich von allem nur Stückchen sehe, und ich habe mir schon fast den Hals verrenkt, weil ich wissen wollte, ob mein Koffer hinten heruntergefallen ist. Es ist nämlich Mutters Koffer, und sie hält sehr viel darauf.«
Mr. Cobb wartete, bis dieser Redestrom – oder, richtiger gesagt, diese Flut von Beschwerden – versiegt war, und sagte dann scherzhaft:
»Du kannst heraufkommen, wenn du magst; neben mir sitzen kostet nichts extra.« Darauf half er ihr hinaus, »hievte« sie auf den Kutschbock und nahm seinen eigenen Platz wieder ein.
Rebecca setzte sich vorsichtig hin, strich mit peinlicher Genauigkeit ihr Kleid unter sich glatt und legte den Sonnenschirm zwischen sich und den Kutscher unter die ausgebreiteten Falten. Dann schob sie den Hut zurück, zog ihre gestopften weißen Baumwollhandschuhe zurecht und sagte entzückt:
»Ach, so ist es besser! So ist es wie auf Reisen! Jetzt bin ich ein richtiger Fahrgast, und da unten habe ich mich gefühlt wie unsere Glucke, wenn wir sie in den Verschlag sperren. Wir haben hoffentlich noch einen ganz, ganz weiten Weg vor uns?«
»Ach, wir sind doch eben erst losgefahren«, erwiderte Mr. Cobb gutmütig; »es sind noch mehr als zwei Stunden.«
»Nur zwei Stunden«, seufzte sie. »Dann ist es halb zwei; Mutter wird bei Cousine Ann sein, die Kinder zu Hause werden schon zu Mittag gegessen und Hannah alles abgeräumt haben. Ich habe etwas zu essen mit, weil Mutter gesagt hat, es wäre ein schlechter Anfang, hungrig im Backsteinhaus anzukommen, sodass Tante Mirandy mir gleich als Erstes etwas zu essen machen müsste. – Das ist heute ein gutes Wachswetter, nicht wahr?«
»Allerdings; fast schon zu heiß. Warum spannst du deinen Sonnenschirm nicht auf?«
Sie breitete ihr Kleid noch weiter über den besagten Gegenstand und sagte: »Ach nein, bloß nicht! Ich spanne ihn nie auf, wenn die Sonne scheint; Rosa bleicht schrecklich aus, wissen Sie, und ich nehme ihn nur an bewölkten Sonntagen zum Gottesdienst mit; manchmal kommt die Sonne ganz plötzlich heraus, und dann habe ich furchtbare Mühe, ihn zuzudecken; er ist mir das Liebste auf der Welt, aber man muss schrecklich auf ihn aufpassen.«
In diesem Augenblick dämmerte es Mr. Jeremiah Cobbs schwerfälligem Geist allmählich, dass der Vogel, der da neben ihm hockte, von ganz anderem Gefieder war als jene, an die er auf seinen täglichen Fahrten gewöhnt war. Er steckte die Peitsche wieder in die Halterung, nahm den Fuß vom Spritzbrett, schob den Hut zurück, spuckte den Priem auf die Straße, und nachdem er auf diese Weise in seinem Kopf klar Schiff gemacht hatte, sah er seinen Fahrgast zum ersten Mal richtig an. Sie erwiderte seinen Blick ernst und kindlich, mit unverwandter, freundlicher Neugier.
Der sandfarbene Kattun war verblichen, doch peinlich sauber und geradezu zu Tode gestärkt. Aus der kleinen Stehrüsche am Hals ragte ihr schmaler Hals, dunkelbraun und dünn, und der Kopf wirkte klein unter der Last des dunklen Haares, das ihr in einem dicken Zopf bis zur Taille hing. Sie trug eine sonderbare kleine Kappe mit Schirm aus weißem Livorneser Stroh, die entweder die neueste Mode unter den Kinderhüten sein mochte oder ein altes Stück Putz, das man für diesen Anlass wieder hergerichtet hatte. Sie war mit einem gedrehten sandfarbenen Band und einem Büschel schwarzer und orangefarbener Stachelschweinstacheln geschmückt, die über einem Ohr herabhingen oder steif abstanden und ihr ein höchst wunderliches und ungewöhnliches Aussehen verliehen. Ihr Gesicht war blass und scharf geschnitten. Was die Gesichtszüge anging, so musste sie wohl die übliche Anzahl haben, doch Mr. Cobbs Aufmerksamkeit gelangte nie bis zur Nase, zur Stirn oder zum Kinn, weil sie auf dem Weg dorthin von den Augen eingefangen und festgehalten wurde. Rebeccas Augen waren wie der Glaube – »eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht«. Unter ihren zart gezeichneten Brauen leuchteten sie wie zwei Sterne; ihre tanzenden Lichter lagen halb verborgen in schimmerndem Dunkel. Ihr Blick war begierig und voller Interesse, doch niemals zufrieden; ihr unverwandtes Schauen war strahlend und geheimnisvoll und schien durch das Offenkundige gerade hindurch auf etwas Dahinterliegendes zu dringen, im Gegenstand, in der Landschaft, in einem selbst. Noch niemand hatte sie erklären können, Rebeccas Augen. Der Lehrer und der Pfarrer in Temperance hatten es vergeblich versucht; die junge Malerin, die für den Sommer gekommen war, um die rote Scheune, die verfallene Mühle und die Brücke zu skizzieren, gab schließlich all diese Schönheiten des Ortes auf und widmete sich dem Gesicht eines Kindes – einem kleinen, unscheinbaren Gesicht, erhellt von zwei Augen, die solche Botschaften, solche Andeutungen, solche Anzeichen schlummernder Kraft und Einsicht in sich trugen, dass man nicht müde wurde, in ihre leuchtenden Tiefen zu schauen und sich vorzustellen, was man darin sah, sei der Widerschein der eigenen Gedanken.
All diese Betrachtungen stellte Mr. Cobb nicht an; zu seiner Frau sagte er an jenem Abend nur, Rebecca haue ihn jedes Mal um, wenn sie ihn ansehe.
»Miss Ross, eine Dame, die malt, hat mir den Sonnenschirm geschenkt«, sagte Rebecca, nachdem sie mit Mr. Cobb Blicke getauscht und sein Gesicht auswendig gelernt hatte. »Haben Sie die doppelte Rüsche mit dem Zackenrand gesehen und die weiße Spitze und den Griff? Die sind aus Elfenbein. Der Griff ist verschrammt, sehen Sie? Das kommt davon, dass Fanny im Gottesdienst daran gelutscht und gekaut hat, als ich nicht hingesehen habe. Seitdem sind meine Gefühle für Fanny nicht mehr dieselben.«
»Ist Fanny deine Schwester?«
»Eine von meinen Schwestern.«
»Wie viele seid ihr denn?«
»Sieben. Über sieben Kinder gibt es ein Gedicht:
›Rasch gab das kleine Mädchen Bescheid:
O Herr! Wir sind sieben!‹
Ich habe es gelernt, um es in der Schule aufzusagen, aber die anderen waren gemein und haben gelacht. Hannah ist die Älteste, dann komme ich, dann John, dann Jenny, dann Mark, dann Fanny, dann Mira.«
»Na, das IST eine große Familie!«
»Viel zu groß, sagen alle«, erwiderte Rebecca mit einer unerwarteten, ganz erwachsenen Offenheit, die Mr. Cobb veranlasste, »Donnerwetter!« zu murmeln und sich mehr Tabak in die linke Backe zu schieben.
»Sie sind lieb, aber sie machen so viel Mühe, und es kostet so viel, sie alle satt zu kriegen, wissen Sie«, sprudelte sie weiter. »Hannah und ich haben seit Jahren und Jahren nichts anderes getan, als abends die Kleinen ins Bett zu bringen und morgens wieder herauszuholen. Aber jetzt ist Schluss damit, das ist wenigstens ein Trost, und wir werden eine herrliche Zeit haben, wenn wir alle groß sind und die Hypothek abbezahlt ist.«
»Schluss damit? Ach, du meinst, weil du weggegangen bist?«
»Nein, ich meine, mit den Kindern ist jetzt endgültig Schluss; unsere Familie ist fertig. Mutter sagt es, und sie hält immer, was sie verspricht. Seit Mira ist keins mehr gekommen, und die ist drei. Sie wurde an dem Tag geboren, als Vater starb. Tante Miranda wollte, dass Hannah statt mir nach Riverboro kommt, aber Mutter konnte sie nicht entbehren; bei der Hausarbeit packt Hannah besser zu als ich. Ich habe Mutter gestern Abend gesagt, falls noch mehr Kinder kommen sollten, während ich fort bin, müsste sie mich holen lassen, denn bei einem Baby braucht man immer Hannah und mich beide, weil Mutter ja kochen und sich um die Farm kümmern muss.«
»Ach, ihr wohnt auf einer Farm? Wo ist sie denn? – In der Nähe von da, wo du eingestiegen bist?«
»In der Nähe? Aber das müssen Tausende von Meilen sein! Wir sind im Eisenbahnwagen von Temperance gekommen. Dann sind wir noch weit zu Cousine Ann gefahren und ins Bett gegangen. Dann sind wir aufgestanden und noch furchtbar weit bis nach Maplewood gefahren, wo die Postkutsche war. Unsere Farm ist von allem ganz weit weg, aber unsere Schule und unsere Kirche sind in Temperance, und das sind bloß zwei Meilen. Hier oben neben Ihnen zu sitzen ist fast so schön, wie auf den Kirchturm zu klettern. Ich kenne einen Jungen, der schon oben auf unserem Kirchturm war. Er hat gesagt, die Menschen und die Kühe hätten wie Fliegen ausgesehen. Menschen sind uns noch keine begegnet, aber von den Kühen bin ich ein BISSCHEN enttäuscht; sie sehen nicht so klein aus, wie ich gehofft hatte; aber (wieder munter) ganz so groß, als stünden wir unten neben ihnen, sehen sie doch nicht aus, oder? Jungen machen immer die schönen, herrlichen Sachen, und Mädchen können nur die scheußlichen, langweiligen machen, die übrig bleiben. Sie können nicht so hoch klettern oder so weit gehen oder so lange draußen bleiben oder so schnell rennen oder sonst irgendwas.«
Mr. Cobb wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab und schnappte nach Luft. Ihm war, als werde er in einem Gebirge von Gipfel zu Gipfel gehetzt, ohne zwischendurch einmal ordentlich Atem holen zu können.
»Ich komme einfach nicht drauf, wo eure Farm ist«, sagte er, »obwohl ich in Temperance gewesen bin und früher dort oben in der Gegend gewohnt habe. Wie heißen deine Leute denn?«
»Randall. Meine Mutter heißt Aurelia Randall; wir heißen Hannah Lucy Randall, Rebecca Rowena Randall, John Halifax Randall, Jenny Lind Randall, Marquis Randall, Fanny Ellsler Randall und Miranda Randall. Mutter hat der einen Hälfte von uns Namen gegeben und Vater der anderen, aber es ging nicht auf, und so fanden sie beide, es wäre schön, Mira nach Tante Miranda in Riverboro zu nennen; sie hofften, es könnte etwas nützen, aber es hat nichts genützt, und nun nennen wir sie Mira. Wir sind alle nach jemand Bestimmtem benannt. Hannah ist die Hannah, die am Fenster Schuhe bindet, und ich stamme aus ›Ivanhoe‹; John Halifax war ein Gentleman in einem Buch; Mark heißt nach seinem Onkel Marquis de Lafayette, der als Zwilling gestorben ist. (Zwillinge werden sehr oft nicht groß und Drillinge fast nie – wussten Sie das, Mr. Cobb?) Wir nennen ihn nicht Marquis, bloß Mark. Jenny ist nach einer Sängerin benannt und Fanny nach einer schönen Tänzerin, aber Mutter sagt, beide Namen passen nicht, weil Jenny keine Melodie richtig singen kann und Fanny ein bisschen steif in den Beinen ist. Mutter würde sie gern Jane und Frances nennen und die zweiten Vornamen weglassen, aber sie sagt, das wäre Vater gegenüber nicht gerecht. Sie sagt, wir müssen immer zu Vater halten, weil alles gegen ihn gewesen ist und er nicht gestorben wäre, wenn er nicht so viel Pech gehabt hätte. Ich glaube, das ist alles, was es über uns zu erzählen gibt«, schloss sie ernst.
»Du liebe Zeit! Ich sollte meinen, das reicht«, rief Mr. Cobb aus. »Als deine Mutter mit dem Aussuchen fertig war, waren aber nicht mehr viele Namen übrig! Du hast ein mächtig gutes Gedächtnis! Dir fällt das Lernen in der Schule wohl leicht, was?«
»Meistens; schwierig ist es bloß, Schuhe zu bekommen, damit ich hingehen und lernen kann. Die, die ich anhabe, sind nagelneu und müssen sechs Monate halten. Mutter sagt immer, ich soll meine Schuhe schonen. Anscheinend kann man Schuhe nur schonen, indem man sie auszieht und barfuß geht; aber das kann ich in Riverboro nicht tun, ohne Tante Mirandy Schande zu machen. Jetzt, wo ich bei Tante Mirandy wohne, werde ich regelmäßig zur Schule gehen, und in zwei Jahren gehe ich auf das Seminar in Wareham; Mutter sagt, das müsste aus mir etwas machen! Wenn ich mit der Schule fertig bin, werde ich Malerin wie Miss Ross. Jedenfalls glaube ich, dass ich das werde. Mutter meint, ich sollte lieber unterrichten.«
»Eure Farm ist aber nicht das alte Hobbs-Anwesen?«
»Nein, sie ist einfach Randalls Farm. Wenigstens nennt Mutter sie so. Ich nenne sie Sunnybrook-Farm.«
»Ich schätze, es ist egal, wie du sie nennst, solange du weißt, wo sie liegt«, bemerkte Mr. Cobb in belehrendem Ton.
Rebecca richtete das volle Leuchten ihrer Augen vorwurfsvoll, beinahe streng auf ihn und antwortete:
»Ach, sagen Sie das doch nicht und seien Sie nicht wie alle anderen! Es macht einen Unterschied, wie man die Dinge nennt. Wenn ich Randalls Farm sage, sehen Sie dann, wie sie aussieht?«
»Nein, das kann ich nicht behaupten«, erwiderte Mr. Cobb unbehaglich.
»Und wenn ich Sunnybrook-Farm sage, woran müssen Sie da denken?«
Mr. Cobb fühlte sich wie ein Fisch, den man aus seinem Element genommen und nach Luft schnappend auf dem Sand zurückgelassen hatte; um die schreckliche Verantwortung einer Antwort kam er nicht herum, denn Rebeccas Augen waren Scheinwerfer, die sein vermeintliches Gehirn durchdrangen und die kahle Stelle an seinem Hinterkopf erspähten.
»Ich denk mir, da ist irgendwo ein Bach in der Nähe«, sagte er zaghaft.
Rebecca sah enttäuscht aus, doch nicht ganz entmutigt. »Das ist schon ziemlich gut«, sagte sie ermunternd. »Sie sind warm, aber noch nicht heiß; da ist ein Bach, aber kein gewöhnlicher Bach. An beiden Ufern stehen junge Bäume und winzige Büsche, und es ist ein flaches, plapperndes Bächlein mit weißem Sand auf dem Grund und vielen kleinen glänzenden Kieseln. Sobald es irgendwo ein bisschen Sonnenschein gibt, fängt der Bach ihn ein, und er ist den lieben langen Tag voller funkelnder Lichter. Ist Ihnen auch so hohl im Magen? Mir schon! Ich hatte solche Angst, die Postkutsche zu verpassen, dass ich gar nichts frühstücken konnte.«
»Dann iss lieber etwas von deinem mitgebrachten Essen. Ich esse nichts, bis ich in Milltown bin; dann hole ich mir ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee.«
»Ich möchte so gern Milltown sehen. Es ist bestimmt noch größer und prächtiger als Wareham; eher wie Paris? Miss Ross hat mir von Paris erzählt; dort hat sie meinen rosa Sonnenschirm gekauft und mein Perlentäschchen. Sehen Sie, wie es aufschnappt? Ich habe zwanzig Cent darin, und die müssen drei Monate reichen, für Briefmarken und Papier und Tinte. Mutter sagt, Tante Mirandy wird solche Sachen nicht auch noch kaufen wollen, wenn sie mich schon ernährt und einkleidet und meine Schulbücher bezahlt.«
»Paris ist nichts Besonderes«, sagte Mr. Cobb geringschätzig. »Es ist der ödeste Ort im Staat Maine. Da bin ich schon oft hingefahren.«
Wieder sah sich Rebecca genötigt, Mr. Cobb zurechtzuweisen, wortlos und still, doch deshalb nicht weniger unmissverständlich, obwohl sie dazu nur einen einzigen Blick brauchte, den sie ihm rasch zuwarf und ebenso rasch wieder abwandte.
»Paris ist die Hauptstadt von Frankreich, und man muss mit einem Schiff hinfahren«, erklärte sie belehrend. »Es steht in meinem Geographiebuch, und da heißt es: ›Die Franzosen sind ein fröhliches und höfliches Volk, das den Tanz und leichte Weine liebt.‹ Ich habe den Lehrer gefragt, was leichte Weine sind, und er meinte, das sei so etwas wie frischer Apfelmost, vielleicht auch Ingwerlimonade. Ich sehe Paris ganz klar vor mir, wenn ich nur die Augen zumache. Die schönen Damen tanzen immer fröhlich mit rosa Sonnenschirmen und Perlentäschchen umher, und die vornehmen Herren tanzen höflich und trinken Ingwerlimonade. Aber Sie können Milltown fast jeden Tag mit weit offenen Augen sehen«, sagte Rebecca sehnsüchtig.
»Milltown ist auch nichts Besonderes«, erwiderte Mr. Cobb mit der Miene eines Mannes, der sämtliche Städte der Erde besucht und sie allesamt für nicht der Rede wert befunden hatte. »Jetzt pass auf, wie ich diese Zeitung hier Mrs. Brown genau vor die Tür werfe.«
Paff! Und das Päckchen landete genau da, wo es sollte, auf der Matte aus Maisblättern vor der Fliegengittertür.
»Ach, wie großartig das war!«, rief Rebecca begeistert. »Genau wie der Messerwerfer, den Mark im Zirkus gesehen hat. Ich wünschte, da wäre eine lange, lange Reihe von Häusern, jedes mit einer Matte aus Maisblättern und einer Fliegengittertür in der Mitte, und für jede Matte eine Zeitung zum Draufwerfen!«
»Bei manchen würde ich vielleicht danebentreffen, weißt du«, sagte Mr. Cobb und strahlte vor bescheidenem Stolz. »Wenn deine Tante Mirandy es erlaubt, nehme ich dich diesen Sommer einmal mit nach Milltown, wenn die Postkutsche nicht voll ist.«
Ein Schauer köstlicher Aufregung lief durch Rebeccas Körper, von den neuen Schuhen hinauf, hinauf bis zur Livorneser Strohkappe und den schwarzen Zopf hinunter. Sie drückte Mr. Cobb inbrünstig das Knie und sagte mit vor Freude und Staunen tränenerstickter Stimme: »Ach, das kann doch nicht wahr sein, das kann es nicht; dass ich wirklich Milltown sehen soll! Es ist wie mit einer guten Fee, die einen nach seinem Wunsch fragt und ihn dann erfüllt! Haben Sie je ›Aschenputtel‹ gelesen oder ›Der gelbe Zwerg‹ oder ›Der verzauberte Frosch‹ oder ›Die Schöne mit den goldenen Haaren‹?«
»Nein«, sagte Mr. Cobb vorsichtig, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte. »Ich glaube nicht, dass ich gerade die je gelesen habe. Wo hast du denn so viel lesen können?«
»Ach, ich habe eine Menge Bücher gelesen«, antwortete Rebecca beiläufig. »Vaters Bücher und die von Miss Ross und von all den verschiedenen Lehrern, und alle aus der Bibliothek der Sonntagsschule. Ich habe ›Der Laternenanzünder‹ gelesen und ›Die schottischen Häuptlinge‹ und ›Ivanhoe‹ und ›Der Erbe von Redclyffe‹ und ›Cora, die Frau des Arztes‹ und ›David Copperfield‹ und ›Das Gold von Chickaree‹ und Plutarchs Lebensbeschreibungen und ›Thaddäus von Warschau‹ und ›Die Pilgerreise‹ und noch viele mehr. – Was haben Sie gelesen?«
»Gerade diese Bücher habe ich nicht gelesen; aber du liebe Zeit, ich habe in meinem Leben eine Menge gelesen! Heutzutage bin ich so eingespannt, dass ich mit dem Almanach, dem ›Weekly Argus‹ und dem ›Maine State Agriculturist‹ auskomme. – Da ist wieder der Fluss; das ist der letzte lange Hügel, und wenn wir oben sind, sehen wir in der Ferne die Schornsteine von Riverboro. Es ist nicht mehr weit. Ich selbst wohne ungefähr eine halbe Meile hinter dem Backsteinhaus.«
Rebeccas Hand bewegte sich nervös in ihrem Schoß, und sie rückte auf ihrem Sitz hin und her. »Ich habe nicht gedacht, dass ich Angst bekommen würde«, sagte sie fast flüsternd; »aber ich glaube, ich habe doch welche, ein ganz kleines bisschen – wenn Sie sagen, dass wir schon so nah sind.«
»Möchtest du wieder zurück?«, fragte Mr. Cobb neugierig.
Sie warf ihm einen unerschrockenen Blick zu und sagte dann stolz: »Ich würde nie zurückgehen – Angst könnte ich haben, aber ich würde mich schämen davonzulaufen. Zu Tante Mirandy zu gehen ist, wie im Dunkeln in den Keller zu gehen. Da könnten Menschenfresser und Riesen unter der Treppe sein – aber wie ich zu Hannah sage: Es KÖNNTEN auch Elfen und Feen und verzauberte Frösche sein! – Gibt es im Dorf eine Hauptstraße, so wie in Wareham?«
»Ich nehme an, man kann sie Hauptstraße nennen, und da wohnt auch deine Tante Sawyer, aber es gibt keine Läden und keine Mühlen, und es ist ein entsetzlich verschlafenes Nest! Du musst über den Fluss auf unsere Seite kommen, wenn du sehen willst, wo etwas los ist.«
»Das ist beinahe schade«, seufzte sie, »denn es wäre so großartig, eine richtige Hauptstraße entlangzufahren, so hoch oben wie hier hinter zwei herrlichen Pferden zu sitzen, mit aufgespanntem rosa Sonnenschirm, und alle im Dorf würden sich fragen, wem der Fliederstrauß und der Fellkoffer gehören. Es wäre genau wie bei der schönen Dame in der Parade. Letzten Sommer kam der Zirkus nach Temperance, und am Morgen gab es einen Umzug. Mutter hat uns erlaubt, alle hinzulaufen und Mira im Kinderwagen zu schieben, weil wir es uns nicht leisten konnten, am Nachmittag in den Zirkus zu gehen. Und da waren wunderschöne Pferde und Tiere in Käfigen und Clowns auf Pferden; und ganz zum Schluss kam ein kleiner rotgoldener Wagen, gezogen von zwei Ponys, und darin saß auf einem Samtkissen die Schlangenbeschwörerin, ganz in Satin und Pailletten. Sie war so unvergleichlich schön, Mr. Cobb, dass man den Kloß im Hals herunterschlucken musste, wenn man sie ansah, und einem kleine kalte Schauer den Rücken hinauf und hinunter krochen. Sie wissen doch, was ich meine? Haben Sie noch nie jemanden gesehen, bei dem Ihnen so zumute war?«
So deutlich unbehaglich wie in diesem Augenblick war Mr. Cobb an diesem ereignisreichen Morgen noch kein einziges Mal gewesen, doch er wich der Frage geschickt aus, indem er sagte: »Ich sehe nichts Schlimmes dabei, wenn wir so prächtig Einzug halten, wie wir nur können. Ich nehme die Peitsche heraus, setze mich kerzengerade hin und fahre schnell; du hältst deinen Blumenstrauß auf dem Schoß und spannst deinen kleinen roten Sonnenschirm auf, und dann werden die Einheimischen aber Augen machen!«
Das Gesicht des Kindes strahlte für einen Augenblick, doch ebenso rasch verlosch das Leuchten wieder, als sie sagte: »Ich hab’s vergessen – Mutter hat mich hineingesetzt, und vielleicht möchte sie, dass ich auch drinnen bin, wenn ich bei Tante Mirandy ankomme. Vielleicht ist es feiner, wenn ich drinnen sitze, und dann müsste ich nicht heruntergehoben werden, wobei mir die Kleider hochfliegen, sondern könnte die Tür öffnen und aussteigen wie eine Dame auf Reisen. Würden Sie bitte einen Augenblick anhalten, Mr. Cobb, und mich den Platz wechseln lassen?«
Der Kutscher hielt gutmütig seine Pferde an, hob das aufgeregte kleine Wesen herunter, öffnete die Tür und half ihr hinein; den Flieder und den rosa Sonnenschirm legte er neben sie.
»Eine schöne Fahrt haben wir gehabt«, sagte er, »und wir haben uns richtig gut kennengelernt, was? – Du vergisst doch Milltown nicht?«
»Niemals!«, rief sie inbrünstig. »Und Sie vergessen es auch ganz bestimmt nicht?«
»Niemals! Hand aufs Herz!«, gelobte Mr. Cobb feierlich, als er wieder auf seinen Kutschbock stieg; und während die Postkutsche zwischen den grünen Ahornbäumen die Dorfstraße hinunterrumpelte, sahen die Leute, die aus ihren Fenstern blickten, eine kleine braune Elfe in sandfarbenem Kattun, die sittsam auf der hinteren Sitzbank saß und in der einen Hand einen großen Blumenstrauß, in der anderen einen rosa Sonnenschirm festhielt. Hätten sie weit genug sehen können, hätten sie, als die Postkutsche in den Hof an der Seitentür des alten Backsteinhauses einbog, gesehen, wie sich eine Kattunpasse ungestüm über dem darunter pochenden Herzen hob und senkte, wie die Röte in zwei blassen Wangen kam und ging und ein Schleier von Tränen in zwei strahlenden dunklen Augen schwamm.
Rebeccas Reise war zu Ende.
»Da biegt die Postkutsche in den Hof der Sawyer-Mädchen ein«, sagte Mrs. Perkins zu ihrem Mann. »Das muss die Nichte von oben aus der Gegend von Temperance sein. Es heißt, sie haben Aurelia geschrieben und Hannah eingeladen, die Älteste, aber Aurelia hat gesagt, sie könnte Rebecca eher entbehren, wenn’s Mirandy und Jane einerlei wäre; also ist nun Rebecca gekommen. Sie wird gute Gesellschaft für unsere Emma Jane sein, aber ich glaube nicht, dass die beiden sie drei Monate behalten! Sie sieht schwarz wie ein Indianer aus, soweit ich etwas von ihr erkennen kann; schwarz und so ein bisschen forsch. Früher hieß es, einer von den Randalls hätte eine Spanierin geheiratet, eine, die in einem Internat Musik und Sprachen unterrichtete. Lorenzo hatte einen dunklen Teint, weißt du noch, und das Kind hat ihn auch. Nun, ich wüsste nicht, dass spanisches Blut eine wirkliche Schande wäre, jedenfalls nicht, wenn es weit genug zurückliegt und die Frau anständig war.«




