Pollyanna
Eleanor H. Porter
Kapitel 1: Miss Polly
An diesem Junimorgen betrat Miss Polly Harrington mit einiger Hast ihre Küche. Für gewöhnlich bewegte Miss Polly sich nicht hastig; sie war besonders stolz auf die Ruhe ihres Auftretens. Doch heute hastete sie – sie hastete tatsächlich.
Nancy, die am Spülbecken Geschirr wusch, sah überrascht auf. Nancy arbeitete erst seit zwei Monaten in Miss Pollys Küche, doch schon jetzt wusste sie, dass ihre Hausherrin sich gewöhnlich nicht beeilte.
»Nancy!«
»Ja, gnädiges Fräulein.« Nancy antwortete fröhlich, trocknete aber den Krug in ihrer Hand weiter ab.
»Nancy« – Miss Pollys Stimme klang jetzt sehr streng –, »wenn ich mit Ihnen spreche, möchte ich, dass Sie Ihre Arbeit unterbrechen und sich anhören, was ich zu sagen habe.«
Nancy errötete vor Verlegenheit. Sofort stellte sie den Krug ab, das Tuch noch darumgewickelt, und warf ihn dabei beinahe um – was sie nicht eben ruhiger machte.
»Ja, gnädiges Fräulein; das werde ich, gnädiges Fräulein«, stammelte sie, stellte den Krug wieder gerade und wandte sich hastig um. »Ich hab nur weitergearbeitet, weil Sie mir heute Morgen doch extra gesagt haben, ich soll mich mit dem Abwasch beeilen.«
Ihre Hausherrin runzelte die Stirn.
»Das genügt, Nancy. Ich habe nicht um Erklärungen gebeten. Ich habe um Ihre Aufmerksamkeit gebeten.«
»Ja, gnädiges Fräulein.« Nancy unterdrückte einen Seufzer. Sie fragte sich, ob sie dieser Frau wohl jemals irgendetwas recht machen könnte. Nancy war noch nie zuvor »in Stellung« gewesen; doch als ihre kranke Mutter plötzlich verwitwet und außer Nancy noch mit drei jüngeren Kindern zurückgeblieben war, hatte das Mädchen etwas zum Unterhalt der Familie beitragen müssen, und sie hatte sich so gefreut, als sie eine Stelle in der Küche des großen Hauses auf dem Hügel gefunden hatte – Nancy kam aus dem sechs Meilen entfernten »The Corners« und hatte Miss Polly Harrington nur als die Hausherrin des alten Harrington-Anwesens und eine der wohlhabendsten Einwohnerinnen der Stadt gekannt. Das war zwei Monate her. Inzwischen kannte sie Miss Polly als eine strenge Frau mit harten Zügen, die die Stirn runzelte, wenn ein Messer klirrend zu Boden fiel oder eine Tür zuschlug – der es aber selbst dann nicht in den Sinn kam zu lächeln, wenn Messer und Türen still blieben.
»Wenn Sie Ihre Arbeit heute Morgen erledigt haben, Nancy«, sagte Miss Polly jetzt, »können Sie das kleine Zimmer auf dem Dachboden oben an der Treppe ausräumen und das Feldbett herrichten. Fegen und putzen Sie das Zimmer natürlich, nachdem Sie die Truhen und Kisten hinausgeschafft haben.«
»Ja, gnädiges Fräulein. Und wohin soll ich bitte die Sachen bringen, die ich herausräume?«
»In den vorderen Teil des Dachbodens.« Miss Polly zögerte, dann fuhr sie fort: »Ich kann es Ihnen wohl auch gleich sagen, Nancy. Meine Nichte, Miss Pollyanna Whittier, wird zu mir ziehen. Sie ist elf Jahre alt und wird in dem Zimmer schlafen.«
»Ein kleines Mädchen – das hierherkommt, Miss Harrington? Oh, wird das schön!«, rief Nancy und dachte an den Sonnenschein, den ihre eigenen kleinen Schwestern zu Hause in »The Corners« verbreiteten.
»Schön? Nun, das ist nicht gerade das Wort, das ich wählen würde«, erwiderte Miss Polly steif. »Aber ich werde natürlich das Beste daraus machen. Ich bin eine gute Frau, hoffe ich; und ich kenne meine Pflicht.«
Nancy wurde glühend rot.
»Natürlich, gnädiges Fräulein; ich dachte nur, ein kleines Mädchen könnte – könnte Ihnen hier etwas Freude ins Haus bringen«, sagte sie stockend.
»Danke«, erwiderte die Dame trocken. »Ich kann allerdings nicht sagen, dass ich das im Augenblick für nötig halte.«
»Aber natürlich möchten Sie – Sie das Kind doch bei sich haben, das Kind Ihrer Schwester«, wagte Nancy einzuwenden; sie hatte das unbestimmte Gefühl, der einsamen kleinen Fremden irgendwie einen freundlichen Empfang bereiten zu müssen.
Miss Polly hob hochmütig das Kinn.
»Also wirklich, Nancy, nur weil ich nun einmal eine Schwester hatte, die töricht genug war, zu heiraten und überflüssige Kinder in eine Welt zu setzen, die ohnehin schon voll genug war, leuchtet mir nicht ein, weshalb ich nun unbedingt selbst für sie sorgen wollen sollte. Doch wie gesagt, ich hoffe, ich kenne meine Pflicht. Achten Sie darauf, dass Sie auch die Ecken sauber machen, Nancy«, schloss sie scharf, während sie das Zimmer verließ.
»Ja, gnädiges Fräulein«, seufzte Nancy und nahm den halb abgetrockneten Krug wieder zur Hand – er war inzwischen so kalt, dass sie ihn noch einmal ausspülen musste.
In ihrem eigenen Zimmer nahm Miss Polly noch einmal den Brief hervor, den sie zwei Tage zuvor aus der fernen Stadt im Westen erhalten hatte und der sie so unangenehm überrascht hatte. Der Brief war an Miss Polly Harrington, Beldingsville, Vermont, gerichtet und lautete wie folgt:
»Sehr geehrtes Fräulein! – Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Pfarrer John Whittier vor zwei Wochen gestorben ist und ein Kind hinterlassen hat, ein elfjähriges Mädchen. Außer einigen Büchern hat er so gut wie nichts hinterlassen; denn wie Sie zweifellos wissen, war er Pfarrer dieser kleinen Missionsgemeinde und bezog ein sehr karges Gehalt.
Ich glaube, er war der Mann Ihrer verstorbenen Schwester, doch er gab mir zu verstehen, dass die beiden Familien nicht auf bestem Fuß miteinander standen. Er dachte jedoch, dass Sie um Ihrer Schwester willen vielleicht das Kind aufnehmen und bei den eigenen Angehörigen im Osten großziehen möchten. Deshalb schreibe ich Ihnen.
Wenn Sie diesen Brief erhalten, wird das kleine Mädchen zur Abreise bereit sein; und falls Sie das Kind aufnehmen können, wären wir Ihnen sehr dankbar, wenn Sie schrieben, dass Pollyanna sofort kommen darf, denn hier sind ein Mann und seine Frau, die sehr bald nach Osten reisen. Die beiden würden das Kind bis Boston mitnehmen und dort in den Zug nach Beldingsville setzen. Selbstverständlich würden Sie Nachricht erhalten, an welchem Tag und mit welchem Zug Sie Pollyanna erwarten können.
In der Hoffnung auf Ihre baldige Zusage verbleibe ich
hochachtungsvoll
Jeremiah O. White.«
Mit gerunzelter Stirn faltete Miss Polly den Brief zusammen und schob ihn in den Umschlag zurück. Sie hatte ihn am Vortag beantwortet und geschrieben, sie werde das Kind aufnehmen, selbstverständlich. Sie hoffte doch, ihre Pflicht gut genug zu kennen! – so unangenehm diese Aufgabe auch sein würde.
Während sie nun mit dem Brief in den Händen dasaß, dachte sie zurück an ihre Schwester Jennie, die Mutter dieses Kindes, und an die Zeit, als Jennie mit zwanzig Jahren trotz aller Einwände ihrer Familie darauf bestanden hatte, den jungen Pfarrer zu heiraten. Es hatte einen reichen Mann gegeben, der sie zur Frau haben wollte – und die Familie hatte ihn dem Pfarrer bei weitem vorgezogen; Jennie aber nicht. Der reiche Mann hatte mehr Lebensjahre und auch mehr Geld vorzuweisen, während der Pfarrer nur einen jungen Kopf voller Jugendideale und Begeisterung und ein Herz voller Liebe besaß. Jennie hatte dies vorgezogen – was vielleicht ganz natürlich war; und so hatte sie den Pfarrer geheiratet und war als Frau eines Inlandsmissionars mit ihm in den Süden gezogen.
Damals war es zum Bruch gekommen. Miss Polly erinnerte sich gut daran, obwohl sie damals erst fünfzehn und die Jüngste gewesen war. Die Familie hatte mit der Missionarsfrau kaum noch etwas zu tun gehabt. Jennie selbst hatte freilich eine Zeit lang geschrieben und ihr letztes Baby nach ihren beiden Schwestern Polly und Anna »Pollyanna« genannt – die anderen Babys waren alle gestorben. Das war das letzte Mal gewesen, dass Jennie geschrieben hatte; einige Jahre später war dann die Nachricht von ihrem Tod gekommen, in einem kurzen, doch von tiefem Schmerz erfüllten Briefchen des Pfarrers selbst, datiert aus einer kleinen Stadt im Westen.
Unterdessen war die Zeit auch für die Bewohner des großen Hauses auf dem Hügel nicht stehen geblieben. Miss Polly blickte auf das weite Tal hinab und dachte an die Veränderungen, die diese fünfundzwanzig Jahre ihr gebracht hatten.
Nun war sie vierzig und ganz allein auf der Welt. Vater, Mutter, Schwestern – alle waren tot. Seit Jahren war sie nun schon die alleinige Herrin des Hauses und der Tausende, die ihr Vater ihr hinterlassen hatte. Es hatte Leute gegeben, die ihr einsames Leben offen bedauert und ihr zugeredet hatten, jemanden aus ihrem Freundeskreis oder sonst zur Gesellschaft bei sich wohnen zu lassen; doch weder ihr Mitgefühl noch ihr Rat waren ihr willkommen gewesen. Einsam sei sie nicht, sagte sie. Sie war gern allein. Sie zog die Ruhe vor. Aber nun –
Miss Polly erhob sich mit gerunzelter Stirn und fest zusammengepressten Lippen. Natürlich war sie froh, dass sie eine gute Frau war und nicht nur ihre Pflicht kannte, sondern auch genügend Charakterstärke besaß, um sie zu erfüllen. Aber – Pollyanna! – was für ein lächerlicher Name!




