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Cover des Buches „Der Mann, der Donnerstag war“ von G. K. Chesterton

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Der Mann, der Don­ners­tag war

Von G. K. Chesterton

Gemeinfreier Klassiker von G. K. Chesterton · Neuübersetzung von NovelSpell

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Der Mann, der Don­ners­tag war

G. K. Chesterton

Kapitel 1: Die beiden Dichter von Saffron Park

Der Vorort Saffron Park lag auf der Abendseite Londons, so rot und zerzaust wie eine Wolke im Abendrot. Er war durchweg aus leuchtend roten Backsteinen gebaut; seine Silhouette war fantastisch, und selbst sein Grundriss war wild. Ein Bauspekulant mit einem leichten Anflug von Kunstsinn hatte sich hier ausgetobt; die Architektur bezeichnete er bald als elisabethanisch, bald als Queen-Anne-Stil, offenbar in dem Glauben, die beiden Herrscherinnen seien ein und dieselbe Person. Mit einigem Recht wurde der Ort als Künstlerkolonie beschrieben, obwohl er nie auf irgendeine näher bestimmbare Weise Kunst hervorbrachte. Mochte sein Anspruch, ein geistiges Zentrum zu sein, auch etwas vage bleiben, so war sein Anspruch, ein angenehmer Ort zu sein, doch völlig unbestreitbar. Der Fremde, der zum ersten Mal die wunderlichen roten Häuser betrachtete, konnte nur denken, wie überaus sonderbar die Menschen geformt sein mussten, die da hineinpassten. Und wenn er den Menschen begegnete, wurde er in dieser Hinsicht nicht enttäuscht. Der Ort war nicht nur angenehm, sondern vollkommen, sobald man ihn nicht als Täuschung, sondern als Traum zu betrachten vermochte. Selbst wenn die Menschen keine »Künstler« waren, war das Ganze dennoch künstlerisch. Dieser junge Mann mit dem langen rotbraunen Haar und dem unverschämten Gesicht – dieser junge Mann war in Wahrheit kein Dichter; aber ein Gedicht war er gewiss. Dieser alte Herr mit dem wilden weißen Bart und dem wilden weißen Hut – dieser ehrwürdige Scharlatan war in Wahrheit kein Philosoph; aber zumindest brachte er andere zum Philosophieren. Dieser wissenschaftliche Herr mit dem kahlen, eiförmigen Kopf und dem nackten Vogelhals hatte eigentlich kein Recht auf das wissenschaftliche Gehabe, das er zur Schau trug. Er hatte in der Biologie nichts Neues entdeckt; aber welches biologische Geschöpf hätte er entdecken können, das seltsamer war als er selbst? So, und nur so, musste man den ganzen Ort richtigerweise betrachten; weniger als eine Werkstatt für Künstler denn als ein zerbrechliches, aber vollendetes Kunstwerk. Wer an seinem gesellschaftlichen Leben teilnahm, fühlte sich, als sei er in eine geschriebene Komödie geraten.

Besonders gegen Einbruch der Nacht senkte sich diese reizvolle Unwirklichkeit über den Ort, wenn sich die abenteuerlichen Dächer dunkel vom Abendrot abhoben und das ganze verrückte Dorf so losgelöst schien wie eine dahintreibende Wolke. Noch stärker galt das für die vielen Nächte, in denen man im Ort feierte, wenn die kleinen Gärten oft beleuchtet waren und die großen chinesischen Lampions in den zwergenhaften Bäumen wie wilde, monströse Früchte glühten. Und am stärksten war es an einem bestimmten Abend, an den man sich dort noch undeutlich erinnert und dessen Held der Dichter mit dem rotbraunen Haar war. Es war keineswegs der einzige Abend, dessen Held er war. An vielen Abenden konnten Vorübergehende an seinem kleinen Garten hinter dem Haus hören, wie er mit hoher, belehrender Stimme Männern und besonders Frauen vorschrieb, was zu gelten hatte. Die Haltung der Frauen in solchen Fällen gehörte tatsächlich zu den Paradoxien des Ortes. Die meisten Frauen waren von jener Art, die man unbestimmt als emanzipiert bezeichnete, und sprachen sich auf die eine oder andere Weise gegen die männliche Vorherrschaft aus. Doch diese neuen Frauen erwiesen einem Mann stets die überschwängliche Ehre, die ihm keine gewöhnliche Frau je erweist: Sie hörten zu, wenn er sprach. Und Mr. Lucian Gregory, der rothaarige Dichter, war tatsächlich in gewissem Sinne ein Mann, dem zuzuhören sich lohnte, selbst wenn man am Ende nur lachte. Er trug das alte Gerede von der Gesetzlosigkeit der Kunst und der Kunst der Gesetzlosigkeit mit einer gewissen unverschämten Frische vor, die zumindest für einen Augenblick Vergnügen bereitete. Dabei half ihm bis zu einem gewissen Grade die auffallende Sonderbarkeit seiner Erscheinung, die er, wie man so sagt, bis aufs Letzte ausnutzte. Sein dunkelrotes, in der Mitte gescheiteltes Haar sah buchstäblich aus wie Frauenhaar und legte sich in die gemächlich geschwungenen Locken einer Jungfrau auf einem präraffaelitischen Gemälde. Aus diesem beinahe heiligen Oval trat jedoch unvermittelt sein breites, brutales Gesicht hervor, das Kinn in der verächtlichen Art eines Cockneys vorgeschoben. Diese Verbindung kitzelte und erschreckte zugleich die Nerven einer neurotischen Bevölkerung. Er wirkte wie eine wandelnde Gotteslästerung, eine Mischung aus Engel und Affe.

Dieser besondere Abend wird dem Ort, wenn schon durch nichts anderes, durch seinen seltsamen Sonnenuntergang in Erinnerung bleiben. Es sah aus wie das Ende der Welt. Der ganze Himmel schien mit einem leuchtenden und greifbaren Gefieder bedeckt; man konnte nur sagen, der Himmel sei voller Federn, voller Federn, die einem beinahe übers Gesicht strichen. Über einen großen Teil des Gewölbes hin waren sie grau, mit den seltsamsten Tönungen von Violett und Mauve und einem unnatürlichen Rosa oder blassen Grün; doch nach Westen hin steigerte sich das Ganze ins Unbeschreibliche, durchscheinend und leidenschaftlich, und seine letzten rotglühenden Federn verdeckten die Sonne wie etwas, das zu schön war, um es sehen zu dürfen. Das Ganze lag so dicht um die Erde, dass es nichts als wilde Heimlichkeit ausstrahlte. Das Empyreum selbst schien ein Geheimnis zu sein. Es drückte jene herrliche Kleinheit aus, die die Seele des Lokalpatriotismus ist. Der Himmel selbst schien klein.

Manche Einwohner, sage ich, mögen sich allein schon wegen dieses bedrückenden Himmels an den Abend erinnern. Andere mögen sich daran erinnern, weil damals der zweite Dichter von Saffron Park zum ersten Mal im Ort erschien. Lange Zeit hatte der rothaarige Revolutionär ohne Rivalen geherrscht; in jener Nacht des Sonnenuntergangs endete seine Einsamkeit plötzlich. Der neue Dichter, der sich als Gabriel Syme vorstellte, war ein sehr sanft dreinblickender Sterblicher mit einem hellen Spitzbart und fahlgelbem Haar. Doch allmählich gewann man den Eindruck, er sei weniger sanftmütig, als er aussah. Er führte sich damit ein, dass er dem angestammten Dichter Gregory in der Frage nach dem Wesen der Dichtung von Grund auf widersprach. Er erklärte, er, Syme, sei ein Dichter des Gesetzes, ein Dichter der Ordnung; ja, er erklärte, er sei ein Dichter der Ehrbarkeit. Daraufhin sahen ihn alle in Saffron Park an, als sei er in diesem Augenblick aus jenem unmöglichen Himmel gefallen.

Tatsächlich brachte Mr. Lucian Gregory, der anarchische Dichter, die beiden Ereignisse miteinander in Verbindung.

»Es mag wohl sein«, sagte er, unvermittelt lyrisch, »es mag wohl sein, dass in einer solchen Nacht voller Wolken und grausamer Farben ein solches Unheilszeichen wie ein ehrbarer Dichter auf Erden geboren wird. Sie sagen, Sie seien ein Dichter des Gesetzes; ich sage, Sie sind ein Widerspruch in sich. Mich wundert nur, dass es in der Nacht, in der Sie in diesem Garten erschienen, keine Kometen und Erdbeben gab.«

Der Mann mit den sanften blauen Augen und dem blassen Spitzbart nahm diese Donnerschläge mit einer gewissen ergebenen Feierlichkeit hin. Die dritte Person in der Runde, Gregorys Schwester Rosamond, die ebenso wie ihr Bruder rote Haarflechten, doch darunter ein freundlicheres Gesicht hatte, lachte mit jener Mischung aus Bewunderung und Missbilligung, die sie dem Familienorakel gewöhnlich entgegenbrachte.

Gregory fuhr in überschwänglicher Rednerlaune fort.

»Ein Künstler und ein Anarchist sind ein und dasselbe«, rief er. »Sie könnten die Wörter überall vertauschen. Ein Anarchist ist ein Künstler. Der Mann, der eine Bombe wirft, ist ein Künstler, weil er einen großen Augenblick allem anderen vorzieht. Er erkennt, wie viel mehr ein einziger Ausbruch flammenden Lichts, ein einziger vollkommener Donnerschlag wert ist als die ganz gewöhnlichen Leiber ein paar unförmiger Polizisten. Ein Künstler setzt sich über alle Regierungen hinweg, schafft alle Konventionen ab. Der Dichter erfreut sich allein an der Unordnung. Wäre es anders, dann wäre die Untergrundbahn das Poetischste auf der Welt.«

»Das ist sie auch«, sagte Mr. Syme.

»Unsinn!«, sagte Gregory, der sehr vernünftig wurde, sobald ein anderer sich an einem Paradox versuchte. »Warum sehen all die Büroangestellten und Erdarbeiter in den Zügen so traurig und müde aus, so überaus traurig und müde? Ich will es Ihnen sagen. Weil sie wissen, dass der Zug auf dem richtigen Weg ist. Weil sie wissen, dass sie, für welchen Ort sie auch eine Fahrkarte gelöst haben, diesen Ort erreichen werden. Weil sie, wenn sie Sloane Square hinter sich haben, wissen, dass die nächste Station Victoria sein muss und nichts als Victoria. O ihre wilde Verzückung! O ihre Augen wie Sterne und ihre Seelen wieder in Eden, wenn die nächste Station unerklärlicherweise Baker Street wäre!«

»Sie sind es, der unpoetisch ist«, erwiderte der Dichter Syme. »Wenn das stimmt, was Sie über Büroangestellte sagen, dann können sie nur so prosaisch sein wie Ihre Dichtung. Das Seltene, Seltsame ist es, ins Schwarze zu treffen; das Plumpe, Selbstverständliche ist es, danebenzutreffen. Wir empfinden es als episch, wenn der Mensch mit einem einzigen wilden Pfeil einen fernen Vogel trifft. Ist es nicht auch episch, wenn der Mensch mit einer einzigen wilden Lokomotive einen fernen Bahnhof trifft? Chaos ist langweilig; denn im Chaos könnte der Zug tatsächlich überallhin fahren, nach Baker Street oder nach Bagdad. Aber der Mensch ist ein Zauberer, und sein ganzer Zauber besteht darin, dass er eben Victoria sagt, und siehe da! Es ist Victoria. Nein, behalten Sie Ihre Bücher mit nichts als Poesie und Prosa; lassen Sie mich unter Tränen des Stolzes einen Fahrplan lesen. Behalten Sie Ihren Byron, der die Niederlagen des Menschen verewigt; geben Sie mir Bradshaw, der seine Siege verewigt. Geben Sie mir Bradshaw, sage ich!«

»Müssen Sie fort?«, erkundigte sich Gregory sarkastisch.

»Ich sage Ihnen«, fuhr Syme leidenschaftlich fort, »jedes Mal, wenn ein Zug einfährt, habe ich das Gefühl, er habe die Batterien der Belagerer durchbrochen und der Mensch habe eine Schlacht gegen das Chaos gewonnen. Sie sagen verächtlich, wenn man Sloane Square verlassen habe, müsse man nach Victoria kommen. Ich sage, man könnte stattdessen tausend andere Dinge tun, und jedes Mal, wenn ich tatsächlich dort ankomme, habe ich das Gefühl, haarscharf davongekommen zu sein. Und wenn ich den Schaffner das Wort ›Victoria‹ rufen höre, ist es kein bedeutungsloses Wort. Für mich ist es der Ruf eines Herolds, der eine Eroberung verkündet. Für mich ist es wahrhaftig ›Victoria‹; es ist der Sieg Adams.«

Gregory wiegte seinen schweren roten Kopf mit einem langsamen, traurigen Lächeln.

»Und selbst dann«, sagte er, »stellen wir Dichter immer die Frage: ›Und was ist Victoria nun, da Sie dort angekommen sind?‹ Sie glauben, Victoria sei wie das Neue Jerusalem. Wir wissen, dass das Neue Jerusalem nur wie Victoria sein wird. Ja, der Dichter wird selbst in den Straßen des Himmels unzufrieden sein. Der Dichter lehnt sich immer auf.«

»Da haben wir es wieder«, sagte Syme gereizt. »Was ist denn poetisch daran, sich aufzulehnen? Sie könnten genauso gut sagen, es sei poetisch, seekrank zu sein. Sich zu übergeben ist eine Auflehnung. Sich zu übergeben und sich aufzulehnen mag in gewissen verzweifelten Lagen durchaus gesund sein; aber ich will gehängt sein, wenn ich begreife, warum es poetisch sein soll. Auflehnung an sich ist – zum Erbrechen. Sie ist bloßes Erbrechen.«

Das Mädchen zuckte bei dem unappetitlichen Wort einen Augenblick zusammen, doch Syme war zu sehr in Fahrt, um auf sie zu achten.

»Dass die Dinge ihren rechten Gang gehen«, rief er, »das ist poetisch! Unsere Verdauung zum Beispiel, die in heiliger Stille ihren rechten Gang geht, das ist die Grundlage aller Poesie. Ja, das Poetischste, poetischer als die Blumen, poetischer als die Sterne – das Poetischste auf der Welt ist, sich nicht zu übergeben.«

»Also wirklich«, sagte Gregory herablassend, »die Beispiele, die Sie wählen –«

»Verzeihen Sie«, sagte Syme grimmig. »Ich hatte vergessen, dass wir alle Konventionen abgeschafft haben.«

Zum ersten Mal zeigte sich ein roter Fleck auf Gregorys Stirn.

»Sie erwarten doch nicht von mir«, sagte er, »dass ich auf diesem Rasen die Gesellschaft revolutioniere?«

Syme sah ihm gerade in die Augen und lächelte liebenswürdig.

»Nein, das erwarte ich nicht«, sagte er, »aber ich nehme an, wenn es Ihnen mit Ihrem Anarchismus ernst wäre, würden Sie genau das tun.«

Gregorys große Stieraugen blinzelten plötzlich wie die eines wütenden Löwen, und fast hätte man sich einbilden können, seine rote Mähne sträube sich.

»Sie glauben also nicht«, sagte er in gefährlichem Ton, »dass es mir mit meinem Anarchismus ernst ist?«

»Wie bitte?«, sagte Syme.

»Ist es mir mit meinem Anarchismus etwa nicht ernst?«, rief Gregory mit geballten Fäusten.

»Mein lieber Freund!«, sagte Syme und schlenderte davon.

Überrascht, doch mit einer eigentümlichen Freude bemerkte er, dass Rosamond Gregory noch immer bei ihm war.

»Mr. Syme«, sagte sie, »meinen Leute, die so reden wie Sie und mein Bruder, oft auch wirklich, was sie sagen? Meinen Sie selbst, was Sie jetzt sagen?«

Syme lächelte.

»Und Sie?«, fragte er.

»Wie meinen Sie das?«, fragte das Mädchen mit ernsten Augen.

»Meine liebe Miss Gregory«, sagte Syme sanft, »es gibt viele Arten von Aufrichtigkeit und Unaufrichtigkeit. Wenn Sie für das Salz ›danke‹ sagen, meinen Sie dann, was Sie sagen? Nein. Wenn Sie sagen: ›Die Erde ist rund‹, meinen Sie dann, was Sie sagen? Nein. Es ist wahr, aber Sie meinen es nicht. Nun findet jemand wie Ihr Bruder manchmal tatsächlich etwas, das er wirklich meint. Es mag nur eine halbe Wahrheit sein, eine Viertelwahrheit, eine Zehntelwahrheit; aber dann sagt er mehr, als er meint – einfach, weil er es so ernst meint.«

Sie sah ihn unter ihren geraden Brauen hervor an; ihr Gesicht war ernst und offen, und darauf war der Schatten jenes instinktiven Verantwortungsgefühls gefallen, das selbst der leichtfertigsten Frau im Innersten wohnt, jener mütterlichen Wachsamkeit, die so alt ist wie die Welt.

»Ist er also wirklich ein Anarchist?«, fragte sie.

»Nur in dem Sinn, von dem ich spreche«, erwiderte Syme, »oder, wenn Ihnen das lieber ist, in diesem Unsinn.«

Sie zog ihre breiten Brauen zusammen und sagte unvermittelt –

»Er würde doch nicht wirklich – Bomben benutzen oder so etwas?«

Syme brach in ein mächtiges Lachen aus, das für seine schlanke, etwas dandyhafte Gestalt zu groß schien.

»Guter Gott, nein!«, sagte er. »Das muss man anonym tun.«

Da hoben sich auch ihre Mundwinkel zu einem Lächeln, und mit Vergnügen dachte sie zugleich an Gregorys Lächerlichkeit und an seine Sicherheit.

Syme schlenderte mit ihr zu einer Bank in der Ecke des Gartens und ließ seine Ansichten weiter hervorströmen. Denn er war ein aufrichtiger Mann und trotz seiner äußeren Allüren und Zierereien im Grunde ein bescheidener Mensch. Und es ist immer der bescheidene Mensch, der zu viel redet; der stolze beobachtet sich selbst zu genau. Er verteidigte die Ehrbarkeit mit Heftigkeit und Übertreibung. Immer leidenschaftlicher pries er Ordentlichkeit und Anstand. Die ganze Zeit umgab ihn Fliederduft. Einmal hörte er ganz leise, wie in einer fernen Straße eine Drehorgel zu spielen begann, und ihm war, als bewegten sich seine heroischen Worte im Takt einer winzigen Melodie, die unter oder jenseits der Welt erklang.

Er starrte das rote Haar und das amüsierte Gesicht des Mädchens an und redete auf sie ein, wie ihm schien, ein paar Minuten lang; dann stand er auf, weil er fand, dass sich an einem solchen Ort die Gruppen mischen sollten. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass der ganze Garten leer war. Alle waren schon längst gegangen, und nach einer etwas hastigen Entschuldigung ging auch er. Er ging mit dem Gefühl, Champagner im Kopf zu haben, und konnte sich das später nicht erklären. An den wilden Ereignissen, die folgen sollten, hatte dieses Mädchen keinerlei Anteil; er sah sie erst wieder, als seine ganze Geschichte vorüber war. Und doch kehrte sie auf irgendeine unbeschreibliche Weise wie ein Motiv in der Musik in all seinen späteren irren Abenteuern immer wieder, und die Pracht ihres seltsamen Haars zog sich wie ein roter Faden durch jene dunklen, schlecht gezeichneten Bildteppiche der Nacht. Denn was folgte, war so unwahrscheinlich, dass es sehr wohl ein Traum hätte sein können.

Als Syme auf die vom Sternenlicht erhellte Straße hinaustrat, fand er sie für den Augenblick leer. Dann merkte er auf irgendeine seltsame Weise, dass die Stille eher eine lebendige als eine tote Stille war. Unmittelbar vor der Tür stand eine Straßenlaterne, deren Schein die Blätter des Baumes vergoldete, der sich hinter ihm über den Zaun beugte. Etwa einen Fuß vom Laternenpfahl entfernt stand eine Gestalt, fast so starr und reglos wie der Laternenpfahl selbst. Der Zylinder und der lange Gehrock waren schwarz; das Gesicht in einem harten Schatten war beinahe ebenso dunkel. Nur ein Saum feurigen Haars im Gegenlicht und etwas Angriffslustiges in der Haltung verrieten, dass es der Dichter Gregory war. Er sah ein wenig aus wie ein maskierter Meuchelmörder, der mit dem Schwert in der Hand auf seinen Feind wartete.

Er deutete einen etwas unsicheren Gruß an, den Syme etwas förmlicher erwiderte.

»Ich habe auf Sie gewartet«, sagte Gregory. »Dürfte ich Sie einen Augenblick sprechen?«

»Gewiss. Worüber?«, fragte Syme mit einer gewissen matten Verwunderung.

Gregory schlug mit seinem Stock nach dem Laternenpfahl, dann nach dem Baum. »Über das und das«, rief er, »über Ordnung und Anarchie. Da haben Sie Ihre kostbare Ordnung, diese dürre eiserne Laterne, hässlich und unfruchtbar; und dort ist die Anarchie, üppig, lebendig, sich selbst fortpflanzend – dort ist die Anarchie, herrlich in Grün und Gold.«

»Dennoch«, erwiderte Syme geduldig, »sehen Sie den Baum im Augenblick nur im Licht der Laterne. Ich frage mich, wann Sie je die Laterne im Licht des Baumes sehen würden.« Nach einer Pause sagte er dann: »Darf ich aber fragen, ob Sie nur deshalb hier draußen im Dunkeln gestanden haben, um unser kleines Streitgespräch wieder aufzunehmen?«

»Nein«, rief Gregory mit einer Stimme, die die Straße hinunterhallte, »ich habe hier nicht gestanden, um unser Streitgespräch wieder aufzunehmen, sondern um es ein für alle Mal zu beenden.«

Wieder senkte sich die Stille, und obwohl Syme nichts verstand, horchte er unwillkürlich auf etwas Ernstes. Gregory begann mit geschmeidiger Stimme und einem ziemlich verwirrenden Lächeln.

»Mr. Syme«, sagte er, »heute Abend ist Ihnen etwas recht Bemerkenswertes gelungen. Sie haben bei mir etwas fertiggebracht, was vor Ihnen noch keinem Mann gelungen ist, den eine Frau geboren hat.«

»Wirklich!«

»Jetzt fällt mir ein«, fuhr Gregory nachdenklich fort, »dass es einem anderen auch gelungen ist. Dem Kapitän eines Penny-Dampfers, wenn ich mich recht erinnere, in Southend. Sie haben mich verärgert.«

»Das tut mir sehr leid«, erwiderte Syme ernst.

»Ich fürchte, meine Wut und Ihre Beleidigung sind zu ungeheuerlich, als dass selbst eine Entschuldigung sie tilgen könnte«, sagte Gregory sehr ruhig. »Kein Duell könnte diese Beleidigung tilgen. Wenn ich Sie erschlüge, könnte ich sie nicht tilgen. Nur auf eine Weise lässt sich diese Beleidigung tilgen, und die wähle ich. Ich werde Ihnen, womöglich um den Preis meines Lebens und meiner Ehre, beweisen, dass Sie mit dem, was Sie gesagt haben, unrecht hatten.«

»Mit dem, was ich gesagt habe?«

»Sie haben gesagt, ich meinte es nicht ernst damit, Anarchist zu sein.«

»Es gibt verschiedene Grade des Ernstes«, erwiderte Syme. »Ich habe nie daran gezweifelt, dass Sie in dem Sinne vollkommen aufrichtig waren, dass Sie das, was Sie sagten, durchaus für sagenswert hielten, dass Sie glaubten, ein Paradox könne den Menschen die Augen für eine unbeachtete Wahrheit öffnen.«

Gregory sah ihn starr und gequält an.

»Und in keinem anderen Sinne«, fragte er, »ist es mir Ihrer Meinung nach ernst? Sie halten mich für einen Flâneur, der gelegentlich Wahrheiten fallen lässt. Sie glauben nicht, dass ich es in einem tieferen, einem tödlicheren Sinne ernst meine.«

Syme schlug heftig mit seinem Stock auf die Pflastersteine.

»Ernst!«, rief er. »Großer Gott! Ist diese Straße etwas Ernstes? Sind diese verdammten chinesischen Lampions etwas Ernstes? Ist der ganze Kram etwas Ernstes? Man kommt hierher und redet einen Haufen Blödsinn und vielleicht auch etwas Vernünftiges, aber ich hielte sehr wenig von einem Mann, der nicht im Hintergrund seines Lebens etwas bewahrte, das ernster wäre als all dieses Gerede – etwas Ernsteres, sei es Religion oder auch nur das Trinken.«

»Also gut«, sagte Gregory, dessen Gesicht sich verdüsterte, »Sie werden etwas sehen, das ernster ist als Trinken oder Religion.«

Syme stand mit seiner gewohnt milden Miene da und wartete, bis Gregory wieder die Lippen öffnete.

»Sie sprachen eben davon, eine Religion zu haben. Stimmt es wirklich, dass Sie eine haben?«

»Oh«, sagte Syme mit strahlendem Lächeln, »wir sind jetzt alle Katholiken.«

»Darf ich Sie dann bitten, bei den Göttern oder Heiligen Ihrer Religion, welchen auch immer, zu schwören, dass Sie das, was ich Ihnen jetzt erzählen werde, nicht verraten werden – keinem Sohn Adams und insbesondere nicht der Polizei? Wollen Sie das schwören! Wenn Sie bereit sind, diese furchtbare Selbstverleugnung auf sich zu nehmen, wenn Sie einwilligen, Ihre Seele mit einem Gelübde zu belasten, das Sie niemals ablegen sollten, und mit einem Wissen, von dem Sie niemals träumen sollten, dann verspreche ich Ihnen dafür –«

»Sie versprechen mir dafür?«, erkundigte sich Syme, als der andere innehielt.

»Ich verspreche Ihnen einen sehr unterhaltsamen Abend.« Syme nahm plötzlich den Hut ab.

»Ihr Angebot«, sagte er, »ist viel zu idiotisch, um es abzulehnen. Sie sagen, ein Dichter sei immer ein Anarchist. Das bestreite ich; aber ich hoffe wenigstens, dass er immer ein Sportsmann ist. Gestatten Sie mir, hier und jetzt als Christ zu schwören und als guter Genosse und Künstlerkollege zu versprechen, dass ich der Polizei von all dem, was immer es auch sein mag, nichts berichten werde. Und nun, im Namen von Colney Hatch: Worum geht es?«

»Ich denke«, sagte Gregory gelassen und ohne auf die Frage einzugehen, »wir rufen uns eine Droschke.«

Er stieß zwei lange Pfiffe aus, und eine Hansomdroschke kam die Straße heruntergerattert. Die beiden stiegen schweigend ein. Gregory nannte durch die Dachluke die Adresse eines wenig bekannten Wirtshauses am Flussufer in Chiswick. Die Droschke sauste wieder davon, und in ihr verließen diese beiden Fantasten ihre fantastische Stadt.


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