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Cover des Buches «Die neununddreißig Stufen» von John Buchan

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Die neun­und­drei­ßig Stufen

Von John Buchan

Gemeinfreier Klassiker von John Buchan · Neuübersetzung von NovelSpell

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Die neun­und­drei­ßig Stufen

John Buchan

Kapitel 1: Der Mann, der starb

An jenem Mainachmittag kehrte ich gegen drei Uhr aus der City zurück und hatte das Leben gründlich satt. Ich war seit drei Monaten in der alten Heimat, und es hing mir zum Hals heraus. Hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, dass ich einmal so empfinden würde, hätte ich ihn ausgelacht; aber so war es nun einmal. Das Wetter machte mich mürrisch, das Gerede des durchschnittlichen Engländers widerte mich an. Ich bekam nicht genug Bewegung, und die Vergnügungen Londons schienen mir so schal wie Sodawasser, das in der Sonne gestanden hatte. »Richard Hannay«, sagte ich mir immer wieder, »du steckst im falschen Graben, mein Freund, und tätest gut daran, wieder herauszuklettern.«

Ich biss mir auf die Lippen, wenn ich an all die Pläne dachte, die ich in den letzten Jahren in Bulawayo geschmiedet hatte. Ich hatte mein Vermögen beisammen – kein großes, aber für mich reichte es; und ich hatte mir alle möglichen Arten ausgemalt, das Leben zu genießen. Mein Vater hatte mich mit sechs Jahren aus Schottland nach Afrika mitgenommen, und seither war ich nie wieder zu Hause gewesen; so war England für mich eine Art Tausendundeine Nacht, und ich hatte fest damit gerechnet, dort den Rest meiner Tage zu verbringen.

Doch von Anfang an war ich enttäuscht. Nach etwa einer Woche hatte ich die Sehenswürdigkeiten satt, und in weniger als einem Monat hatte ich genug von Restaurants und Theatern und Pferderennen. Ich hatte keinen richtigen Freund, mit dem ich etwas unternehmen konnte, was die Sache wahrscheinlich erklärt. Viele Leute luden mich zu sich ein, schienen sich aber nicht sonderlich für mich zu interessieren. Sie warfen mir eine oder zwei Fragen über Südafrika hin und wandten sich dann ihren eigenen Angelegenheiten zu. Eine ganze Reihe imperialistisch gesinnter Damen bat mich zum Tee, damit ich Schulmeister aus Neuseeland und Redakteure aus Vancouver kennenlernte, und das war das Trostloseste von allem. Da war ich nun, siebenunddreißig Jahre alt, in bester körperlicher Verfassung, mit genug Geld, um mir ein schönes Leben zu machen, und kam den ganzen Tag aus dem Gähnen nicht heraus. Ich hatte mich schon so gut wie entschlossen, meine Sachen zu packen und ins Veld zurückzukehren, denn ich war der gelangweilteste Mann im Vereinigten Königreich.

An jenem Nachmittag hatte ich meinen Maklern wegen irgendwelcher Geldanlagen zugesetzt, um meinen Kopf zu beschäftigen, und auf dem Heimweg schaute ich in meinem Club vorbei – eher eine Kneipe, die Kolonialbriten als Mitglieder aufnahm. Ich trank einen großen Drink und las die Abendzeitungen. Sie waren voll von den Streitigkeiten im Nahen Osten, und es gab einen Artikel über Karolides, den griechischen Ministerpräsidenten. Der Bursche gefiel mir recht gut. Nach allem, was man hörte, schien er der einzige Mann von Format in dem ganzen Spiel zu sein; und er spielte obendrein ehrlich, was man von den meisten anderen nicht behaupten konnte. Ich entnahm den Berichten, dass man ihn in Berlin und Wien abgrundtief hasste, wir aber zu ihm halten würden, und eine Zeitung schrieb, er sei die einzige Schranke zwischen Europa und Harmagedon. Ich weiß noch, dass ich mich fragte, ob ich in jenen Gegenden Arbeit finden könnte. Albanien schien mir ein Land zu sein, das einen Mann vom Gähnen abhalten konnte.

Gegen sechs Uhr ging ich nach Hause, zog mich um, aß im Café Royal zu Abend und besuchte ein Varieté. Es war eine alberne Vorstellung, lauter herumhüpfende Frauen und Männer mit Affengesichtern, und ich blieb nicht lange. Die Nacht war schön und klar, als ich zu der Wohnung zurückging, die ich unweit von Portland Place gemietet hatte. Auf den Bürgersteigen drängten die Menschen an mir vorbei, geschäftig und schwatzend, und ich beneidete sie darum, dass sie etwas zu tun hatten. Diese Ladenmädchen und Büroangestellten und Dandys und Polizisten hatten etwas im Leben, das sie antrieb. Ich gab einem Bettler eine halbe Krone, weil ich ihn hatte gähnen sehen; er war ein Leidensgenosse. Am Oxford Circus blickte ich zum Frühlingshimmel hinauf und legte ein Gelübde ab. Ich würde der alten Heimat noch einen Tag Zeit geben, einen Platz für mich zu finden; wenn nichts geschah, würde ich das nächste Schiff ans Kap nehmen.

Meine Wohnung lag im ersten Stock eines neuen Wohnhauses hinter Langham Place. Es gab ein gemeinsames Treppenhaus, am Eingang einen Portier und einen Aufzugführer, aber kein Restaurant oder etwas Ähnliches, und jede Wohnung war von den anderen völlig abgeschlossen. Ich kann es nicht leiden, wenn Dienstboten bei mir wohnen, deshalb hatte ich einen Mann, der tagsüber kam und für mich sorgte. Er erschien jeden Morgen vor acht Uhr und ging gewöhnlich um sieben, denn ich aß nie zu Hause zu Abend.

Ich steckte gerade meinen Schlüssel ins Schloss, als ich dicht neben mir einen Mann bemerkte. Ich hatte ihn nicht kommen sehen, und sein plötzliches Auftauchen ließ mich zusammenfahren. Er war schlank, mit einem kurzen braunen Bart und kleinen, stechenden blauen Augen. Ich erkannte in ihm den Bewohner einer Wohnung im obersten Stock, mit dem ich auf der Treppe schon ein paar Worte gewechselt hatte.

»Kann ich Sie sprechen?«, sagte er. »Darf ich einen Augenblick hereinkommen?« Er bemühte sich, seine Stimme ruhig zu halten, und seine Hand griff fahrig nach meinem Arm.

Ich schloss auf und winkte ihn hinein. Kaum war er über die Schwelle, stürzte er in mein hinteres Zimmer, wo ich gewöhnlich rauchte und meine Briefe schrieb. Dann stürzte er wieder zurück.

»Ist die Tür abgeschlossen?«, fragte er fieberhaft und hängte selbst die Kette ein.

»Es tut mir sehr leid«, sagte er kleinlaut. »Das ist ziemlich dreist von mir, aber Sie sahen aus wie jemand, der Verständnis dafür hätte. Seit die Schwierigkeiten anfingen, habe ich die ganze Woche an Sie gedacht. Sagen Sie, würden Sie mir einen Gefallen tun?«

»Ich höre Sie an«, sagte ich. »Mehr verspreche ich nicht.« Das Gebaren dieses nervösen kleinen Kerls begann mich zu beunruhigen.

Auf einem Tisch neben ihm stand ein Tablett mit Getränken, und er schenkte sich einen kräftigen Whisky mit Soda ein. Er trank ihn in drei Schlucken aus und setzte das Glas so hart ab, dass es einen Sprung bekam.

»Pardon«, sagte er, »ich bin heute Abend ein wenig durcheinander. Wissen Sie, im Augenblick bin ich nämlich tot.«

Ich setzte mich in einen Sessel und zündete meine Pfeife an.

»Wie fühlt sich das an?«, fragte ich. Ich war ziemlich sicher, dass ich einen Verrückten vor mir hatte.

Ein Lächeln huschte über sein eingefallenes Gesicht. »Ich bin nicht verrückt – noch nicht. Hören Sie, Sir, ich habe Sie beobachtet, und ich glaube, Sie sind einer, den so leicht nichts aus der Ruhe bringt. Ich glaube auch, dass Sie ein ehrlicher Mann sind und vor einem gewagten Spiel nicht zurückschrecken. Ich werde Sie ins Vertrauen ziehen. Noch nie hat ein Mensch Hilfe so dringend gebraucht wie ich, und ich möchte wissen, ob ich auf Sie zählen kann.«

»Erzählen Sie erst einmal Ihre Geschichte«, sagte ich, »dann sage ich es Ihnen.«

Er schien sich zu einer großen Anstrengung zu sammeln und begann dann mit einer höchst sonderbaren, verworrenen Geschichte. Zuerst wurde ich nicht recht daraus klug und musste ihn mit Fragen unterbrechen. Doch hier das Wesentliche: –

Er war Amerikaner, aus Kentucky, und hatte sich nach dem College, da er recht wohlhabend war, aufgemacht, die Welt zu sehen. Er schrieb gelegentlich, arbeitete als Kriegsberichterstatter für eine Zeitung in Chicago und verbrachte ein oder zwei Jahre in Südosteuropa. Wie ich verstand, beherrschte er mehrere Sprachen ausgezeichnet und kannte sich in der dortigen Gesellschaft recht gut aus. Er sprach ganz vertraut von vielen Leuten, deren Namen ich schon in den Zeitungen gelesen hatte.

Er habe sich ein wenig mit der Politik eingelassen, erzählte er mir, zuerst aus Interesse, dann, weil er nicht mehr davon losgekommen sei. Ich schätzte ihn als einen scharfsinnigen, rastlosen Burschen ein, der den Dingen stets auf den Grund gehen wollte. Er war etwas tiefer vorgedrungen, als ihm lieb war.

Ich gebe hier wieder, was er mir erzählte, soweit ich daraus klug wurde. Weit hinter all den Regierungen und Armeen war eine große Bewegung im Untergrund am Werk, gelenkt von höchst gefährlichen Leuten. Er war ihr zufällig auf die Spur gekommen; sie faszinierte ihn; er forschte weiter und geriet dann in ihre Fänge. Die meisten Beteiligten waren, wie ich verstand, gebildete Anarchisten von der Sorte, die Revolutionen machen, daneben aber gab es Finanzleute, denen es ums Geld ging. Ein kluger Mann kann bei fallenden Kursen große Gewinne machen, und beiden Gruppen kam es gelegen, Europa in Aufruhr zu versetzen.

Er erzählte mir einige seltsame Dinge, die vieles erklärten, was mir rätselhaft gewesen war – Vorgänge im Balkankrieg, wie ein Staat plötzlich die Oberhand gewann, warum Bündnisse geschlossen und gebrochen wurden, warum gewisse Männer verschwanden und woher das Geld für den Krieg kam. Die ganze Verschwörung zielte darauf ab, Russland und Deutschland gegeneinander aufzubringen.

Als ich nach dem Warum fragte, sagte er, die Anarchisten glaubten, damit käme ihre Stunde. Alles würde in den Schmelztiegel geworfen, und sie hofften, eine neue Welt daraus hervorgehen zu sehen. Die Kapitalisten würden die Schekel einstreichen und sich durch den Aufkauf der Trümmer ein Vermögen machen. Das Kapital, sagte er, habe weder Gewissen noch Vaterland. Außerdem stecke der Jude dahinter, und der Jude hasse Russland mehr als die Hölle.

»Wundert Sie das?«, rief er. »Seit dreihundert Jahren werden sie verfolgt, und dies ist die Revanche für die Pogrome. Der Jude ist überall, aber um ihn zu finden, müssen Sie die Hintertreppen weit hinabsteigen. Nehmen Sie irgendeinen großen deutschen Konzern. Wenn Sie Geschäfte mit ihm machen, begegnen Sie zuerst dem Fürsten von und zu Soundso, einem eleganten jungen Mann, der ein Englisch spricht, wie man es in Eton und Harrow lernt. Aber der hat nichts zu sagen. Wenn es um ein großes Geschäft geht, kommen Sie an ihm vorbei und stoßen auf einen Westfalen mit vorspringendem Kiefer, fliehender Stirn und den Manieren eines Schweins. Das ist der deutsche Geschäftsmann, vor dem Ihre englischen Zeitungen das Zittern kriegen. Aber wenn Sie ein Geschäft von allergrößtem Kaliber vorhaben und unbedingt an den wirklichen Herrn und Meister heranmüssen, können Sie zehn gegen eins darauf wetten, dass Sie auf einen kleinen Juden mit weißem Gesicht in einem Rollstuhl stoßen, mit einem Blick wie dem einer Klapperschlange. Ja, Sir, das ist der Mann, der heute die Welt regiert, und er hat es auf das Zarenreich abgesehen, weil seine Tante vergewaltigt und sein Vater in irgendeinem Kaff an der Wolga ausgepeitscht worden ist.«

Ich konnte mir die Bemerkung nicht verkneifen, seine Judenanarchisten schienen dabei ein wenig ins Hintertreffen geraten zu sein.

»Ja und nein«, sagte er. »Bis zu einem gewissen Punkt haben die Leute gewonnen, aber dann stießen sie auf etwas Größeres als Geld, auf etwas, das sich nicht kaufen ließ: die alten elementaren Kampfinstinkte des Menschen. Wenn man getötet werden soll, erfindet man sich irgendeine Fahne und irgendein Vaterland, für die man kämpfen kann, und wenn man überlebt, lernt man sie lieben. Diese närrischen Teufel von Soldaten haben etwas gefunden, das ihnen am Herzen liegt, und das hat den hübschen Plan durchkreuzt, den man in Berlin und Wien ersonnen hatte. Aber meine Freunde haben noch lange nicht ihre letzte Karte ausgespielt. Die Leute haben ein Ass im Ärmel, und wenn es mir nicht gelingt, einen Monat lang am Leben zu bleiben, werden sie es ausspielen und gewinnen.«

»Aber ich dachte, Sie wären tot«, warf ich ein.

»Mors janua vitae«, sagte er lächelnd. (Das Zitat kannte ich; es war so ziemlich alles, was ich an Latein verstand.) »Darauf komme ich noch, aber erst muss ich Sie über eine ganze Menge ins Bild setzen. Wenn Sie Ihre Zeitung lesen, kennen Sie wohl den Namen Constantine Karolides?«

Da richtete ich mich auf, denn ich hatte gerade an jenem Nachmittag über ihn gelesen.

»Er ist der Mann, der ihnen sämtliche Pläne verdorben hat. Er ist der einzige große Kopf in dem ganzen Spiel, und zufällig ist er auch noch ein ehrlicher Mann. Darum haben sie ihn nun schon seit zwölf Monaten auf dem Korn. Das habe ich herausgefunden – nicht dass es schwierig gewesen wäre, jeder Dummkopf hätte es sich denken können. Aber ich habe herausgefunden, wie sie ihn umbringen wollten, und dieses Wissen war tödlich. Deshalb musste ich ableben.«

Er trank noch ein Glas, das ich ihm selbst mischte, denn der Bursche begann mich zu interessieren.

»Im eigenen Land können sie ihn nicht kriegen, denn er hat eine Leibwache aus Epiroten, die ihren eigenen Großmüttern die Haut abziehen würden. Aber am 15. Juni kommt er hierher in die Stadt. Das britische Außenministerium hat sich neuerdings auf internationale Teegesellschaften verlegt, und die größte davon ist für diesen Tag angesetzt. Nun gilt Karolides als der Hauptgast, und wenn es nach meinen Freunden geht, wird er nie zu seinen bewundernden Landsleuten zurückkehren.«

»Das ist doch jedenfalls einfach genug«, sagte ich. »Sie können ihn warnen und dafür sorgen, dass er zu Hause bleibt.«

»Und ihnen damit in die Hände spielen?«, fragte er scharf. »Wenn er nicht kommt, haben sie gewonnen, denn er ist der Einzige, der dieses Knäuel entwirren kann. Und wenn man seine Regierung warnt, wird er nicht kommen, denn er weiß nicht, wie viel am 15. Juni auf dem Spiel stehen wird.«

»Und die britische Regierung?«, fragte ich. »Die wird doch nicht zulassen, dass ihre Gäste ermordet werden. Geben Sie ihr einen Wink, und sie wird zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen treffen.«

»Hat keinen Zweck. Man könnte Ihre Stadt mit Kriminalbeamten in Zivil vollstopfen und die Zahl der Polizisten verdoppeln, und Constantine wäre trotzdem ein verlorener Mann. Meine Freunde spielen hier nicht um Bonbons. Für den Mord wollen diese Leute einen großen Anlass, bei dem ganz Europa zuschaut. Ein Österreicher wird ihn ermorden, und es wird reichlich Beweise dafür geben, dass die hohen Herren in Wien und Berlin davon wussten und es billigten. Natürlich wird das alles eine infame Lüge sein, aber vor der Welt werden die Herren schwer genug belastet dastehen. Das ist kein leeres Gerede, mein Freund. Zufällig kenne ich jede Einzelheit dieser höllischen Maschinerie, und ich kann Ihnen sagen, es wird das vollendetste Schurkenstück seit den Borgia sein. Aber daraus wird nichts, wenn am 15. Juni ein bestimmter Mann, der das Räderwerk dieser Sache kennt, noch hier in London am Leben ist. Und dieser Mann wird Ihr ergebener Diener Franklin P. Scudder sein.«

Der kleine Kerl fing an, mir zu gefallen. Sein Kiefer war zugeschnappt wie eine Rattenfalle, und in seinen stechenden Augen brannte Kampfeslust. Wenn er mir da ein Märchen auftischte, verstand er jedenfalls, es überzeugend zu spielen.

»Wo haben Sie das alles erfahren?«, fragte ich.

»Den ersten Hinweis bekam ich in einem Gasthaus am Achensee in Tirol. Daraufhin stellte ich Nachforschungen an, und meine weiteren Anhaltspunkte sammelte ich in einem Pelzgeschäft im galizischen Viertel von Ofen, in einem Fremdenklub in Wien und in einer kleinen Buchhandlung in einer Seitenstraße der Racknitzstraße in Leipzig. Vor zehn Tagen hatte ich in Paris meine Beweise vollständig beisammen. Die Einzelheiten kann ich Ihnen jetzt nicht erzählen, denn das wäre eine längere Geschichte. Als ich mir ganz sicher war, hielt ich es für meine Pflicht, zu verschwinden, und kam auf einem höchst sonderbaren Umweg in diese Stadt. Ich verließ Paris als junger französisch-amerikanischer Dandy und schiffte mich in Hamburg als jüdischer Diamantenhändler ein. In Norwegen war ich ein englischer Ibsenforscher, der Material für Vorträge sammelte, aber als ich Bergen verließ, war ich ein Filmmann mit speziellen Skifilmen. Und von Leith kam ich hierher, mit einer Menge Angeboten für Papierholz in der Tasche, die ich den Londoner Zeitungen unterbreiten wollte. Bis gestern glaubte ich, meine Spur einigermaßen verwischt zu haben, und war recht vergnügt. Dann …«

Die Erinnerung schien ihn aus der Fassung zu bringen, und er stürzte noch etwas Whisky hinunter.

»Dann sah ich auf der Straße vor diesem Haus einen Mann stehen. Ich blieb gewöhnlich den ganzen Tag in meinem Zimmer und schlich erst nach Einbruch der Dunkelheit für ein oder zwei Stunden hinaus. Eine Weile beobachtete ich ihn vom Fenster aus, und ich glaubte ihn wiederzuerkennen … Er kam herein und sprach mit dem Portier … Als ich gestern Abend von meinem Spaziergang zurückkam, fand ich in meinem Briefkasten eine Visitenkarte. Darauf stand der Name des Mannes, dem ich auf Gottes Erdboden am allerwenigsten begegnen möchte.«

Ich glaube, der Blick in den Augen meines Gegenübers, die blanke, nackte Angst in seinem Gesicht, überzeugte mich endgültig von seiner Aufrichtigkeit. Meine eigene Stimme wurde ein wenig schärfer, als ich ihn fragte, was er als Nächstes getan habe.

»Mir wurde klar, dass ich festsaß wie ein eingelegter Hering in seinem Glas und dass es nur einen Ausweg gab. Ich musste sterben. Wenn meine Verfolger wüssten, dass ich tot war, würden sie sich wieder schlafen legen.«

»Wie haben Sie das angestellt?«

»Ich sagte meinem Diener, dass es mir ziemlich schlecht gehe, und richtete mich so her, dass ich wie der Tod aussah. Das fiel mir nicht schwer, denn im Verkleiden bin ich nicht ungeschickt. Dann beschaffte ich mir eine Leiche – in London lässt sich immer eine auftreiben, wenn man weiß, wo man hingehen muss. Ich schaffte sie in einem Reisekoffer auf dem Dach einer vierrädrigen Droschke hierher und musste mir dann die Treppe zu meinem Zimmer hinaufhelfen lassen. Verstehen Sie, ich musste ein paar Beweise für die gerichtliche Untersuchung zusammentragen. Ich legte mich ins Bett, ließ mir von meinem Diener einen Schlaftrunk mischen und sagte ihm dann, er solle verschwinden. Er wollte einen Arzt holen, aber ich fluchte ein wenig und sagte, ich könne diese Blutsauger nicht ausstehen. Als ich allein war, machte ich mich daran, die Leiche herzurichten. Der Mann war so groß wie ich, und ich vermutete, dass er sich zu Tode getrunken hatte, also stellte ich Spirituosen in Griffweite. Der Kiefer passte nicht recht, also schoss ich ihn mit einem Revolver weg. Morgen wird wohl irgendjemand beschwören, einen Schuss gehört zu haben, aber auf meinem Stockwerk habe ich keine Nachbarn, und ich dachte mir, ich könnte es riskieren. Also ließ ich die Leiche in meinem Schlafanzug im Bett zurück, mit einem Revolver auf der Bettdecke und einer ziemlichen Schweinerei ringsum. Dann zog ich einen Anzug an, den ich für Notfälle bereitgehalten hatte. Ich wagte nicht, mich zu rasieren, aus Angst, Spuren zu hinterlassen, und außerdem hätte es ohnehin keinen Zweck gehabt, mich auf die Straße zu wagen. Ich hatte den ganzen Tag an Sie gedacht, und es schien mir nichts anderes übrigzubleiben, als Sie um Hilfe zu bitten. Ich beobachtete vom Fenster aus, bis ich Sie nach Hause kommen sah, und schlich dann die Treppe hinunter, um Sie abzufangen … Nun, Sir, ich glaube, jetzt wissen Sie über diese Sache ungefähr so viel wie ich.«

Er saß da und blinzelte wie eine Eule, zitternd vor Nervosität und doch verbissen entschlossen. Inzwischen war ich so gut wie überzeugt, dass er mir nichts vormachte. Es war eine Geschichte von der allerabenteuerlichsten Sorte, aber ich hatte im Lauf der Zeit viele unglaubliche Geschichten gehört, die sich als wahr erwiesen hatten, und ich war es gewohnt, eher den Mann als die Geschichte zu beurteilen. Wenn er sich in meiner Wohnung hätte einquartieren wollen, um mir dann die Kehle durchzuschneiden, hätte er mir eine harmlosere Geschichte aufgetischt.

»Geben Sie mir Ihren Schlüssel«, sagte ich, »dann sehe ich mir die Leiche an. Verzeihen Sie meine Vorsicht, aber ich muss doch wenigstens ein paar Dinge überprüfen, wenn ich kann.«

Er schüttelte betrübt den Kopf. »Ich habe mir gedacht, dass Sie das verlangen würden, aber ich habe ihn nicht. Er hängt an meiner Kette, die auf dem Toilettentisch liegt. Ich musste ihn zurücklassen, denn ich durfte keine Spuren hinterlassen, die Verdacht erregen könnten. Die Herrschaften, die hinter mir her sind, haben ziemlich scharfe Augen. Für diese Nacht müssen Sie mir aufs Wort glauben, und morgen werden Sie für die Geschichte mit der Leiche schon Beweise bekommen.«

Ein, zwei Augenblicke überlegte ich. »Gut. Für heute Nacht vertraue ich Ihnen. Ich schließe Sie hier im Zimmer ein und behalte den Schlüssel. Nur noch eines, Mr. Scudder. Ich glaube, dass Sie ehrlich sind; sollten Sie es aber nicht sein, will ich Sie warnen: Ich weiß mit einer Schusswaffe umzugehen.«

»Versteht sich«, sagte er und sprang recht munter auf. »Ich habe nicht das Vergnügen, Ihren Namen zu kennen, Sir, aber lassen Sie mich Ihnen sagen: Sie sind ein rechter weißer Mann. Leihen Sie mir bitte ein Rasiermesser.«

Ich führte ihn in mein Schlafzimmer und ließ ihn machen. Nach einer halben Stunde kam eine Gestalt heraus, die ich kaum wiedererkannte. Nur seine stechenden, hungrigen Augen waren dieselben geblieben. Er war glatt rasiert, trug sein Haar mit einem Mittelscheitel und hatte sich die Augenbrauen gestutzt. Außerdem hielt er sich, als wäre er militärisch gedrillt worden, und war bis hin zum braunen Teint das Musterbild eines britischen Offiziers, der lange in Indien gedient hatte. Auch ein Monokel hatte er, das er sich ins Auge klemmte, und in seiner Sprache war jede Spur des Amerikaners verschwunden.

»Donnerwetter! Mr. Scudder –«, stammelte ich.

»Nicht Mr. Scudder«, verbesserte er mich, »Hauptmann Theophilus Digby vom 40. Gurkharegiment, zurzeit auf Heimaturlaub. Ich bitte Sie, sich das zu merken, Sir.«

Ich machte ihm im Rauchzimmer ein Bett zurecht und suchte mein eigenes Lager auf, vergnügter, als ich während des ganzen letzten Monats gewesen war. Hin und wieder geschah also doch etwas, selbst in dieser gottverlassenen Metropole.

Am nächsten Morgen erwachte ich davon, dass mein Diener Paddock an der Tür des Rauchzimmers einen Höllenlärm machte.

Paddock war ein Mann, dem ich draußen am Selakwe einmal einen Gefallen getan hatte, und kaum war ich in England angekommen, hatte ich ihn als Diener eingespannt. Er hatte ein ungefähr so gutes Mundwerk wie ein Nilpferd und war auch als Diener nicht sonderlich geschickt, aber ich wusste, dass ich auf seine Treue zählen konnte.

»Lassen Sie den Lärm, Paddock«, sagte ich. »Ein Freund von mir, Hauptmann – Hauptmann« (der Name fiel mir nicht ein), »schläft da drinnen. Machen Sie Frühstück für zwei und kommen Sie dann zu mir.«

Ich erzählte Paddock eine schöne Geschichte: Mein Freund sei ein ganz hohes Tier, dessen Nerven von der vielen Arbeit arg mitgenommen seien und der absolute Ruhe und Stille brauche. Niemand dürfe erfahren, dass er hier sei, sonst würden ihn das Indienministerium und der Premierminister mit Mitteilungen bestürmen, und seine Genesung wäre dahin. Ich muss schon sagen, Scudder spielte ausgezeichnet mit, als er zum Frühstück kam. Er fixierte Paddock durch sein Monokel, ganz wie ein britischer Offizier, fragte ihn nach dem Burenkrieg und erzählte mir einen Haufen Zeug über erfundene Freunde. Paddock konnte sich nicht angewöhnen, mich mit »Sir« anzureden, aber zu Scudder sagte er »Sir«, als hinge sein Leben davon ab.

Ich ließ ihn mit der Zeitung und einer Kiste Zigarren zurück und ging bis zum Mittagessen in die City. Als ich zurückkam, machte der Aufzugführer ein bedeutungsvolles Gesicht.

»Üble Sache hier heute Morgen, Sir. Der Herr in Nummer 15 hat sich erschossen. Haben ihn gerade in die Leichenhalle geschafft. Die Polizei ist jetzt oben.«

Ich ging zu Nummer 15 hinauf und fand zwei Bobbys und einen Inspektor bei der Untersuchung. Ich stellte ein paar idiotische Fragen, und bald hatten sie mich hinausgeworfen. Dann machte ich den Mann ausfindig, der Scudder bedient hatte, und horchte ihn aus, aber ich sah, dass er nichts ahnte. Er war ein weinerlicher Bursche mit einer Leichenbittermiene, und eine halbe Krone spendete ihm reichlich Trost.

Am nächsten Tag wohnte ich der gerichtlichen Untersuchung bei. Ein Teilhaber irgendeines Verlags sagte aus, der Verstorbene habe ihm Angebote für Holzstoff vorgelegt und sei, wie er glaube, Vertreter einer amerikanischen Firma gewesen. Die Geschworenen befanden, es liege Selbstmord im Zustand geistiger Umnachtung vor, und die wenigen Habseligkeiten wurden dem amerikanischen Konsul zur weiteren Verfügung übergeben. Ich berichtete Scudder ausführlich über die Angelegenheit, und er war höchst interessiert. Er sagte, er wäre gern bei der Untersuchung gewesen, denn er glaube, das wäre ungefähr so reizvoll gewesen, wie seinen eigenen Nachruf zu lesen.

Die ersten beiden Tage, die er bei mir in dem hinteren Zimmer verbrachte, war er sehr friedlich. Er las und rauchte ein wenig, machte sich in einem Notizbuch eine Menge Aufzeichnungen, und jeden Abend spielten wir eine Partie Schach, bei der er mich vernichtend schlug. Ich glaube, er ließ seine Nerven wieder zu Kräften kommen, denn er hatte eine ziemlich schwere Zeit hinter sich. Doch am dritten Tag sah ich, dass er unruhig zu werden begann. Er stellte eine Liste aller Tage bis zum 15. Juni auf und hakte jeden mit einem roten Stift ab, wobei er daneben Bemerkungen in Kurzschrift setzte. Immer wieder fand ich ihn in tiefes Grübeln versunken, den scharfen Blick ins Unbestimmte gerichtet, und nach solchen Grübeleien war er meist sehr niedergeschlagen.

Dann bemerkte ich, dass er wieder nervös wurde. Er horchte auf die leisesten Geräusche und fragte mich ständig, ob man Paddock trauen könne. Ein-, zweimal wurde er sehr unwirsch und entschuldigte sich dafür. Ich nahm es ihm nicht übel. Ich hatte volles Verständnis für ihn, denn er hatte eine ziemlich schwierige Aufgabe übernommen.

Nicht die Sorge um seine eigene Haut quälte ihn, sondern die Sorge, ob der Plan gelingen würde, den er sich zurechtgelegt hatte. Dieser kleine Mann war durch und durch aus hartem Holz geschnitzt, ohne eine einzige weiche Stelle. Eines Abends war er sehr ernst.

»Hören Sie, Hannay«, sagte er, »ich finde, ich sollte Sie ein bisschen tiefer in diese Sache einweihen. Ich würde nur sehr ungern abtreten, ohne jemanden zu hinterlassen, der den Kampf weiterführt.« Und er begann, mir in allen Einzelheiten zu erzählen, was ich von ihm bisher nur in groben Umrissen gehört hatte.

Ich hörte ihm nicht besonders aufmerksam zu. In Wahrheit interessierten mich seine eigenen Abenteuer mehr als seine hohe Politik. Ich fand, Karolides und seine Angelegenheiten gingen mich nichts an, und überließ das alles ihm. So vergaß ich vieles von dem, was er sagte, vollkommen. Ich erinnere mich, dass er nachdrücklich betonte, die Gefahr für Karolides werde erst mit dessen Ankunft in London beginnen und von den allerhöchsten Stellen ausgehen, gegen die niemand den geringsten Verdacht hegen würde. Er erwähnte den Namen einer Frau – Julia Czechenyi –, die mit dieser Gefahr etwas zu tun habe. Sie sollte, wie ich verstand, als Lockvogel dienen, um Karolides aus der Obhut seiner Wachen zu locken. Er sprach auch von einem Schwarzen Stein und einem Mann, der lispelte, und beschrieb sehr genau jemanden, den er nie ohne Schauder erwähnte – einen alten Mann mit einer jungen Stimme, der seine Augen unter den Lidern verbergen konnte wie ein Habicht.

Er sprach auch viel vom Tod. Er sorgte sich zu Tode darum, ob er seine Aufgabe würde vollenden können, aber um sein Leben scherte er sich keinen Deut.

»Ich glaube, es ist, als schliefe man ein, wenn man völlig erschöpft ist, und wachte dann an einem Sommertag auf, während der Duft von Heu durchs Fenster hereinzieht. Früher, drüben in der Bluegrass-Region, habe ich Gott für solche Morgen gedankt, und ich glaube, ich werde Ihm danken, wenn ich auf der anderen Seite des Jordan aufwache.«

Am nächsten Tag war er viel vergnügter und las die meiste Zeit in der Lebensbeschreibung Stonewall Jacksons. Ich ging mit einem Bergbauingenieur zu Abend essen, den ich wegen einer geschäftlichen Angelegenheit treffen musste, und kam gegen halb elf zurück, gerade rechtzeitig für unsere Schachpartie vor dem Schlafengehen.

Ich hatte eine Zigarre im Mund, daran erinnere ich mich, als ich die Tür zum Rauchzimmer aufdrückte. Das Licht brannte nicht, was mir seltsam vorkam. Ich fragte mich, ob Scudder schon zu Bett gegangen war.

Ich knipste das Licht an, aber niemand war da. Dann sah ich in der hintersten Ecke etwas, bei dessen Anblick ich die Zigarre fallen ließ und in kalten Schweiß ausbrach.

Mein Gast lag auf dem Rücken, Arme und Beine von sich gestreckt. Ein langes Messer hatte sein Herz durchbohrt und ihn am Fußboden festgespießt.


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