Zum Hauptinhalt springen

Kapitel 1 kostenlos lesen. Ohne Anmeldung.

Nach Büchern oder Genres suchen
Warenkorb

Ihr Warenkorb ist leer.

Alle Bücher entdecken

Menü ein- oder ausblenden
Cover des Buches „Das Schloss in den Wolken“ von L. M. Montgomery

Kostenlose Leseprobe

Das Schloss in den Wolken

Von L. M. Montgomery

Gemeinfreier Klassiker von L. M. Montgomery · Neue Übersetzung von NovelSpell

Ausgabe wählen

Das Schloss in den Wolken

L. M. Montgomery

Kapitel 1

Hätte es an einem gewissen Maimorgen nicht geregnet, wäre Valancy Stirlings ganzes Leben völlig anders verlaufen. Sie wäre mit der übrigen Sippe zu Tante Wellingtons Verlobungspicknick gegangen, und Dr. Trent wäre nach Montreal gefahren. Aber es regnete, und nun sollt ihr hören, was ihr deshalb widerfuhr.

Valancy erwachte früh, in jener leblosen, hoffnungslosen Stunde unmittelbar vor Tagesanbruch. Sie hatte nicht besonders gut geschlafen. Man schläft mitunter nicht gut, wenn man am nächsten Tag neunundzwanzig wird und unverheiratet ist, in einer Gemeinde und einer Verwandtschaft, in denen Unverheiratete schlicht diejenigen sind, die keinen Mann abbekommen haben.

Deerwood und die Stirlings hatten Valancy längst als hoffnungslose alte Jungfer abgeschrieben. Doch Valancy selbst hatte eine gewisse klägliche, verschämte kleine Hoffnung, dass die Liebe doch noch zu ihr finden werde, nie ganz aufgegeben – nie, bis zu diesem nassen, schrecklichen Morgen, an dem ihr beim Erwachen bewusst wurde, dass sie neunundzwanzig war und kein Mann um sie warb.

Ja, das war der wunde Punkt. Valancy machte es nicht allzu viel aus, eine alte Jungfer zu sein. Schließlich, dachte sie, konnte das Leben als alte Jungfer unmöglich so schrecklich sein wie eine Ehe mit einem Onkel Wellington oder einem Onkel Benjamin oder selbst einem Onkel Herbert. Was sie schmerzte, war, dass sie nie die Möglichkeit gehabt hatte, etwas anderes als eine alte Jungfer zu sein. Kein Mann hatte sie je begehrt.

Tränen traten ihr in die Augen, während sie allein in der eben erst ergrauenden Dunkelheit lag. Aus zwei Gründen wagte sie nicht, so heftig zu weinen, wie ihr zumute war. Sie fürchtete, das Weinen könnte einen weiteren Anfall dieser Schmerzen in der Herzgegend auslösen. Nachdem sie zu Bett gegangen war, hatte sie einen solchen Anfall gehabt – einen etwas schlimmeren als alle bisherigen. Und sie fürchtete, ihre Mutter würde beim Frühstück ihre roten Augen bemerken und ihr dann mit kleinlichen, beharrlichen Fragen nach dem Grund zusetzen, lästig wie eine Mücke.

»Angenommen«, dachte Valancy mit einem grässlichen Grinsen, »ich würde schlicht die Wahrheit sagen: ›Ich weine, weil ich nicht heiraten kann.‹ Wie entsetzt Mutter wäre – dabei schämt sie sich jeden Tag ihres Lebens dafür, dass ihre Tochter eine alte Jungfer ist.«

Aber natürlich galt es, den Schein zu wahren. »Es ziemt sich nicht«, konnte Valancy ihre Mutter mit ihrer prüden, herrischen Stimme schon sagen hören, »es ziemt sich für ein Mädchen nicht, an Männer zu denken.«

Die Vorstellung, welches Gesicht ihre Mutter machen würde, brachte Valancy zum Lachen – denn sie besaß einen Sinn für Humor, von dem niemand in ihrer Sippe etwas ahnte. Überhaupt gab es so manches an Valancy, von dem niemand etwas ahnte. Doch ihr Lachen ging nicht tief, und bald lag sie wieder da, eine zusammengekauerte, hilflose kleine Gestalt, lauschte dem strömenden Regen draußen und sah mit flauem Widerwillen zu, wie das kalte, erbarmungslose Licht in ihr hässliches, schäbiges Zimmer kroch.

Sie kannte die Hässlichkeit dieses Zimmers auswendig – kannte sie und hasste sie. Den gelb gestrichenen Fußboden mit dem einen scheußlichen »gehäkelten« Bettvorleger, auf dem ein grotesker »gehäkelter« Hund ihr jedes Mal, wenn sie erwachte, entgegengrinste; die verblasste dunkelrote Tapete; die von alten undichten Stellen verfärbte und von Rissen durchzogene Decke; das schmale, kümmerliche Waschtischchen; den Zierbehang aus braunem Papier mit violetten Rosen darauf; den fleckigen alten Spiegel mit dem Sprung quer hindurch, aufgestützt auf dem dürftigen Frisiertisch; das Gefäß mit dem uralten Potpourri, das ihre Mutter in ihren mythischen Flitterwochen bereitet hatte; die muschelbesetzte Schachtel mit einer aufgeplatzten Ecke, die Cousine Stickles in ihrer ebenso mythischen Mädchenzeit gemacht hatte; das perlenbestickte Nadelkissen, dem die Hälfte seiner Perlenfransen fehlte; den einen steifen gelben Stuhl; den verblichenen alten Spruch »Dahingegangen, doch unvergessen«, mit buntem Garn um Urgroßmutter Stirlings grimmiges altes Gesicht gestickt; die alten, längst aus den unteren Zimmern verbannten Fotografien uralter Verwandter. Nur zwei Bilder zeigten keine Verwandten. Das eine war ein alter Farbdruck mit einem Hundewelpen, der auf einer regennassen Türschwelle saß. Dieses Bild machte Valancy immer unglücklich. Dieser verlassene kleine Hund, der im peitschenden Regen auf der Schwelle kauerte! Warum machte denn nicht jemand die Tür auf und ließ ihn herein? Das andere Bild war ein verblasster Stich mit Passepartout, der Königin Luise beim Herabsteigen einer Treppe zeigte und den Tante Wellington ihr zum zehnten Geburtstag großzügig geschenkt hatte. Neunzehn Jahre lang hatte sie es angesehen und gehasst – die schöne, selbstgefällige, selbstzufriedene Königin Luise. Aber sie hatte nie gewagt, es zu vernichten oder zu entfernen. Mutter und Cousine Stickles wären entsetzt gewesen oder hätten, wie Valancy es in Gedanken respektlos ausdrückte, einen Anfall bekommen.

Natürlich war jedes Zimmer im Haus hässlich. Doch unten wurde einigermaßen der Schein gewahrt. Für Zimmer, die nie jemand zu Gesicht bekam, war kein Geld da. Manchmal glaubte Valancy, sie könnte selbst etwas aus ihrem Zimmer machen, auch ohne Geld, wenn man sie nur ließe. Doch ihre Mutter hatte jeden zaghaften Vorschlag abgelehnt, und Valancy beharrte nicht darauf. Valancy beharrte nie auf etwas. Sie hatte Angst davor. Ihre Mutter duldete keinen Widerspruch. Wenn man Mrs. Stirling gekränkt hatte, schmollte sie tagelang, mit den Allüren einer beleidigten Herzogin.

Das Einzige, was Valancy an ihrem Zimmer mochte, war, dass sie dort nachts allein sein und weinen konnte, wenn sie wollte.

Aber was machte es schließlich schon aus, wenn ein Zimmer hässlich war, in dem man nichts anderes tat, als zu schlafen und sich anzuziehen? Valancy durfte sich zu keinem anderen Zweck allein in ihrem Zimmer aufhalten. Wer allein sein wollte, so glaubten Mrs. Frederick Stirling und Cousine Stickles, konnte dabei nur etwas Finsteres im Schilde führen. Doch ihr Zimmer im Blauen Schloss war alles, was ein Zimmer sein sollte.

Valancy, im wirklichen Leben so eingeschüchtert, geduckt, bevormundet und brüskiert, ließ es sich in ihren Tagträumen recht prächtig ergehen. Niemand in der Stirling-Sippe oder ihren Seitenzweigen ahnte etwas davon, am allerwenigsten ihre Mutter und Cousine Stickles. Sie wussten nicht, dass Valancy zwei Zuhause hatte – den hässlichen roten Backsteinkasten in der Elm Street und das Blaue Schloss in Spanien. Im Geist hatte Valancy im Blauen Schloss gelebt, solange sie denken konnte. Sie war noch ein ganz kleines Kind gewesen, als sie entdeckt hatte, dass es ihr gehörte. Immer, wenn sie die Augen schloss, konnte sie es deutlich sehen: mit seinen Türmchen und Bannern auf der kiefernbewachsenen Bergeshöhe, in einen Hauch blauer Lieblichkeit gehüllt, vor dem Abendhimmel eines schönen, unbekannten Landes. Alles Wunderbare und Schöne gab es in diesem Schloss. Juwelen, wie Königinnen sie hätten tragen können; Gewänder aus Mondlicht und Feuer; Ruhebetten aus Rosen und Gold; lange Fluchten flacher Marmorstufen, an denen große weiße Urnen standen und auf denen schlanke, in Nebel gehüllte Jungfrauen auf und nieder schritten; Höfe mit Marmorsäulen, in denen schimmernde Fontänen niederfielen und Nachtigallen zwischen den Myrten sangen; Spiegelsäle, die nur stattliche Ritter und liebliche Frauen zeigten – sie selbst die lieblichste von allen, und für einen Blick von ihr starben Männer. Was sie durch die Langeweile ihrer Tage trug, war einzig die Hoffnung, sich nachts einem Traumrausch hingeben zu können. Die meisten Stirlings, wenn nicht alle, wären vor Entsetzen gestorben, hätten sie auch nur die Hälfte von dem gewusst, was Valancy in ihrem Blauen Schloss tat.

Zum Beispiel hatte sie dort eine ganze Reihe von Geliebten. Oh, immer nur einen auf einmal. Einen, der mit der ganzen romantischen Glut des Ritterzeitalters um sie warb, sie nach langem hingebungsvollem Werben und vielen kühnen Heldentaten gewann und ihr in der großen, bannerbehangenen Kapelle des Blauen Schlosses mit Pomp und Gepränge angetraut wurde.

Als sie zwölf war, war dieser Geliebte ein blonder Junge mit goldenen Locken und himmelblauen Augen. Mit fünfzehn war er groß und dunkelhaarig und bleich, doch schön musste er nach wie vor sein. Mit zwanzig war er asketisch, verträumt, vergeistigt. Mit fünfundzwanzig hatte er ein scharf geschnittenes, ein wenig grimmiges Kinn und ein Gesicht, das eher kraftvoll und herb als schön war. In ihrem Blauen Schloss wurde Valancy nie älter als fünfundzwanzig, doch in letzter Zeit – erst seit ganz kurzer Zeit – hatte ihr Held rötliches, goldbraunes Haar, ein schiefes Lächeln und eine geheimnisvolle Vergangenheit.

Ich behaupte nicht, Valancy habe diese Geliebten vorsätzlich ermordet, wenn sie ihnen entwachsen war. Einer verblasste einfach, wenn ein anderer erschien. In dieser Hinsicht hat man es in Blauen Schlössern sehr bequem.

Doch an diesem Morgen ihres Schicksalstages konnte Valancy den Schlüssel zu ihrem Blauen Schloss nicht finden. Die Wirklichkeit setzte ihr zu sehr zu, kläffte ihr um die Fersen wie ein kleiner Hund, der einen rasend machte. Sie war neunundzwanzig, einsam, unbegehrt, unansehnlich – das einzige hässliche Mädchen in einer Sippe schöner Menschen, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Soweit sie zurückblicken konnte, war das Leben grau und farblos, ohne irgendwo auch nur einen einzigen karmesinroten oder purpurnen Fleck. Soweit sie vorausblicken konnte, schien gewiss, dass es genauso bleiben würde, bis sie nichts weiter war als ein einsames kleines, verdorrtes Blatt, das sich an einen winterlichen Ast klammerte. Der Augenblick, in dem eine Frau erkennt, dass sie nichts hat, wofür sie leben könnte – weder Liebe noch Pflicht, weder Ziel noch Hoffnung –, birgt für sie die Bitterkeit des Todes.

»Und ich muss einfach weiterleben, weil ich nicht aufhören kann. Vielleicht muss ich achtzig werden«, dachte Valancy in einer Art Panik. »Wir werden alle entsetzlich alt. Schon der Gedanke daran macht mich krank.«

Sie war froh, dass es regnete – oder vielmehr empfand sie eine trostlose Genugtuung darüber, dass es regnete. An diesem Tag würde es kein Picknick geben. Dieses alljährliche Picknick, mit dem Tante und Onkel Wellington – man dachte immer in dieser Reihenfolge an sie – unweigerlich ihre Verlobung bei einem Picknick dreißig Jahre zuvor feierten, war für Valancy in den letzten Jahren zum wahren Albtraum geworden. Ein boshafter Zufall wollte es, dass es auf ihren Geburtstag fiel, und seit sie über fünfundzwanzig war, ließ niemand sie das vergessen.

So sehr sie es hasste, zu diesem Picknick zu gehen, wäre ihr doch nie in den Sinn gekommen, sich dagegen aufzulehnen. In ihrem Wesen schien nichts Revolutionäres zu liegen. Und sie wusste genau, was jeder beim Picknick zu ihr sagen würde. Onkel Wellington, den sie nicht mochte und verachtete, obwohl er das höchste Ziel der Stirlings erreicht und »Geld geheiratet« hatte, würde ihr in einem grunzenden Flüsterton sagen: »Denkst du immer noch nicht ans Heiraten, meine Liebe?«, und dann in das brüllende Gelächter ausbrechen, mit dem er ausnahmslos seine faden Bemerkungen abschloss. Tante Wellington, die Valancy in geradezu unterwürfige Ehrfurcht versetzte, würde ihr von Olives neuem Chiffonkleid und Cecils jüngstem hingebungsvollen Brief erzählen. Valancy würde so erfreut und interessiert dreinschauen müssen, als wären es ihr Kleid und ihr Brief gewesen, sonst wäre Tante Wellington beleidigt. Und Valancy hatte längst beschlossen, lieber Gott als Tante Wellington zu kränken, denn Gott würde ihr vielleicht verzeihen, Tante Wellington aber niemals.

Tante Alberta, die ungeheuer dick war und die liebenswürdige Gewohnheit hatte, ihren Mann stets nur »er« zu nennen, als sei er das einzige männliche Wesen auf der Welt, und die nie vergessen konnte, dass sie in ihrer Jugend eine große Schönheit gewesen war, würde Valancy wegen ihrer fahlen Haut bedauern –

»Ich weiß nicht, warum die Mädchen heutzutage alle so von der Sonne gebräunt sind. Als ich ein Mädchen war, hatte ich eine Haut wie Rosen und Sahne. Ich galt als das hübscheste Mädchen in Kanada, meine Liebe.«

Vielleicht würde Onkel Herbert nichts sagen – oder vielleicht würde er scherzhaft bemerken: »Wie dick du wirst, Doss!« Und dann würden alle über die überaus komische Vorstellung lachen, dass die arme, klapperdürre kleine Doss dick wurde.

Der stattliche, ernste Onkel James, den Valancy nicht mochte, aber respektierte, weil er als sehr klug galt und deshalb das Orakel der Sippe war – mit Verstand war die Verwandtschaft der Stirlings nicht allzu reich gesegnet –, würde vermutlich mit jenem eulenhaften Sarkasmus, dem er seinen Ruf verdankte, bemerken: »Ich nehme an, du bist dieser Tage mit deiner Aussteuertruhe beschäftigt?«

Und Onkel Benjamin würde unter keuchendem Glucksen ein paar seiner abscheulichen Scherzrätsel stellen und selbst beantworten.

»Was ist der Unterschied zwischen Doss und einer Maus?«

»Die Maus will Käse naschen und Doss will Männer haschen.«

Valancy hatte ihn dieses Rätsel schon fünfzigmal stellen hören, und jedes Mal wollte sie etwas nach ihm werfen. Doch sie tat es nie. Erstens warfen die Stirlings einfach nicht mit Sachen; zweitens war Onkel Benjamin ein reicher, kinderloser alter Witwer, und Valancy war in der Zucht und Ermahnung seines Geldes erzogen worden. Wenn sie ihn kränkte, würde er sie aus seinem Testament streichen – vorausgesetzt, sie stand darin. Valancy wollte nicht aus Onkel Benjamins Testament gestrichen werden. Sie war ihr Leben lang arm gewesen und kannte die nagende Bitterkeit der Armut. Also ertrug sie seine Rätsel und rang sich sogar gequälte kleine Lächeln darüber ab.

Tante Isabel, unverblümt und unangenehm wie ein Ostwind, würde irgendetwas an ihr auszusetzen finden – Valancy konnte nicht vorhersagen, was genau, denn Tante Isabel wiederholte nie eine Kritik – sie fand jedes Mal etwas Neues, mit dem sie einem einen Stich versetzen konnte. Tante Isabel war stolz darauf, zu sagen, was sie dachte, aber sie mochte es gar nicht so gern, wenn andere ihr sagten, was sie dachten. Valancy sagte nie, was sie dachte.

Cousine Georgiana – nach ihrer Ururgroßmutter benannt, die wiederum nach Georg IV. benannt worden war – würde klagend die Namen aller Verwandten und Freunde aufzählen, die seit dem letzten Picknick gestorben waren, und sich fragen, »wer von uns wohl als Nächster gehen wird«.

Die erdrückend tüchtige Tante Mildred würde Valancy endlos von ihrem Mann und ihren unausstehlichen Wunderbabys erzählen, weil sie niemanden außer Valancy fände, der sich das gefallen ließe. Aus demselben Grund würde Cousine Gladys – genau genommen eine um eine Generation versetzte Cousine ersten Grades, nach der strengen Art, in der die Stirlings ihre Verwandtschaftsverhältnisse erfassten –, eine große, dünne Dame, die zugab, ein empfindsames Gemüt zu haben, die Qualen ihrer Neuritis bis ins Kleinste beschreiben. Und Olive, das Wundermädchen der ganzen Stirling-Sippe, das alles besaß, was Valancy nicht hatte – Schönheit, Beliebtheit, Liebe –, würde ihre Schönheit zur Schau stellen, sich auf ihre Beliebtheit etwas einbilden und Valancy das diamantene Abzeichen der Liebe vor die geblendeten, neidischen Augen halten.

Das alles würde es heute nicht geben. Und es müssten keine Teelöffel eingepackt werden. Das Einpacken überließ man immer Valancy und Cousine Stickles. Und einmal, vor sechs Jahren, war ein silberner Teelöffel aus Tante Wellingtons Hochzeitsbesteck verloren gegangen. Immer wieder musste Valancy sich diesen silbernen Teelöffel vorhalten lassen. Sein Geist tauchte, Banquo gleich, bei jedem späteren Familienfest wieder auf.

Oh ja, Valancy wusste genau, wie das Picknick werden würde, und sie segnete den Regen, der sie davor bewahrt hatte. Dieses Jahr würde es kein Picknick geben. Wenn Tante Wellington nicht am geheiligten Tag selbst feiern konnte, würde sie überhaupt nicht feiern. Dafür sei allen Göttern gedankt, die es geben mochte.

Da es kein Picknick geben würde, beschloss Valancy, am Nachmittag zur Bibliothek zu gehen und sich ein anderes Buch von John Foster zu holen, falls der Regen aufhörte. Valancy durfte nie Romane lesen, aber John Fosters Bücher waren keine Romane. Es waren »Naturbücher«, wie die Bibliothekarin Mrs. Frederick Stirling erklärt hatte – »da geht es nur um den Wald und Vögel und Krabbeltiere und solche Sachen, wissen Sie«. Daher durfte Valancy sie lesen – unter Protest, denn es war nur allzu offensichtlich, dass sie ihr zu viel Freude machten. Es war erlaubt, sogar lobenswert, zu lesen, um seinen Geist zu bilden und seinen Glauben zu stärken, doch ein Buch, das einem Freude machte, war gefährlich. Valancy wusste nicht, ob ihr Geist dadurch gebildet wurde oder nicht; aber sie hatte dunkel das Gefühl, dass ihr Leben vielleicht anders verlaufen wäre, wenn sie John Fosters Bücher schon vor Jahren entdeckt hätte. Sie schienen ihr Einblicke in eine Welt zu gewähren, die sie früher einmal hätte betreten können, deren Tür ihr nun aber für immer versperrt war. Erst im vergangenen Jahr waren John Fosters Bücher in die Bibliothek von Deerwood gekommen, obwohl die Bibliothekarin Valancy erzählte, er sei schon seit mehreren Jahren ein bekannter Schriftsteller.

»Wo lebt er?«, hatte Valancy gefragt.

»Das weiß niemand. Seinen Büchern nach muss er Kanadier sein, aber mehr lässt sich nicht in Erfahrung bringen. Seine Verleger wollen kein Wort sagen. Vermutlich ist John Foster ein nom de plume. Seine Bücher sind so beliebt, dass sie ständig ausgeliehen sind, obwohl ich wirklich nicht begreife, was die Leute daran so begeistert.«

»Ich finde sie wunderbar«, sagte Valancy zaghaft.

»Ach – nun ja –« Miss Clarksons herablassendes Lächeln verwies Valancys Ansichten ins Abseits. »Ich selbst mache mir nicht viel aus Krabbeltieren. Aber Foster scheint allerdings alles über sie zu wissen, was es zu wissen gibt.«

Valancy wusste auch nicht, ob sie sich viel aus Krabbeltieren machte. Es war nicht John Fosters unheimliches Wissen über wilde Tiere und das Leben der Insekten, das sie in seinen Bann zog. Sie konnte kaum sagen, was es war – die quälende Verlockung eines nie enthüllten Geheimnisses – die Ahnung eines großen Geheimnisses, nur ein kleines Stück weiter – ein schwaches, flüchtiges Echo schöner, vergessener Dinge – John Fosters Zauber war nicht zu fassen.

Ja, sie würde sich ein neues Buch von Foster holen. Ein Monat war vergangen, seit sie Distelernte ausgeliehen hatte, also konnte Mutter gewiss nichts einwenden. Valancy hatte es viermal gelesen – ganze Passagen konnte sie auswendig.

Und – sie war beinahe so weit, wegen dieses seltsamen Schmerzes in der Herzgegend zu Dr. Trent zu gehen. Er war in letzter Zeit ziemlich häufig aufgetreten, und das Herzklopfen wurde lästig, ganz zu schweigen von gelegentlichen Schwindelgefühlen und einer seltsamen Kurzatmigkeit. Aber konnte sie ihn aufsuchen, ohne jemandem etwas zu sagen? Das war ein höchst kühner Gedanke. Keiner von den Stirlings suchte je einen Arzt auf, ohne zuvor Familienrat zu halten und Onkel James’ Einwilligung einzuholen. Dann ging man zu Dr. Ambrose Marsh in Port Lawrence, der Cousine zweiten Grades Adelaide Stirling geheiratet hatte.

Doch Valancy mochte Dr. Ambrose Marsh nicht. Und außerdem kam sie nicht ins fünfzehn Meilen entfernte Port Lawrence, ohne dass jemand sie hinbrachte. Sie wollte nicht, dass irgendjemand von ihren Herzbeschwerden erfuhr. Man würde ein solches Aufheben darum machen, und jeder aus der Familie würde herbeikommen und alles mit ihr besprechen und ihr Ratschläge geben und sie zur Vorsicht mahnen und sie warnen und ihr schreckliche Geschichten von Großtanten und Cousinen im vierzigsten Glied erzählen, bei denen es »ganz genauso« gewesen war und die »ohne jede Vorwarnung tot umgefallen sind, meine Liebe«.

Tante Isabel würde sich daran erinnern, dass sie immer gesagt hatte, Doss sehe aus wie ein Mädchen, das einmal Herzbeschwerden bekommen würde – »immer so eingefallen und kränklich«; und Onkel Wellington würde es als persönliche Beleidigung auffassen, wo doch »noch nie zuvor ein Stirling eine Herzkrankheit gehabt hat«; und Georgiana würde, für alle gut hörbar, beiseite unken: »Die arme, liebe kleine Doss wird nicht mehr lange auf dieser Welt sein, fürchte ich«; und Cousine Gladys würde sagen: »Also mein Herz ist schon seit Jahren so«, und zwar in einem Ton, als dürfte außer ihr niemand auch nur ein Herz haben; und Olive – Olive würde lediglich schön und überlegen und widerwärtig gesund aussehen, als wollte sie sagen: »Was soll all das Aufheben um ein verblühtes, überflüssiges Wesen wie Doss, wenn ihr mich habt?«

Valancy fand, dass sie es niemandem erzählen konnte, wenn es nicht sein musste. Sie war sich ziemlich sicher, dass mit ihrem Herzen nichts Ernstliches los war und kein Anlass zu dem ganzen Wirbel bestand, der entstünde, wenn sie es erwähnte. Sie würde einfach noch an diesem Tag still und heimlich zu Dr. Trent gehen. Was seine Rechnung betraf, so hatte sie die zweihundert Dollar, die ihr Vater am Tag ihrer Geburt für sie auf der Bank eingezahlt hatte. Sie durfte nicht einmal die Zinsen davon ausgeben, aber sie würde heimlich genug abheben, um Dr. Trent zu bezahlen.

Dr. Trent war ein barscher, unverblümter, zerstreuter alter Herr, doch er war eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet der Herzkrankheiten, auch wenn er nur praktischer Arzt im weltabgeschiedenen Deerwood war. Dr. Trent war über siebzig, und es gab Gerüchte, er wolle sich bald zur Ruhe setzen. Seit er Cousine Gladys vor zehn Jahren gesagt hatte, sie bilde sich ihre Neuritis nur ein und habe ihre Freude daran, war niemand von der Stirling-Sippe mehr zu ihm gegangen. Man konnte doch keinen Arzt aufsuchen, der die eigene, um eine Generation versetzte Cousine ersten Grades derart beleidigte – ganz abgesehen davon, dass er Presbyterianer war, während sämtliche Stirlings in die anglikanische Kirche gingen. Doch Valancy, die zwischen dem Teufel der Untreue gegenüber der Sippe und dem tiefen Meer aus Aufregung, Lärm und Ratschlägen stand, dachte, sie würde es mit dem Teufel wagen.


Cookie- und Datenschutzeinstellungen

Sie bestimmen über Ihre Daten

Erfahren Sie mehr über die von uns verwendeten Cookies und entscheiden Sie, welche Cookies Sie zulassen möchten.

  • Diese Cookies sind notwendig, damit die Website ordnungsgemäß funktioniert, etwa damit Sie sich anmelden und Artikel in den Warenkorb legen können.

  • Diese Cookies speichern Informationen über Ihre Aktivitäten, um Ihren nächsten Besuch auf der Website auf Sie abzustimmen.

  • Diese Cookies werden von uns und unseren Partnern, darunter Shopify, verwendet, um Marketingkommunikation zu optimieren und Ihnen Werbung auf anderen Websites anzuzeigen.

  • Diese Cookies helfen uns zu verstehen, wie Sie die Website nutzen. Wir verwenden diese Daten, um Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen.