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Die rote Tapferkeitsmedaille
Von Stephen Crane
Gemeinfreier Klassiker von Stephen Crane · Neuübersetzung von NovelSpell
Die rote Tapferkeitsmedaille
Stephen Crane
Kapitel 1
Die Kälte wich nur widerwillig von der Erde, und die abziehenden Nebel enthüllten eine Armee, die über die Hügel hingestreckt ruhte. Als die Landschaft von Braun zu Grün überging, erwachte die Armee und begann beim Lärm der Gerüchte vor Erwartung zu beben. Sie richtete die Augen auf die Straßen, die aus langen Rinnen voll flüssigen Schlamms zu ordentlichen Fahrwegen wurden. Ein Fluss, im Schatten seiner Ufer bernsteinfarben getönt, plätscherte der Armee zu Füßen; und nachts, wenn das Wasser eine traurige Schwärze angenommen hatte, konnte man über ihn hinweg das rote, augengleiche Glimmen feindlicher Lagerfeuer sehen, die in den niedrigen Stirnen ferner Hügel saßen.
Eines Tages regte sich in einem gewissen hochgewachsenen Soldaten die Tugend, und er machte sich entschlossen auf, ein Hemd zu waschen. Er kam von einem Bach zurückgeflogen und schwenkte sein Kleidungsstück wie eine Fahne. Eine Geschichte blähte ihn auf, die er von einem zuverlässigen Freund gehört hatte, der sie von einem wahrheitsliebenden Kavalleristen gehört hatte, der sie von seinem vertrauenswürdigen Bruder gehört hatte, einer der Ordonnanzen im Hauptquartier der Division. Er gab sich die gewichtige Miene eines Herolds in Rot und Gold.
»Morgen ziehen wir los – ganz sicher«, sagte er wichtigtuerisch zu einer Gruppe in der Lagergasse der Kompanie. »Wir ziehen ein ganzes Stück flussaufwärts, setzen über und kommen ihnen dann in den Rücken.«
Seinen aufmerksamen Zuhörern entwarf er lautstark und bis in alle Einzelheiten den Plan eines überaus glänzenden Feldzugs. Als er fertig war, zerstreuten sich die blau gekleideten Männer zwischen den Reihen gedrungener brauner Hütten in kleine, streitende Gruppen. Einen schwarzen Fuhrmann, der unter den ausgelassenen Anfeuerungsrufen von vierzig Soldaten auf einer Hartkekskiste getanzt hatte, ließen sie stehen. Betrübt setzte er sich hin. Aus einer Vielzahl eigenartiger Schornsteine trieb träge der Rauch.
»Das ist eine Lüge! Nichts weiter – eine himmelschreiende Lüge!«, sagte ein anderer einfacher Soldat laut. Sein glattes Gesicht war gerötet, und er hatte die Hände verdrießlich in die Hosentaschen gebohrt. Er nahm die Sache als persönliche Beleidigung. »Ich glaub nicht, dass die verflixte alte Armee je loszieht. Wir sitzen hier fest. Achtmal hab ich mich in den letzten zwei Wochen marschfertig gemacht, und wir sind immer noch nicht losgezogen.«
Der hochgewachsene Soldat fühlte sich berufen, für die Wahrheit eines Gerüchts einzustehen, das er selbst in Umlauf gesetzt hatte. Er und der Lautstarke hätten sich darüber beinahe geprügelt.
Ein Korporal begann vor der versammelten Mannschaft zu fluchen. Er habe gerade erst einen teuren Bretterboden in seine Hütte gelegt, sagte er. Im zeitigen Frühjahr hatte er darauf verzichtet, es sich allzu gemütlich einzurichten, weil er geglaubt hatte, die Armee könne jeden Augenblick zum Marsch aufbrechen. In letzter Zeit aber hatte er den Eindruck gewonnen, sie lägen in einer Art ewigem Lager.
Viele der Männer beteiligten sich an einer lebhaften Debatte. Einer legte mit besonderer Klarheit sämtliche Pläne des kommandierenden Generals dar. Andere widersprachen ihm und behaupteten, es gebe andere Feldzugspläne. Sie schrien einander an; etliche bemühten sich vergebens, die Aufmerksamkeit der Menge auf sich zu ziehen. Unterdessen lief der Soldat, der das Gerücht mitgebracht hatte, geschäftig und voller Wichtigkeit umher. Unablässig bestürmte man ihn mit Fragen.
»Was gibt’s, Jim?«
»Die Armee zieht los.«
»Ach, was redest du da? Woher willst du das wissen?«
»Na, du kannst mir glauben oder nicht, ganz wie du willst. Ist mir völlig egal.«
Seine Art zu antworten gab ihnen reichlich zu denken. Er überzeugte sie beinahe dadurch, dass er es verschmähte, Beweise anzuführen. Die Sache versetzte sie in große Aufregung.
Ein junger einfacher Soldat lauschte begierig den Worten des hochgewachsenen Soldaten und den vielfältigen Bemerkungen seiner Kameraden. Als er genug von den Erörterungen über Märsche und Angriffe gehört hatte, ging er zu seiner Hütte und kroch durch eine verwinkelte Öffnung, die ihr als Tür diente. Er wollte mit ein paar neuen Gedanken allein sein, die ihm in letzter Zeit gekommen waren.
Er legte sich auf eine breite Pritsche, die am einen Ende die ganze Breite des Raums einnahm. Am anderen Ende dienten Hartkekskisten als Möbel. Sie standen um die Feuerstelle herum. An den Wänden aus Baumstämmen hing ein Bild aus einer illustrierten Wochenzeitung, und drei Gewehre hingen parallel nebeneinander an Pflöcken. An geeigneten Vorsprüngen hingen Ausrüstungsstücke, und etwas Blechgeschirr lag auf einem kleinen Stapel Brennholz. Ein zusammengefaltetes Zelt diente als Dach. Das Sonnenlicht, das von draußen darauf fiel, ließ es hellgelb leuchten. Ein kleines Fenster warf ein schräges Quadrat weißeren Lichts auf den vollgestellten Boden. Der Rauch des Feuers vergaß zuweilen den Lehmkamin und wand sich in den Raum, und dieser wacklige Kamin aus Lehm und Stöcken drohte unablässig, die ganze Behausung in Brand zu setzen.
Der Junge war vor Staunen wie leicht benommen. Also würden sie endlich kämpfen. Morgen vielleicht würde es eine Schlacht geben, und er würde dabei sein. Eine Zeit lang musste er sich mühen, daran zu glauben. Er konnte einem Vorzeichen nicht recht trauen, das ihm verkündete, er werde bald in eines jener großen Geschehnisse der Welt verwickelt sein.
Natürlich hatte er sein Leben lang von Schlachten geträumt – von undeutlichen, blutigen Kämpfen, deren Wucht und Feuer ihn erregt hatten. In seinen Visionen hatte er sich in vielen Kämpfen gesehen. Er hatte sich Völker ausgemalt, sicher im Schatten seiner adleräugigen Heldenkraft. Doch im Wachen waren ihm Schlachten als karmesinrote Flecken auf den Seiten der Vergangenheit erschienen. Er hatte sie als Dinge vergangener Zeiten neben seine inneren Bilder von schweren Kronen und hohen Burgen gestellt. Eine Epoche der Weltgeschichte hatte er für die Zeit der Kriege gehalten, doch die, so hatte er geglaubt, war längst hinter dem Horizont versunken und für immer verschwunden.
Von zu Hause aus hatten seine jungen Augen den Krieg im eigenen Land misstrauisch betrachtet. Das musste eine Art Spielerei sein. Er hatte längst die Hoffnung aufgegeben, noch einen homerischen Kampf zu erleben. So etwas würde es nicht mehr geben, hatte er gesagt. Die Menschen waren besser geworden oder furchtsamer. Weltliche und religiöse Erziehung hatten den Trieb, einander an die Kehle zu gehen, ausgetilgt, oder solide Finanzen hielten die Leidenschaften im Zaum.
Mehrmals hatte er darauf gebrannt, sich zu melden. Berichte von großen Truppenbewegungen erschütterten das Land. Sie mochten nicht ausgesprochen homerisch sein, doch es schien viel Ruhm darin zu liegen. Er hatte von Märschen, Belagerungen, Kämpfen gelesen und sich danach gesehnt, all das zu sehen. Sein geschäftiger Geist hatte ihm große, maßlos bunte Bilder gemalt, in denen atemberaubende Taten grell aufleuchteten.
Aber seine Mutter hatte ihm abgeraten. Sie hatte so getan, als betrachte sie die Art seines Kriegseifers und Patriotismus mit einer gewissen Verachtung. Sie konnte sich ganz gelassen hinsetzen und ihm ohne sichtliche Mühe viele hundert Gründe nennen, weshalb er auf dem Hof ungleich wichtiger war als auf dem Schlachtfeld. Sie hatte gewisse Wendungen gebraucht, an denen er erkannte, dass ihre Äußerungen zu diesem Thema aus tiefer Überzeugung kamen. Zudem sprach für sie, dass er ihre sittlichen Beweggründe in diesem Streit für unangreifbar hielt.
Schließlich aber hatte er sich entschieden gegen dieses gelbe Licht aufgelehnt, das auf die Farbe seines Ehrgeizes fiel. Die Zeitungen, das Dorfgerede, seine eigenen Bilder hatten ihn in eine Erregung versetzt, die sich nicht mehr zügeln ließ. Da unten wurde tatsächlich prächtig gekämpft. Beinahe jeden Tag druckte die Zeitung Berichte über einen entscheidenden Sieg.
Eines Nachts, als er im Bett lag, hatten ihm die Winde das Dröhnen der Kirchenglocke zugetragen, als irgendein Begeisterter wie rasend am Seil zog, um die verdrehte Nachricht von einer großen Schlacht zu verkünden. Diese Stimme des Volkes, das nachts frohlockte, hatte ihn in einem langen Rausch der Erregung erschauern lassen. Später war er hinunter ins Zimmer seiner Mutter gegangen und hatte gesagt: »Mama, ich werde mich melden.«
»Henry, mach keine Dummheiten«, hatte seine Mutter geantwortet. Dann hatte sie sich die Steppdecke übers Gesicht gezogen. Für diese Nacht war die Sache damit zu Ende.
Trotzdem war er am nächsten Morgen in ein Städtchen nahe dem Hof seiner Mutter gegangen und hatte sich bei einer Kompanie gemeldet, die dort aufgestellt wurde. Als er wieder nach Hause kam, melkte seine Mutter die gestromte Kuh. Vier andere standen da und warteten. »Mama, ich habe mich gemeldet«, hatte er ihr zaghaft gesagt. Es war kurz still. »Des Herrn Wille geschehe, Henry«, hatte sie schließlich geantwortet und dann die gestromte Kuh weitergemolken.
Als er in seiner Soldatenkleidung in der Tür stand und das Leuchten von Erregung und Erwartung in seinen Augen den Glanz der Wehmut um die häuslichen Bande fast überstrahlte, hatte er zwei Tränen gesehen, die ihre Spuren über die narbigen Wangen seiner Mutter zogen.
Dennoch hatte sie ihn enttäuscht, weil sie kein Wort davon sagte, er solle mit seinem Schild oder auf ihm zurückkehren. Insgeheim hatte er sich auf eine schöne Szene vorbereitet. Er hatte sich bestimmte Sätze zurechtgelegt, mit denen er, wie er glaubte, Rührung erwecken konnte. Aber ihre Worte hatten seine Pläne zunichtegemacht. Unbeirrt hatte sie Kartoffeln geschält und dabei Folgendes zu ihm gesagt: »Pass auf, Henry, und gib gut auf dich acht bei dieser ganzen Kämpferei – pass auf und gib gut auf dich acht. Glaub bloß nicht, du kannst gleich die ganze Rebellenarmee schlagen, denn das kannst du nicht. Du bist bloß ein kleiner Kerl unter ganz vielen anderen und musst still sein und tun, was man dir sagt. Ich weiß, wie du bist, Henry.
»Ich hab dir acht Paar Socken gestrickt, Henry, und alle deine besten Hemden eingepackt, denn ich will, dass mein Junge es genauso warm und bequem hat wie jeder andere in der Armee. Sobald Löcher drin sind, schick sie mir sofort zurück, damit ich sie stopfen kann.
»Und sieh immer gut zu, mit wem du dich abgibst. Es gibt viele schlechte Kerle in der Armee, Henry. Die Armee macht sie wild, und nichts tun sie lieber, als einen jungen Kerl wie dich, der kaum je von zu Hause fort gewesen ist und immer seine Mutter gehabt hat, auf die schiefe Bahn zu bringen und ihm das Trinken und Fluchen beizubringen. Halt dich von solchen Leuten fern, Henry. Ich will nicht, dass du jemals etwas tust, Henry, für das du dich vor mir schämen müsstest. Stell dir einfach vor, ich seh dir zu. Wenn du immer daran denkst, dann wirst du schon auf dem rechten Weg bleiben, glaub ich.
»Du musst auch immer an deinen Vater denken, Kind, und dran, dass er in seinem ganzen Leben keinen Tropfen Schnaps getrunken hat und ihm selten ein böses Fluchwort über die Lippen gekommen ist.
»Ich weiß nicht, was ich dir sonst noch sagen soll, Henry, außer dass du dich niemals meinetwegen drücken darfst, Kind. Wenn einmal die Stunde kommt, wo du nur die Wahl hast, getötet zu werden oder etwas Gemeines zu tun, dann, Henry, denk an nichts als daran, was recht ist, denn in diesen Zeiten müssen viele Frauen so etwas durchstehen, und der Herr wird für uns alle sorgen.
»Vergiss die Socken und die Hemden nicht, Kind; und ich hab dir eine Tasse Brombeermarmelade in dein Bündel gepackt, weil ich weiß, dass du die über alles liebst. Leb wohl, Henry. Pass auf und sei ein guter Junge.«
Natürlich hatte er diese Rede nur ungeduldig über sich ergehen lassen. Sie war nicht ganz das gewesen, was er erwartet hatte, und er hatte sie mit verdrießlicher Miene angehört. Er ging mit einem unbestimmten Gefühl der Erleichterung davon.
Doch als er am Tor zurückblickte, hatte er seine Mutter zwischen den Kartoffelschalen knien sehen. Ihr braunes, erhobenes Gesicht war von Tränen gezeichnet, und ihre schmale Gestalt zitterte. Er senkte den Kopf und ging weiter, plötzlich voller Scham über seine Absichten.
Von zu Hause war er in die Schule gegangen, um sich von vielen Mitschülern zu verabschieden. Voller Staunen und Bewunderung hatten sie sich um ihn gedrängt. Er hatte die Kluft gespürt, die nun zwischen ihnen lag, und sich vor stillem Stolz gebläht. Er und einige seiner Kameraden, die sich in Blau gekleidet hatten, waren einen ganzen Nachmittag lang mit Vorrechten geradezu überschüttet worden, und das war etwas sehr Köstliches gewesen. Sie waren umherstolziert.
Ein gewisses hellhaariges Mädchen hatte sich lebhaft über seinen kriegerischen Geist lustig gemacht, aber da war noch ein anderes Mädchen mit dunklerem Haar, auf das er unverwandt geblickt hatte, und er hatte gemeint, sie werde beim Anblick seines Blaus und Messings sittsam und traurig. Als er den Weg zwischen den Eichenreihen hinunterging, hatte er den Kopf gewandt und sie an einem Fenster entdeckt, von wo aus sie ihm beim Fortgehen zusah. Als er sie bemerkte, hatte sie sofort begonnen, durch die hohen Äste in den Himmel zu starren. Er hatte gesehen, wie aufgeregt und hastig sie ihre Haltung änderte. Er dachte oft daran.
Auf dem Weg nach Washington hatte ihn ein Hochgefühl erfasst. Das Regiment war an einem Bahnhof nach dem anderen bewirtet und gehätschelt worden, bis der Junge geglaubt hatte, er müsse ein Held sein. Es hatte Brot und kaltes Fleisch, Kaffee, eingelegte Gurken und Käse im Überfluss gegeben. Während er sich im Lächeln der Mädchen sonnte und die alten Männer ihm auf die Schulter klopften und ihn lobten, hatte er die Kraft zu gewaltigen Waffentaten in sich wachsen gespürt.
Nach umständlichen Reisen mit vielen Unterbrechungen waren Monate eintönigen Lagerlebens gekommen. Er hatte geglaubt, der wirkliche Krieg sei eine Folge von Todeskämpfen, zwischen denen nur wenig Zeit zum Schlafen und Essen blieb; doch seit sein Regiment ins Feld gezogen war, hatte die Armee kaum etwas anderes getan, als stillzusitzen und zu versuchen, sich warm zu halten.
So kehrte er allmählich zu seinen alten Vorstellungen zurück. Homerische Kämpfe würde es nicht mehr geben. Die Menschen waren besser geworden oder furchtsamer. Weltliche und religiöse Erziehung hatten den Trieb, einander an die Kehle zu gehen, ausgetilgt, oder solide Finanzen hielten die Leidenschaften im Zaum.
Mittlerweile betrachtete er sich nur noch als Teil einer gewaltigen blauen Machtdemonstration. Seine Aufgabe war es, so gut er konnte, für seine eigene Behaglichkeit zu sorgen. Zur Unterhaltung konnte er Däumchen drehen und sich Gedanken darüber machen, was wohl in den Köpfen der Generäle vorging. Außerdem musste er exerzieren und exerzieren und zur Parade antreten, exerzieren und exerzieren und zur Parade antreten.
Die einzigen Feinde, die er gesehen hatte, waren ein paar Vorposten am Flussufer. Es war eine sonnengebräunte, philosophische Gesellschaft, die zuweilen nachdenklich auf die blauen Vorposten schoss. Wenn man ihnen später Vorwürfe deswegen machte, äußerten sie für gewöhnlich ihr Bedauern und schworen bei ihren Göttern, die Gewehre seien ohne ihre Erlaubnis losgegangen. Eines Nachts hatte sich der Junge beim Wachdienst über den Fluss hinweg mit einem von ihnen unterhalten. Es war ein etwas zerlumpter Mann, der geschickt zwischen seine Schuhe spuckte und einen reichen Vorrat an unbefangener, kindlicher Selbstsicherheit besaß. Als Mensch war er dem Jungen sympathisch.
»Yankee«, hatte der andere ihm mitgeteilt, »du bist ein ganz verdammt guter Kerl.« Diese Worte, die in der stillen Luft zu ihm herüberschwebten, hatten ihn für eine Weile bedauern lassen, dass Krieg war.
Verschiedene Veteranen hatten ihm Geschichten erzählt. Manche sprachen von grauen, bärtigen Horden, die unter unerbittlichen Flüchen vorrückten und mit unbeschreiblicher Tapferkeit Tabak kauten; von ungeheuren Massen wilder Soldaten, die wie die Hunnen dahinfegten. Andere sprachen von zerlumpten, ewig hungrigen Männern, die mutloses Pulver verschossen. »Die stürmen durch Höllenfeuer und Schwefel, um einen Brotbeutel zu ergattern, und solche Mägen halten nicht lange durch«, hatte man ihm erzählt. Bei diesen Geschichten hatte der Junge sich rote, lebendige Knochen vorgestellt, die durch Schlitze in den verblichenen Uniformen herausragten.
Trotzdem konnte er den Geschichten der Veteranen nicht völlig Glauben schenken, denn Rekruten waren ihre Beute. Sie redeten viel von Rauch, Feuer und Blut, aber er konnte nicht erkennen, wie viel davon gelogen war. Unaufhörlich brüllten sie ihm »Frische Fische!« zu, und ihnen war in keiner Weise zu trauen.
Doch nun sah er ein, dass es nicht viel darauf ankam, gegen welche Art von Soldaten er kämpfen würde, solange sie kämpften, und das bestritt niemand. Es gab ein ernsteres Problem. Er lag auf seiner Pritsche und dachte darüber nach. Er versuchte, sich mathematisch zu beweisen, dass er in einer Schlacht nicht davonlaufen würde.
Bis dahin hatte er es nie für nötig gehalten, allzu ernsthaft mit dieser Frage zu ringen. In seinem Leben hatte er gewisse Dinge für selbstverständlich gehalten, nie seinen Glauben an den schließlichen Erfolg infrage gestellt und sich wenig um Mittel und Wege gekümmert. Doch hier sah er sich etwas von Gewicht gegenüber. Plötzlich war ihm der Gedanke gekommen, er könne in einer Schlacht womöglich davonlaufen. Er musste zugeben, dass er, was den Krieg betraf, nichts über sich wusste.
Noch einige Zeit zuvor hätte er das Problem vor den äußeren Pforten seines Geistes warten lassen, jetzt aber fühlte er sich gezwungen, sich ernsthaft damit zu befassen.
In ihm wuchs eine kleine panische Angst. Seine Fantasie eilte einem Kampf entgegen, und er sah entsetzliche Möglichkeiten. Er betrachtete die lauernden Gefahren der Zukunft und versuchte vergeblich, sich selbst standhaft in ihrer Mitte zu sehen. Er erinnerte sich an seine Visionen vom Ruhm mit zerbrochener Klinge, doch im Schatten des nahenden Getümmels beschlich ihn der Verdacht, es seien unmögliche Bilder.
Er sprang von der Pritsche und begann, nervös auf und ab zu gehen. »Herrgott, was ist bloß mit mir los?«, sagte er laut.
Er spürte, dass seine Lebensregeln in dieser Krise nichts taugten. Was er auch über sich gelernt hatte, hier half es ihm nicht. Er war eine unbekannte Größe. Er sah, dass er wieder würde experimentieren müssen wie in früher Jugend. Er musste Wissen über sich sammeln und beschloss unterdessen, sorgsam auf der Hut zu bleiben, damit ihn die Eigenschaften, von denen er nichts wusste, nicht für immer mit Schande bedeckten. »Herrgott!«, wiederholte er bestürzt.
Nach einer Weile glitt der hochgewachsene Soldat geschickt durch die Öffnung. Der lautstarke einfache Soldat folgte ihm. Sie stritten.
»Schon gut«, sagte der hochgewachsene Soldat beim Eintreten. Er machte eine ausdrucksvolle Handbewegung. »Du kannst mir glauben oder nicht, ganz wie du willst. Du brauchst dich bloß hinzusetzen und so ruhig wie möglich abzuwarten. Dann wirst du bald genug sehen, dass ich recht hatte.«
Sein Kamerad grunzte störrisch. Einen Augenblick schien er nach einer schlagenden Antwort zu suchen. Schließlich sagte er: »Na, du weißt doch auch nicht alles auf der Welt, oder?«
»Hab nicht behauptet, ich wüsste alles auf der Welt«, gab der andere scharf zurück. Er begann, verschiedene Sachen dicht in seinem Tornister zu verstauen.
Der Junge, der nervös auf und ab ging, hielt inne und blickte auf die geschäftige Gestalt hinab. »Gibt’s ganz sicher eine Schlacht, Jim?«, fragte er.
»Natürlich gibt’s eine«, antwortete der hochgewachsene Soldat. »Natürlich gibt’s eine. Wart bloß bis morgen, dann erlebst du eine der größten Schlachten, die’s je gegeben hat. Wart bloß ab.«
»Donnerwetter!«, sagte der Junge.
»O ja, diesmal wirst du Kämpfe erleben, mein Junge, richtige Kämpfe, mit allem Drum und Dran«, fügte der hochgewachsene Soldat hinzu, mit der Miene eines Mannes, der seinen Freunden gleich eine Schlacht vorführen würde.
»Pah!«, sagte der Lautstarke aus einer Ecke.
»Na ja«, meinte der Junge, »wahrscheinlich wird’s mit dieser Geschichte genauso gehen wie mit den anderen.«
»Ganz bestimmt nicht«, antwortete der hochgewachsene Soldat gereizt. »Ganz bestimmt nicht. Ist denn nicht die ganze Kavallerie heute Morgen aufgebrochen?« Er blickte finster umher. Niemand widersprach ihm. »Die Kavallerie ist heute Morgen aufgebrochen«, fuhr er fort. »Sie sagen, es ist kaum noch Kavallerie im Lager. Die ziehen nach Richmond oder sonst wohin, während wir gegen alle Südstaatenjungs kämpfen. So ein Trick soll das sein. Das Regiment hat auch Befehle gekriegt. Hat mir vorhin einer erzählt, der sie zum Hauptquartier gehen sah. Und im ganzen Lager machen sie ein Höllentheater – das kann jeder sehen.«
»Ach was!«, sagte der Lautstarke.
Der Junge schwieg eine Weile. Schließlich sprach er den hochgewachsenen Soldaten an. »Jim!«
»Was?«
»Was meinst du, wie sich das Regiment schlagen wird?«
»Ach, die werden schon ordentlich kämpfen, glaub ich, wenn sie erst mal mittendrin sind«, sagte der andere, kühl und abwägend. Er wusste die dritte Person geschickt zu gebrauchen. »Natürlich hat man sie gehörig aufgezogen, weil sie noch neu dabei sind, und so weiter; aber sie werden schon ordentlich kämpfen, glaub ich.«
»Glaubst du, dass welche von den Jungs davonlaufen?«, fragte der Junge beharrlich.
»Ach, vielleicht laufen ein paar von ihnen weg, aber solche gibt’s in jedem Regiment, besonders wenn sie zum ersten Mal unter Feuer kommen«, sagte der andere nachsichtig. »Natürlich kann’s passieren, dass der ganze Haufen losrennt und davonläuft, wenn’s gleich zu Anfang heftig zugeht, und genauso gut können sie stehen bleiben und kämpfen wie die Wilden. Aber wetten kann man auf gar nichts. Natürlich waren sie noch nie unter Feuer, und es ist nicht wahrscheinlich, dass sie gleich beim ersten Mal die ganze Rebellenarmee auf einen Schlag besiegen; aber ich denke, sie werden besser kämpfen als manche und schlechter als andere. So seh ich das. Sie nennen das Regiment ›Frische Fische‹ und alles Mögliche; aber die Jungs sind aus gutem Holz, und die meisten werden wie die Teufel kämpfen, wenn sie erst mal schießen«, fügte er hinzu und legte gewaltigen Nachdruck auf die letzten vier Wörter.
»Ach, du glaubst, du weißt –«, begann der lautstarke Soldat verächtlich.
Der andere fuhr ihn wütend an. Es folgte ein rascher Wortwechsel, bei dem sie einander mit allerlei sonderbaren Schimpfnamen belegten.
Schließlich unterbrach der Junge sie. »Hast du je daran gedacht, dass du selber davonlaufen könntest, Jim?«, fragte er. Als er zu Ende gesprochen hatte, lachte er, als hätte er einen Witz machen wollen. Auch der lautstarke Soldat kicherte.
Der hochgewachsene einfache Soldat machte eine Handbewegung. »Tja«, sagte er tiefsinnig, »ich hab mir schon gedacht, dass es Jim Conklin in manchem von diesen Scharmützeln zu heiß werden könnte, und wenn ein ganzer Haufen von den Jungs losrennt und davonläuft, na, dann würd ich wohl auch losrennen und davonlaufen. Und wenn ich erst mal losrenne, würd ich rennen wie der Teufel, das steht fest. Aber wenn alle stehen bleiben und kämpfen, na, dann würde ich stehen bleiben und kämpfen. Beim Himmel, das würde ich. Darauf wette ich.«
»Pah!«, sagte der Lautstarke.
Der Junge in dieser Geschichte war seinem Kameraden für diese Worte dankbar. Er hatte befürchtet, alle unerprobten Männer besäßen großes und berechtigtes Selbstvertrauen. Nun war er einigermaßen beruhigt.



