Zum Hauptinhalt springen

Kapitel 1 gratis lesen. Ohne Anmeldung.

Bücher oder Genres suchen
Warenkorb

Ihr Warenkorb ist leer.

Alle Bücher entdecken

Menü ein- oder ausblenden
Cover des Buches «Fünf Kinder und zehn Wünsche» von E. Nesbit

Gratis-Leseprobe

Fünf Kinder und zehn Wünsche

Von E. Nesbit

Gemeinfreier Klassiker von E. Nesbit · Neuübersetzung von NovelSpell

Ausgabe auswählen

Fünf Kinder und zehn Wünsche

E. Nesbit

Kapitel 1: Schön wie der Tag

Das Haus war drei Meilen vom Bahnhof entfernt, doch die staubige Mietkutsche war noch keine fünf Minuten dahingerattert, da steckten die Kinder schon die Köpfe aus dem Kutschenfenster und fragten: »Sind wir nicht bald da?« Und jedes Mal, wenn sie an einem Haus vorbeikamen, was nicht sehr oft geschah, riefen sie alle: »Oh, ist es das?« Aber es war nie das richtige, bis sie ganz oben auf dem Hügel ankamen, gleich hinter dem Kreidebruch und noch vor der Kiesgrube. Dort stand ein weißes Haus mit einem grünen Garten und einem Obstgarten dahinter, und die Mutter sagte: »Da sind wir!«

»Wie weiß das Haus ist«, sagte Robert.

»Und seht euch die Rosen an«, sagte Anthea.

»Und die Pflaumen«, sagte Jane.

»Es ist eigentlich ganz ordentlich«, gab Cyril zu.

Das Baby sagte: »Will pazieren gehn«; und die Kutsche kam mit einem letzten Rasseln und Ruck zum Stehen.

In dem Gedränge, als alle auf der Stelle aus der Kutsche wollten, bekam jeder Tritte gegen die Beine oder auf die Füße, doch niemand schien sich daran zu stören. Die Mutter hatte es merkwürdigerweise gar nicht eilig auszusteigen; und selbst nachdem sie langsam, über das Trittbrett und ganz ohne Sprung heruntergekommen war, wollte sie offenbar lieber zusehen, wie die Koffer hineingetragen wurden, und sogar den Kutscher bezahlen, statt sich jenem ersten herrlichen Ansturm auf den Garten, den Obstgarten und die Wildnis voller Dornen, Disteln, Heckenrosen und Brombeerranken hinter dem kaputten Tor und dem trockenen Springbrunnen an der Seite des Hauses anzuschließen. Aber diesmal waren die Kinder klüger. Eigentlich war es überhaupt kein hübsches Haus; es war ganz gewöhnlich, und die Mutter fand es ziemlich unpraktisch und ärgerte sich sehr darüber, dass es so gut wie keine Regale und im ganzen Haus kaum einen Schrank gab. Der Vater sagte immer, das Eisenwerk auf dem Dach und der Mauerkrone sei ein Architektenalbtraum. Aber das Haus lag mitten auf dem Land, kein anderes Haus war zu sehen, und die Kinder hatten zwei Jahre in London verbracht, ohne auch nur ein einziges Mal mit einem Ausflugszug ans Meer zu fahren, nicht einmal für einen Tag. Deshalb erschien ihnen das Weiße Haus wie eine Art Feenpalast, mitten in ein irdisches Paradies gesetzt. Denn London ist für Kinder wie ein Gefängnis, besonders wenn ihre Familie nicht reich ist.

Natürlich gibt es die Läden und Theater und Maskelyne und Cook und all das, aber wenn eure Eltern eher arm sind, werdet ihr nicht ins Theater mitgenommen und könnt euch in den Läden nichts kaufen; und in London gibt es nichts von all den schönen Dingen, mit denen Kinder spielen dürfen, ohne ihnen oder sich selbst wehzutun – etwa Bäume und Sand und Wälder und Gewässer. Und fast alles in London hat die falsche Form – lauter gerade Linien und ebene Straßen, statt all der sonderbaren Formen, die es auf dem Land gibt. Bäume sind alle verschieden, wie ihr wisst, und bestimmt hat euch schon irgendein langweiliger Mensch erzählt, dass kein Grashalm dem anderen genau gleicht. Aber in Straßen, wo keine Grashalme wachsen, gleicht alles allem anderen. Deshalb sind viele Kinder, die in Städten leben, so außerordentlich ungezogen. Sie wissen nicht, was ihnen fehlt, und ihre Väter und Mütter, Tanten, Onkel, Cousins, Hauslehrer, Gouvernanten und Kindermädchen wissen es ebenso wenig; aber ich weiß es. Und ihr jetzt auch. Kinder auf dem Land sind manchmal ebenfalls ungezogen, aber aus ganz anderen Gründen.

Bevor man die Kinder zum Tee einfing und sauber machte, hatten sie die Gärten und Nebengebäude gründlich erkundet, und ihnen war völlig klar, dass sie im Weißen Haus ganz gewiss glücklich sein würden. Das hatten sie vom ersten Augenblick an geglaubt, doch als sie entdeckten, dass die Rückseite des Hauses von Jasmin bedeckt war, der über und über weiß blühte und duftete wie ein Fläschchen von dem teuersten Parfüm, das man je zum Geburtstag geschenkt bekommt; und als sie den Rasen gesehen hatten, ganz grün und glatt und völlig anders als das braune Gras in den Gärten von Camden Town; und als sie den Stall gefunden hatten, mit einem Heuboden darüber, auf dem noch ein bisschen altes Heu lag, da waren sie sich fast sicher; und als Robert die kaputte Schaukel gefunden hatte, herausgepurzelt war und eine Beule so groß wie ein Ei am Kopf hatte und Cyril sich den Finger in der Tür eines Ställchens eingeklemmt hatte, das offenbar dazu gedacht war, Kaninchen darin zu halten, falls man einmal welche hatte, da hegten sie keinerlei Zweifel mehr.

Das Allerbeste war, dass es keine Regeln gab, die einem verboten, irgendwohin zu gehen oder etwas zu tun. In London hängt beinahe an allem ein Schild mit der Aufschrift »Das darfst du nicht anfassen«, und obwohl das Schild unsichtbar ist, ist es genauso schlimm, denn man weiß, dass es da ist, und wenn nicht, bekommt man es verdammt bald gesagt.

Das Weiße Haus stand am Rand eines Hügels, mit einem Wald dahinter – und dem Kreidebruch auf der einen und der Kiesgrube auf der anderen Seite. Unten am Fuß des Hügels lag eine flache Ebene mit seltsam geformten weißen Gebäuden, in denen man Kalk brannte, und einer großen roten Brauerei und anderen Häusern; und wenn die großen Schornsteine rauchten und die Sonne unterging, sah das Tal aus, als wäre es mit goldenem Nebel gefüllt, und die Kalköfen und Hopfendarren schimmerten und glitzerten, bis sie einer verzauberten Stadt aus Tausendundeine Nacht glichen.

Jetzt, da ich angefangen habe, euch von diesem Ort zu erzählen, habe ich das Gefühl, ich könnte immer weiterreden und daraus eine höchst interessante Geschichte über all die gewöhnlichen Dinge machen, die die Kinder taten – eben solche Dinge, wie ihr sie selbst tut, versteht ihr –, und ihr würdet jedes Wort davon glauben; und wenn ich erzählte, wie lästig die Kinder waren, so wie ihr manchmal, würden eure Tanten vielleicht mit Bleistift an den Rand der Geschichte schreiben: »Wie wahr!« oder »Wie aus dem Leben!«, und ihr würdet es sehen und euch höchstwahrscheinlich ärgern. Deshalb werde ich euch nur die wirklich erstaunlichen Dinge erzählen, die geschahen, und ihr könnt das Buch ganz unbesorgt herumliegen lassen, denn weder Tanten noch Onkel werden wohl »Wie wahr!« an den Rand der Geschichte schreiben. Erwachsenen fällt es sehr schwer, wirklich wundersame Dinge zu glauben, wenn sie nicht haben, was sie Beweise nennen. Aber Kinder glauben fast alles, und das wissen die Erwachsenen. Deshalb erzählen sie euch, die Erde sei rund wie eine Apfelsine, obwohl ihr ganz deutlich sehen könnt, dass sie flach und bucklig ist; und deshalb sagen sie, die Erde drehe sich um die Sonne, obwohl ihr jeden Tag selbst sehen könnt, dass die Sonne morgens aufsteht und abends zu Bett geht, wie es sich für eine brave Sonne gehört, und dass die Erde weiß, wo sie hingehört, und mäuschenstill liegen bleibt. Trotzdem glaube ich, dass ihr all das mit der Erde und der Sonne glaubt, und wenn das so ist, wird es euch ganz leichtfallen zu glauben, dass Anthea und Cyril und die anderen noch keine Woche auf dem Land waren, als sie einen Elfen fanden. Jedenfalls nannten sie ihn so, weil er sich selbst so nannte; und natürlich musste er es am besten wissen, aber er war ganz anders als alle Elfen, die ihr je gesehen oder von denen ihr gehört oder gelesen habt.

Es geschah bei den Kiesgruben. Der Vater musste plötzlich geschäftlich verreisen, und die Mutter war zu Oma gefahren, der es nicht besonders gut ging. Beide waren in großer Eile aufgebrochen, und als sie fort waren, erschien das Haus schrecklich still und leer, und die Kinder wanderten von einem Zimmer ins andere und betrachteten die Papierfetzen und Schnurstücke auf den Fußböden, die vom Packen übrig geblieben und noch nicht weggeräumt worden waren, und wünschten, sie hätten etwas zu tun. Cyril war es, der sagte –

»Hört mal, nehmen wir doch unsere Spaten aus Margate und gehen in den Kiesgruben graben. Wir können so tun, als wären wir am Meer.«

»Vater sagt, das war es hier einmal«, sagte Anthea; »er sagt, da gibt es Muscheln, die Tausende von Jahren alt sind.«

Also gingen sie. Natürlich waren sie schon am Rand der Kiesgrube gewesen und hatten hinuntergesehen, aber sie waren nicht hinuntergestiegen, aus Angst, der Vater könnte sagen, sie dürften dort nicht spielen, und beim Kreidebruch war es genauso. Die Kiesgrube ist eigentlich nicht gefährlich, wenn man nicht versucht, an den Rändern hinunterzuklettern, sondern den langsamen, sicheren Umweg über die Straße nimmt, so als wäre man ein Karren.

Jedes Kind trug seinen eigenen Spaten, und sie wechselten sich damit ab, das Lämmchen zu tragen. Er war das Baby, und sie nannten ihn so, weil »Mäh« das Erste gewesen war, was er je gesagt hatte. Anthea nannten sie »Panther«, was beim Lesen albern aussieht, aber wenn man es ausspricht, klingt es ein wenig wie ihr Name.

Die Kiesgrube ist sehr groß und weit, und oben an den Rändern wachsen Gras und dürre, faserige Wildblumen, violette und gelbe. Sie ist wie die Waschschüssel eines Riesen. Und es gibt Kieshaufen und Löcher in den Wänden der Schüssel, wo man Kies herausgeholt hat, und hoch oben in den steilen Wänden sind die kleinen Löcher, die die kleinen Haustüren zu den kleinen Häusern der kleinen Uferschwalben sind.

Natürlich bauten die Kinder eine Burg, aber Burgenbauen macht nicht besonders viel Spaß, wenn man keinerlei Hoffnung hat, dass die rauschende Flut kommt, den Wassergraben füllt, die Zugbrücke wegspült und zum glücklichen Schluss alle mindestens bis zur Taille nass macht.

Cyril wollte eine Höhle graben, um darin Schmuggler zu spielen, aber die anderen fanden, sie könnten dabei lebendig begraben werden, und so machten sich schließlich sämtliche Spaten daran, mitten durch die Burg ein Loch nach Australien zu graben. Diese Kinder glaubten nämlich, die Welt sei rund und auf der anderen Seite liefen die kleinen australischen Jungen und Mädchen tatsächlich verkehrt herum, wie Fliegen an der Zimmerdecke, mit den Köpfen nach unten in die Luft.

Die Kinder gruben und gruben und gruben, und ihre Hände wurden sandig und heiß und rot, und ihre Gesichter feucht und glänzend. Das Lämmchen hatte versucht, den Sand zu essen, und so sehr geweint, als er feststellte, dass es nicht, wie er angenommen hatte, brauner Zucker war, dass er nun völlig erschöpft war und als warmes, dickes Bündel mitten in der halbfertigen Burg schlief. So konnten seine Brüder und Schwestern ungestört richtig schwer arbeiten, und das Loch, das in Australien herauskommen sollte, wurde bald so tief, dass Jane, die kurz Mieze genannt wurde, die anderen bat aufzuhören.

»Stellt euch vor, der Boden des Lochs bricht plötzlich durch«, sagte sie, »und ihr purzelt mitten unter die kleinen Australier, dann bekommen sie den ganzen Sand in die Augen.«

»Ja«, sagte Robert, »und dann hassen sie uns und werfen Steine nach uns und lassen uns die Kängurus nicht ansehen und die Opossums und die Blaugummibäume und die Emu-Brand-Vögel und überhaupt nichts.«

Cyril und Anthea wussten, dass Australien nicht ganz so nah war, aber sie waren einverstanden, die Spaten wegzulegen und mit den Händen weiterzumachen. Das ging ganz leicht, denn der Sand unten im Loch war sehr weich und fein und trocken, wie Sand am Meer. Und kleine Muscheln waren auch darin.

»Stellt euch vor, hier war einmal nasses Meer, mit all dem Geschwappe und Geglitzer«, sagte Jane, »mit Fischen und Meeraalen und Korallen und Meerjungfrauen.«

»Und Schiffsmasten und versunkenen spanischen Schätzen. Ich wünschte, wir würden eine goldene Dublone finden oder so etwas«, sagte Cyril.

»Wie hat man denn das Meer weggetragen?«, fragte Robert.

»Nicht in einem Eimer, du Dummkopf«, sagte sein Bruder. »Vater sagt, der Erde ist es unten zu heiß geworden, wie dir manchmal im Bett, und da hat sie einfach die Schultern hochgezogen, und das Meer musste herunterrutschen, wie bei uns die Bettdecken, und die Schulter hat dann herausgeguckt und ist trockenes Land geworden. Kommt, wir suchen Muscheln; ich glaube, die kleine Höhle da sieht vielversprechend aus, und da ragt etwas heraus, das aussieht wie ein Stück von einem Anker aus einem Schiffswrack, und in dem Australienloch ist es scheußlich heiß.«

Die anderen waren einverstanden, aber Anthea grub weiter. Wenn sie etwas einmal angefangen hatte, machte sie es immer gern zu Ende. Sie fand, es wäre eine Schande, das Loch aufzugeben, ohne bis nach Australien durchgekommen zu sein.

Die Höhle war eine Enttäuschung, denn es gab keine Muscheln, und der Anker aus dem Schiffswrack erwies sich bloß als das abgebrochene Ende eines Spitzhackenstiels, und die Kinder bei der Höhle waren gerade zu dem Schluss gekommen, dass Sand durstiger macht, wenn er nicht am Meer liegt, und jemand hatte vorgeschlagen, nach Hause zu gehen und Limonade zu trinken, als Anthea plötzlich schrie –

»Cyril! Komm her! Oh, komm schnell! – Es lebt! Es läuft weg! Schnell!«

Alle eilten zurück.

»Würde mich nicht wundern, wenn es eine Ratte ist«, sagte Robert. »Vater sagt, an alten Orten wimmelt es von ihnen – und hier muss es ziemlich alt sein, wenn vor Tausenden von Jahren das Meer hier war –«

»Vielleicht ist es eine Schlange«, sagte Jane schaudernd.

»Mal sehen«, sagte Cyril und sprang in das Loch. »Ich habe keine Angst vor Schlangen. Ich mag sie. Wenn es eine Schlange ist, zähme ich sie, und dann folgt sie mir überallhin, und nachts darf sie um meinen Hals schlafen.«

»Nein, darf sie nicht«, sagte Robert bestimmt. Er teilte Cyrils Schlafzimmer. »Aber wenn es eine Ratte ist, darfst du.«

»Ach, seid doch nicht albern!«, sagte Anthea. »Es ist keine Ratte, es ist viel größer. Und eine Schlange ist es auch nicht. Es hat Füße, ich habe sie gesehen, und Fell! Nein – nicht den Spaten. Du tust ihm weh! Grab mit den Händen.«

»Und stattdessen soll es mir wehtun! Ja, das werd ich wohl tun, was?«, sagte Cyril und griff nach einem Spaten.

»Oh, tu’s nicht!«, sagte Anthea. »Eichhörnchen, tu’s nicht. Ich – es klingt albern, aber es hat etwas gesagt. Es hat wirklich und wahrhaftig etwas gesagt –«

»Was?«

»Es hat gesagt: ›Lass mich in Ruhe.‹«

Doch Cyril bemerkte bloß, seine Schwester müsse nicht ganz bei Trost sein, und er und Robert gruben mit Spaten, während Anthea am Rand des Lochs saß und vor Hitze und Sorge auf und ab hüpfte. Sie gruben vorsichtig, und bald konnten alle sehen, dass sich unten im Australienloch tatsächlich etwas bewegte.

Da rief Anthea: »Ich habe keine Angst. Lasst mich graben«, fiel auf die Knie und begann zu scharren wie ein Hund, dem plötzlich wieder eingefallen ist, wo er seinen Knochen vergraben hat.

»Oh, ich habe Fell gespürt«, rief sie, halb lachend, halb weinend. »Wirklich! Ganz bestimmt!« Da ließ eine trockene, heisere Stimme aus dem Sand sie alle zurückspringen, und ihre Herzen hüpften fast so schnell wie sie selbst.

»Lasst mich in Ruhe«, sagte die Stimme. Und diesmal hörten alle sie und sahen die anderen an, um festzustellen, ob sie sie auch gehört hatten.

»Aber wir möchten dich sehen«, sagte Robert tapfer.

»Ich wünschte, du kämst heraus«, sagte Anthea, die ebenfalls Mut fasste.

»Na gut – wenn das dein Wunsch ist«, sagte die Stimme, und der Sand bewegte sich und wirbelte und stob auseinander, und etwas Braunes, Pelziges und Dickes kam ins Loch gerollt. Der Sand fiel von ihm ab, und nun saß er da, gähnte und rieb sich mit den Händen die Enden seiner Augen.

»Ich glaube, ich muss eingeschlafen sein«, sagte er und streckte sich.

Die Kinder standen im Kreis um das Loch und betrachteten das Geschöpf, das sie gefunden hatten. Er war es wert, betrachtet zu werden. Seine Augen saßen auf langen Fühlern wie Schneckenaugen, und er konnte sie wie Fernrohre ausfahren und einziehen; er hatte Ohren wie eine Fledermaus, und sein dicker Leib hatte die Form eines Spinnenkörpers und war von dichtem, weichem Fell bedeckt; auch seine Beine und Arme waren pelzig, und er hatte Hände und Füße wie ein Affe.

»Was in aller Welt ist das?«, sagte Jane. »Sollen wir es mit nach Hause nehmen?«

Das Ding wandte seine langen Augen zu ihr und sagte –

»Redet sie immer solchen Unsinn, oder liegt es bloß an dem Plunder auf ihrem Kopf, dass sie so albern ist?«

Dabei betrachtete er Janes Hut verächtlich.

»Sie will gar nicht albern sein«, sagte Anthea sanft; »keiner von uns will das, was du auch denken magst! Hab keine Angst; wir wollen dir nichts tun, weißt du.«

»Mir etwas tun!«, sagte er. »Ich soll Angst haben? Also wirklich! Ihr redet ja, als wäre ich irgendwer.« Sein ganzes Fell sträubte sich wie bei einer Katze, die gleich kämpfen will.

»Nun«, sagte Anthea, immer noch freundlich, »wenn wir wüssten, wer du eigentlich bist, würde uns vielleicht etwas einfallen, das dich nicht ärgert. Bisher scheint dich alles geärgert zu haben, was wir gesagt haben. Wer bist du? Und werde nicht böse! Denn wir wissen es wirklich nicht.«

»Ihr wisst es nicht?«, sagte er. »Nun, ich wusste ja, dass die Welt sich verändert hat – aber – also, wirklich – wollt ihr mir allen Ernstes erzählen, dass ihr einen Psammead nicht erkennt, wenn ihr einen seht?«

»Einen Sammyadd? Das kommt mir griechisch vor.«

»Allen anderen auch«, sagte das Geschöpf scharf. »Also gut, dann eben auf gut Englisch: ein Sandelf. Erkennt ihr einen Sandelfen nicht, wenn ihr einen seht?«

Er sah so betrübt und gekränkt aus, dass Jane sich beeilte zu sagen: »Natürlich sehe ich jetzt, dass du einer bist. Das ist ganz deutlich, wenn man dich erst einmal ansieht.«

»Mich angesehen habt ihr schon vor mehreren Sätzen«, sagte er verdrießlich und begann, sich wieder im Sand zusammenzurollen.

»Oh – geh nicht wieder weg! Rede doch noch ein bisschen«, rief Robert. »Ich wusste nicht, dass du ein Sandelf bist, aber gleich, als ich dich gesehen habe, wusste ich, dass du das Allerwunderbarste überhaupt bist, was ich je gesehen habe.«

Danach schien der Sandelf ein klein wenig weniger unfreundlich.

»Gegen Reden habe ich nichts«, sagte er, »solange ihr einigermaßen höflich seid. Aber bloß aus Höflichkeit werde ich mich nicht mit euch unterhalten. Wenn ihr nett mit mir redet, antworte ich euch vielleicht, und vielleicht auch nicht. Nun sagt etwas.«

Natürlich fiel niemandem etwas ein, aber schließlich kam Robert auf »Wie lange wohnst du schon hier?«, und das sagte er sofort.

»Oh, seit Ewigkeiten – seit mehreren Tausend Jahren«, erwiderte der Psammead.

»Erzähl uns alles davon. Bitte.«

»Das steht alles in Büchern.«

»Du nicht!«, sagte Jane. »Oh, erzähl uns alles, was du kannst, von dir! Wir wissen gar nichts über dich, und du bist so nett.«

Der Sandelf strich sich seine langen, rattenartigen Schnurrhaare glatt und lächelte zwischen ihnen hindurch.

»Bitte, erzähl doch!«, sagten die Kinder alle zusammen.

Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an Dinge gewöhnt, selbst an die erstaunlichsten. Fünf Minuten zuvor hatten die Kinder ebenso wenig wie ihr eine Ahnung gehabt, dass es so etwas wie einen Sandelfen auf der Welt gab, und jetzt redeten sie mit ihm, als hätten sie ihn ihr Leben lang gekannt.

Er zog seine Augen ein und sagte –

»Wie sonnig es ist – ganz wie früher. Woher bekommt ihr heutzutage eure Megatherien?«

»Was?«, sagten die Kinder alle zugleich. Es ist sehr schwer, immer daran zu denken, dass »Was?« nicht höflich ist, besonders wenn man überrascht oder aufgeregt ist.

»Gibt es heutzutage viele Pterodaktylen?«, fuhr der Sandelf fort.

Die Kinder konnten darauf keine Antwort geben.

»Was bekommt ihr zum Frühstück?«, sagte der Elf ungeduldig, »und wer gibt es euch?«

»Eier und Speck und Brot und Milch und Haferbrei und solche Sachen. Mutter gibt uns das. Was sind Mega-Wieheißen-sie-noch und Ptero-Dingsda? Und isst die jemand zum Frühstück?«

»Aber fast jeder hat zu meiner Zeit Pterodaktylus zum Frühstück gegessen! Pterodaktylen waren ein bisschen wie Krokodile und ein bisschen wie Vögel – ich glaube, gegrillt waren sie sehr gut. Es war nämlich so: Damals gab es natürlich haufenweise Sandelfen, und früh am Morgen ging man hinaus und suchte nach ihnen, und wenn man einen gefunden hatte, erfüllte er einem einen Wunsch. Die Leute schickten ihre kleinen Jungen frühmorgens vor dem Frühstück an den Strand, um die Wünsche für den Tag zu holen, und sehr oft bekam der älteste Junge in der Familie den Auftrag, sich ein Megatherium zu wünschen, schon zum Kochen zerlegt. Es war nämlich so groß wie ein Elefant, da war also ordentlich Fleisch dran. Und wenn sie Fisch wollten, baten sie um einen Ichthyosaurus – der war zwanzig bis vierzig Fuß lang, da gab es also reichlich. Und als Geflügel gab es den Plesiosaurus; auch an dem war ordentlich etwas dran. Die anderen Kinder konnten sich dann andere Dinge wünschen. Aber wenn die Leute Gäste zum Essen hatten, gab es fast immer Megatherien; und Ichthyosaurus, weil seine Flossen eine große Delikatesse waren und man aus seinem Schwanz Suppe machte.«

»Da müssen ja Berge und Berge von kaltem Fleisch übrig geblieben sein«, sagte Anthea, die eines Tages eine gute Hausfrau werden wollte.

»Oh nein«, sagte der Psammead, »das wäre überhaupt nicht gegangen. Bei Sonnenuntergang wurde doch natürlich alles, was übrig war, zu Stein. Die versteinerten Knochen des Megatheriums und solcher Tiere findet man noch heute überall, wie man mir erzählt.«

»Wer erzählt dir das?«, fragte Cyril; aber der Sandelf runzelte die Stirn und begann, sehr schnell mit seinen pelzigen Händen zu graben.

»Oh, geh nicht!«, riefen sie alle. »Erzähl uns mehr von damals, als es Megatherien zum Frühstück gab! War die Welt damals so wie jetzt?«

Er hörte auf zu graben.

»Nicht im Geringsten«, sagte er; »wo ich wohnte, war fast alles Sand, und die Kohle wuchs auf Bäumen, und die Strandschnecken waren so groß wie Teetabletts – man findet sie heute noch, sie sind zu Stein geworden. Wir Sandelfen wohnten am Meeresstrand, und die Kinder kamen mit ihren kleinen Feuersteinspaten und Feuersteineimerchen und bauten Burgen für uns zum Wohnen. Das ist Tausende von Jahren her, aber ich höre, dass Kinder immer noch Burgen im Sand bauen. Gewohnheiten wird man schwer wieder los.«

»Aber warum habt ihr aufgehört, in den Burgen zu wohnen?«, fragte Robert.

»Das ist eine traurige Geschichte«, sagte der Psammead düster. »Es lag daran, dass sie unbedingt Wassergräben um die Burgen anlegen wollten, und das scheußliche nasse, blubbernde Meer kam herein, und sobald ein Sandelf nass wurde, erkältete er sich natürlich und starb meistens. Und so gab es immer weniger, und wenn man einen Elfen fand und einen Wunsch frei hatte, wünschte man sich ein Megatherium und aß doppelt so viel, wie man wollte, denn es konnte Wochen dauern, bis man wieder einen Wunsch bekam.«

»Und bist du nass geworden?«, erkundigte sich Robert.

Der Sandelf schauderte. »Nur einmal«, sagte er; »die Spitze des zwölften Haars von meinem Schnurrbart links oben – bei feuchtem Wetter spüre ich die Stelle noch immer. Es war nur einmal, aber mir hat es vollauf gereicht. Sobald die Sonne meinen armen lieben Schnurrbart getrocknet hatte, bin ich fortgegangen. Ich bin zum hinteren Ende des Strandes geflitzt und habe mir tief im warmen, trockenen Sand ein Haus gegraben, und da bin ich seitdem geblieben. Und das Meer ist später umgezogen. Und jetzt erzähle ich euch nichts mehr.«

»Nur noch eines, bitte«, sagten die Kinder. »Kannst du jetzt noch Wünsche erfüllen?«

»Natürlich«, sagte er; »habe ich euch nicht vor ein paar Minuten euren erfüllt? Du hast gesagt: ›Ich wünschte, du kämst heraus‹, und ich bin herausgekommen.«

»Oh, bitte, dürfen wir nicht noch einen haben?«

»Ja, aber beeilt euch. Ich habe euch satt.«

Ihr habt bestimmt schon oft darüber nachgedacht, was ihr tun würdet, wenn ihr drei Wünsche frei hättet, und den alten Mann und seine Frau in der Geschichte mit der Blutwurst verachtet und ganz sicher gewusst, dass euch, wenn ihr die Gelegenheit hättet, ohne einen Augenblick zu zögern drei wirklich nützliche Wünsche einfallen würden. Diese Kinder hatten oft darüber gesprochen, aber nun, da sie plötzlich die Gelegenheit hatten, konnten sie sich nicht entscheiden.

»Schnell«, sagte der Sandelf verdrießlich. Niemandem fiel etwas ein, nur Anthea erinnerte sich schließlich an einen geheimen Wunsch von sich und Jane, von dem sie den Jungen nie erzählt hatten. Sie wusste, dass die Jungen nichts davon halten würden – aber trotzdem war es besser als gar nichts.

»Ich wünsche mir, dass wir alle schön wie der Tag sind«, sagte sie ganz hastig.

Die Kinder sahen einander an, doch jedes konnte sehen, dass die anderen kein bisschen besser aussahen als sonst. Der Psammead schob seine langen Augen heraus und schien die Luft anzuhalten und sich aufzublähen, bis er doppelt so dick und pelzig war wie zuvor. Plötzlich ließ er die Luft in einem langen Seufzer entweichen.

»Ich fürchte wirklich, ich schaffe es nicht«, sagte er entschuldigend; »ich muss aus der Übung sein.«

Die Kinder waren schrecklich enttäuscht.

»Oh, bitte versuch es noch einmal!«, sagten sie.

»Nun«, sagte der Sandelf, »die Sache ist die: Ich habe ein bisschen Kraft zurückbehalten, um auch dem Rest von euch eure Wünsche zu erfüllen. Wenn ihr euch mit einem Wunsch am Tag für euch alle zusammen zufriedengebt, bringe ich wohl genug Kraft dafür auf. Seid ihr damit einverstanden?«

»Ja, oh ja!«, sagten Jane und Anthea. Die Jungen nickten. Sie glaubten nicht, dass der Sandelf es konnte. Mädchen kann man immer viel leichter etwas glauben machen als Jungen.

Er streckte seine Augen weiter heraus als je zuvor und schwoll und schwoll und schwoll.

»Hoffentlich tut er sich nicht weh«, sagte Anthea.

»Oder platzt aus seiner Haut«, sagte Robert besorgt.

Alle waren sehr erleichtert, als der Sandelf, nachdem er so groß geworden war, dass er beinahe das ganze Loch im Sand ausfüllte, plötzlich die Luft ausstieß und wieder auf seine richtige Größe zusammenschrumpfte.

»So, das wäre geschafft«, sagte er schwer keuchend. »Morgen wird es leichter gehen.«

»Hat es sehr wehgetan?«, fragte Anthea.

»Nur mein armer Schnurrbart, danke«, sagte er, »aber du bist ein freundliches und rücksichtsvolles Kind. Guten Tag.«

Plötzlich scharrte er heftig mit Händen und Füßen und verschwand im Sand. Da sahen die Kinder einander an, und jedes Kind fand sich auf einmal allein unter drei völlig Fremden wieder, alle von strahlender Schönheit.

Einige Augenblicke standen sie vollkommen schweigend da. Jedes glaubte, seine Geschwister seien fortgegangen und diese fremden Kinder hätten sich unbemerkt herangeschlichen, während es die anschwellende Gestalt des Sandelfen beobachtet hatte. Anthea sprach zuerst –

»Entschuldige bitte«, sagte sie sehr höflich zu Jane, die jetzt riesige blaue Augen und eine Wolke rotbraunen Haars hatte, »aber hast du hier irgendwo zwei kleine Jungen und ein kleines Mädchen gesehen?«

»Das wollte ich dich gerade fragen«, sagte Jane. Und dann rief Cyril –

»Das bist ja du! Ich erkenne das Loch in deiner Schürze! Du bist doch Jane, oder? Und du bist der Panther; ich sehe dein schmutziges Taschentuch, das du nicht gewechselt hast, nachdem du dich in den Daumen geschnitten hattest! Donnerwetter! Der Wunsch ist doch in Erfüllung gegangen. Hört mal, bin ich genauso schön wie ihr?«

»Wenn du Cyril bist, hast du mir vorher viel besser gefallen«, sagte Anthea entschieden. »Mit deinen goldenen Haaren siehst du aus wie das Bild von dem jungen Chorknaben; mich würde nicht wundern, wenn du jung stirbst. Und wenn das Robert ist, sieht er aus wie ein italienischer Leierkastenmann. Seine Haare sind ganz schwarz.«

»Ihr beiden Mädchen seht dafür aus wie Weihnachtskarten – das ist alles –, alberne Weihnachtskarten«, sagte Robert wütend. »Und Janes Haare sind einfach karottenrot.«

Tatsächlich hatten sie jenen venezianischen Rotton, den die Maler so sehr bewundern.

»Na, es nützt nichts, wenn wir aneinander herummäkeln«, sagte Anthea; »holen wir das Lämmchen und schleppen ihn zum Mittagessen nach Hause. Die Dienstboten werden uns ganz schrecklich bewundern, ihr werdet schon sehen.«

Das Baby wachte gerade auf, als sie zu ihm kamen, und jedes der Kinder war erleichtert, dass wenigstens er nicht schön wie der Tag war, sondern genauso wie immer.

»Ich nehme an, er ist natürlich noch zu klein für Wünsche«, sagte Jane. »Wir müssen ihn nächstes Mal eigens erwähnen.«

Anthea lief vor und streckte die Arme aus.

»Komm zu deinem Panther, Schnuckelchen«, sagte sie.

Das Baby sah sie missbilligend an und steckte sich einen sandigen rosa Daumen in den Mund. Anthea war seine Lieblingsschwester.

»Na, komm schon«, sagte sie.

»Geh wech!«, sagte das Baby.

»Komm zu deiner Mieze«, sagte Jane.

»Will meine Panty«, sagte das Lämmchen kläglich, und seine Lippe zitterte.

»He, komm schon, Veteran«, sagte Robert, »komm und yeite auf Yobbys Rücken.«

»Wäh, pöser, pöser Junge«, heulte das Baby und verlor nun ganz die Fassung. Da wussten die Kinder, wie schlimm es wirklich war. Das Baby erkannte sie nicht!

Verzweifelt sahen sie einander an, und für jedes war es schrecklich, in dieser furchtbaren Notlage nur in die schönen Augen völlig Fremder zu blicken statt in die fröhlichen, freundlichen, gewöhnlichen, funkelnden, lustigen kleinen Augen der eigenen Geschwister.

»Das ist wirklich und wahrhaftig entsetzlich«, sagte Cyril, nachdem er versucht hatte, das Lämmchen hochzuheben, und das Lämmchen gekratzt hatte wie eine Katze und gebrüllt wie ein Stier. »Wir müssen uns mit ihm anfreunden! Ich kann ihn doch nicht so schreiend nach Hause tragen. Stellt euch vor, wir müssen uns mit unserem eigenen Baby anfreunden! – Das ist zu albern.«

Genau das mussten sie jedoch tun. Es dauerte über eine Stunde, und die Sache wurde nicht dadurch leichter, dass das Lämmchen inzwischen hungrig wie ein Löwe und durstig wie eine Wüste war.

Schließlich ließ er sich dazu herbei, sich von diesen Fremden abwechselnd nach Hause tragen zu lassen, aber da er sich weigerte, sich an so neuen Bekannten festzuhalten, hing er mit seinem ganzen Gewicht an ihnen, und das war höchst anstrengend.

»Gott sei Dank, wir sind zu Hause!«, sagte Jane und taumelte durch das eiserne Tor auf Martha, das Kindermädchen, zu, die an der Haustür stand, die Augen mit der Hand beschattete und besorgt Ausschau hielt. »Hier! Nimm doch das Baby!«

Martha riss ihr das Baby aus den Armen.

»Gott sei Dank, er ist heil zurück«, sagte sie. »Wo sind die anderen, und wer um alles in der Welt seid ihr bloß?«

»Wir sind natürlich wir«, sagte Robert.

»Und wer soll dieses ›Wir‹ sein?«, fragte Martha verächtlich.

»Ich sage dir doch, wir sind wir, bloß sind wir schön wie der Tag«, sagte Cyril. »Ich bin Cyril, und das sind die anderen, und wir haben mächtigen Hunger. Lass uns rein und sei nicht so ein alberner Dummkopf.«

Martha schimpfte bloß über Cyrils Frechheit und versuchte, ihm die Tür vor der Nase zuzumachen.

»Ich weiß, dass wir anders aussehen, aber ich bin Anthea, und wir sind so müde, und die Zeit fürs Mittagessen ist längst vorbei.«

»Dann geht nach Hause zu eurem Mittagessen, wer ihr auch seid; und wenn unsere Kinder euch zu diesem Theaterspiel angestiftet haben, könnt ihr ihnen von mir ausrichten, dass sie was erleben werden, damit sie wissen, was ihnen blüht!« Damit schlug sie die Tür mit einem Knall zu. Cyril klingelte wie wild. Keine Antwort. Bald steckte die Köchin den Kopf aus einem Schlafzimmerfenster und sagte –

»Wenn ihr nicht verschwindet, und zwar schleunigst, hole ich die Polizei.« Und sie schob das Fenster mit einem Knall herunter.

»Es hat keinen Zweck«, sagte Anthea. »Oh, kommt doch, bitte, bitte, ehe wir ins Gefängnis geschickt werden!«

Die Jungen sagten, das sei Unsinn, und nach englischem Recht könne man doch nicht ins Gefängnis kommen, nur weil man schön wie der Tag sei, aber trotzdem folgten sie den anderen hinaus auf den Feldweg.

»Nach Sonnenuntergang werden wir wohl wieder wir selbst sein«, sagte Jane.

»Ich weiß nicht«, sagte Cyril traurig; »vielleicht ist das heute nicht mehr so – seit der Zeit der Megatherien hat sich eine ganze Menge verändert.«

»Oh«, rief Anthea plötzlich, »vielleicht werden wir bei Sonnenuntergang zu Stein, wie die Megatherien, damit für den nächsten Tag nichts von uns übrig bleibt.«

Sie begann zu weinen, und Jane auch. Selbst die Jungen wurden blass. Niemand hatte mehr den Mut, etwas zu sagen.

Es war ein schrecklicher Nachmittag. In der Nähe gab es kein Haus, in dem die Kinder um eine Brotkruste oder auch nur ein Glas Wasser hätten betteln können. Sie trauten sich nicht ins Dorf, weil sie Martha mit einem Korb dorthinuntergehen gesehen hatten und es dort einen Dorfpolizisten gab. Zwar waren sie alle schön wie der Tag, aber das ist ein schwacher Trost, wenn man hungrig wie ein Jäger und durstig wie ein Schwamm ist.

Dreimal versuchten sie vergeblich, die Dienstboten im Weißen Haus dazu zu bringen, sie einzulassen und sich ihre Geschichte anzuhören. Dann ging Robert allein, in der Hoffnung, durch eines der hinteren Fenster hineinklettern und den anderen die Tür öffnen zu können. Aber alle Fenster waren außer Reichweite, und Martha schüttete aus einem oberen Fenster einen Waschkrug voll kaltem Wasser über ihn und sagte –

»Mach, dass du fortkommst, du garstiger kleiner italienischer Affe.«

Schließlich blieb ihnen nichts übrig, als sich unter der Hecke in einer Reihe hinzusetzen, die Füße in einem trockenen Graben, auf den Sonnenuntergang zu warten und sich zu fragen, ob sie, wenn die Sonne wirklich unterging, zu Stein oder bloß wieder zu ihrem alten, natürlichen Selbst werden würden; und noch immer fühlte sich jedes allein und unter Fremden und versuchte, die anderen nicht anzusehen, denn obwohl ihre Stimmen ihre eigenen waren, waren ihre Gesichter so strahlend schön, dass es einen geradezu ärgerte, sie anzusehen.

»Ich glaube nicht, dass wir zu Stein werden«, sagte Robert und brach damit ein langes, trostloses Schweigen, »denn der Sandelf hat gesagt, er gibt uns morgen noch einen Wunsch, und das könnte er doch nicht, wenn wir aus Stein wären, oder?«

Die anderen sagten: »Nein«, aber getröstet waren sie dadurch überhaupt nicht.

Wieder schwiegen sie, noch länger und noch trostloser, bis Cyril plötzlich sagte: »Ich will euch Mädchen keine Angst machen, aber ich glaube, bei mir fängt es schon an. Mein Fuß ist ganz tot. Ich werde zu Stein, ich weiß es genau, und ihr gleich auch.«

»Macht nichts«, sagte Robert freundlich, »vielleicht bist du der Einzige, der zu Stein wird, und mit uns anderen ist alles in Ordnung, und wir halten dein Standbild in Ehren und hängen Girlanden daran.«

Aber als sich herausstellte, dass Cyrils Fuß nur eingeschlafen war, weil er zu lange darauf gesessen hatte, und als der Fuß unter qualvollem Kribbeln wieder zum Leben erwachte, waren die anderen ziemlich böse.

»Uns wegen nichts und wieder nichts so einen Schrecken einzujagen!«, sagte Anthea.

Das dritte und allerelendste Schweigen brach Jane. Sie sagte –

»Wenn das hier wirklich gut ausgeht, bitten wir den Sammyadd, dafür zu sorgen, dass die Dienstboten keine Veränderung bemerken, ganz gleich, was wir uns wünschen.«

Die anderen grunzten nur. Ihnen war zu elend zumute, um auch nur gute Vorsätze zu fassen.

Schließlich taten sich Hunger und Angst und Ärger und Müdigkeit – vier sehr unangenehme Dinge – zusammen und brachten etwas Schönes zustande, nämlich Schlaf. Die Kinder lagen schlafend in einer Reihe, mit geschlossenen schönen Augen und offenen schönen Mündern. Anthea wachte zuerst auf. Die Sonne war untergegangen, und die Dämmerung brach herein.

Anthea kniff sich sehr fest, um sicherzugehen, und als sie merkte, dass sie das Kneifen noch spüren konnte, beschloss sie, dass sie nicht aus Stein war, und kniff dann die anderen. Auch sie waren weich.

»Wacht auf«, sagte sie, vor Freude beinahe weinend; »es ist alles gut, wir sind nicht aus Stein. Und oh, Cyril, wie schön hässlich du doch aussiehst, mit deinen alten Sommersprossen und deinen braunen Haaren und deinen kleinen Augen. Und ihr alle auch!«, fügte sie hinzu, damit die anderen nicht neidisch würden.

Als sie nach Hause kamen, schimpfte Martha tüchtig mit ihnen und erzählte ihnen von den fremden Kindern.

»Hübsch waren sie, das muss ich sagen, aber so was von frech.«

»Ich weiß«, sagte Robert, der aus Erfahrung wusste, wie hoffnungslos es wäre, Martha die Sache erklären zu wollen.

»Und wo in aller Welt seid ihr die ganze Zeit gewesen, ihr ungezogenen kleinen Dinger?«

»Auf dem Feldweg.«

»Warum seid ihr nicht schon vor Stunden nach Hause gekommen?«

»Wir konnten nicht, wegen denen«, sagte Anthea.

»Wegen wem?«

»Wegen der Kinder, die schön wie der Tag waren. Sie haben uns dort bis nach Sonnenuntergang festgehalten. Wir konnten erst zurück, als sie weg waren. Du weißt gar nicht, wie wir sie gehasst haben! Oh, bitte, bitte gib uns etwas zu Abend – wir sind so hungrig.«

»Hungrig! Das will ich meinen«, sagte Martha ärgerlich; »wenn man den ganzen Tag so draußen herumläuft. Nun, ich hoffe, es wird euch eine Lehre sein, euch nicht mit fremden Kindern einzulassen – womöglich sind sie nach den Masern zur Erholung hier! Und merkt euch: Wenn ihr sie wiederseht, redet nicht mit ihnen – kein einziges Wort, und nicht einmal ansehen! Kommt sofort zu mir und sagt mir Bescheid. Denen werde ich ihre Schönheit schon verderben!«

»Wenn wir sie jemals wirklich wiedersehen, sagen wir es dir«, sagte Anthea; und Robert, der liebevoll auf das kalte Rindfleisch blickte, das die Köchin auf einem Tablett hereinbrachte, fügte leise und voller Inbrunst hinzu –

»Und wir werden tüchtig aufpassen, dass wir sie auch wirklich nie wiedersehen.«

Und sie haben sie nie wiedergesehen.


Cookie- und Datenschutzeinstellungen

Sie haben die Kontrolle über Ihre Daten

Erfahren Sie mehr über die Cookies, die wir verwenden, und wählen Sie, welche Cookies Sie zulassen möchten.

  • Diese Cookies sind notwendig, damit die Website richtig funktioniert. Sie ermöglichen beispielsweise die Anmeldung und das Hinzufügen von Artikeln zum Warenkorb.

  • Diese Cookies speichern Informationen zu Ihren Aktivitäten, um Ihren nächsten Besuch auf der Website zu personalisieren.

  • Diese Cookies werden von uns und unseren Partnern, darunter Shopify, verwendet, um Marketingmitteilungen zu optimieren und Ihnen Werbung auf anderen Websites anzuzeigen.

  • Diese Cookies helfen uns zu verstehen, wie Sie die Website nutzen. Wir verwenden diese Daten, um Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen.