Zum Hauptinhalt springen

Kapitel 1 kostenlos lesen. Ohne Anmeldung.

Nach Büchern oder Genres suchen
Warenkorb

Ihr Warenkorb ist leer.

Alle Bücher entdecken

Menü ein- oder ausblenden
Cover des Buches „Ruf der Wildnis“ von Jack London

Kostenlose Leseprobe

Ruf der Wildnis

Von Jack London

Gemeinfreier Klassiker von Jack London · Neue Übersetzung von NovelSpell

Ausgabe wählen

Ruf der Wildnis

Jack London

Kapitel 1: Hinein in die Urwelt

Buck las keine Zeitungen, sonst hätte er gewusst, dass Unheil heraufzog, nicht nur für ihn, sondern für jeden Hund an der Küste zwischen dem Puget Sound und San Diego, der kräftige Muskeln und ein warmes, langes Fell hatte. Weil Männer, die im arktischen Dunkel umhertasteten, ein gelbes Metall gefunden hatten und weil Dampfschiff- und Transportgesellschaften den Fund laut anpriesen, strömten Tausende von Männern ins Nordland. Diese Männer wollten Hunde, und die Hunde, die sie wollten, waren schwere Hunde mit kräftigen Muskeln für die Arbeit und dichtem Pelz zum Schutz vor dem Frost.

Buck lebte in einem großen Haus im sonnenverwöhnten Santa-Clara-Tal. Richter Millers Anwesen nannte man es. Es stand ein Stück von der Straße entfernt, halb verborgen zwischen Bäumen, durch die hier und da die breite, kühle Veranda zu sehen war, die sich an allen vier Seiten um das Haus zog. Gekieste Auffahrten führten zum Haus, wanden sich durch weitläufige Rasenflächen und unter den ineinander verschlungenen Ästen hoher Pappeln hindurch. Hinter dem Haus war alles noch großzügiger angelegt als vorn. Da waren große Stallungen, in denen ein Dutzend Stallknechte und Jungen schalteten und walteten, Reihen rankenbewachsener Dienstbotenhäuschen, eine endlose, ordentlich angelegte Folge von Nebengebäuden, lange Weinlauben, grüne Weiden, Obstgärten und Beerenbeete. Dazu kamen das Pumpwerk für den artesischen Brunnen und das große Zementbecken, in dem Richter Millers Jungen ihr morgendliches Bad nahmen und sich an heißen Nachmittagen abkühlten.

Und über dieses große Reich herrschte Buck. Hier war er geboren, und hier hatte er die vier Jahre seines Lebens verbracht. Zwar gab es andere Hunde. Auf einem so weitläufigen Anwesen musste es andere Hunde geben, doch sie zählten nicht. Sie kamen und gingen, lebten in den dicht bevölkerten Zwingern oder führten in den Winkeln des Hauses ein unbeachtetes Dasein wie Toots, der japanische Mops, oder Ysabel, der mexikanische Nackthund – seltsame Geschöpfe, die nur selten die Nase zur Tür hinausstreckten oder eine Pfote auf den Erdboden setzten. Daneben gab es die Foxterrier, mindestens zwanzig, die Toots und Ysabel kläffend Fürchterliches versprachen, während diese aus den Fenstern auf sie herabblickten, beschützt von einer Legion Hausmädchen, die mit Besen und Wischmopps bewaffnet waren.

Doch Buck war weder Stubenhund noch Zwingerhund. Das ganze Reich gehörte ihm. Er sprang ins Schwimmbecken oder ging mit den Söhnen des Richters auf die Jagd; er begleitete Mollie und Alice, die Töchter des Richters, auf langen Streifzügen in der Abenddämmerung oder am frühen Morgen; in Winternächten lag er zu Füßen des Richters vor dem lodernden Kaminfeuer in der Bibliothek; er trug die Enkel des Richters auf dem Rücken oder rollte sie durchs Gras und wachte über sie auf ihren wilden Abenteuerzügen hinunter zum Brunnen im Stallhof und selbst noch darüber hinaus, zu den Koppeln und den Beerenbeeten. Unter den Terriern schritt er gebieterisch einher, und Toots und Ysabel würdigte er keines Blickes, denn er war König – König über alles, was auf Richter Millers Anwesen kroch, krabbelte oder flog, die Menschen eingeschlossen.

Sein Vater Elmo, ein riesiger Bernhardiner, war der unzertrennliche Gefährte des Richters gewesen, und Buck war auf dem besten Weg, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er war nicht so groß – er wog nur hundertvierzig Pfund –, denn seine Mutter Shep war ein schottischer Schäferhund gewesen. Doch hundertvierzig Pfund und dazu die Würde, die ein gutes Leben und die Achtung aller verleihen, ließen ihn wahrhaft königlich auftreten. In den vier Jahren seit seiner Welpenzeit hatte er das Leben eines satten Aristokraten geführt; er war gehörig stolz auf sich selbst, sogar ein wenig selbstsüchtig, wie es vornehme Herren auf dem Lande in ihrer Abgeschiedenheit bisweilen werden. Gerettet hatte ihn, dass er kein bloßer verhätschelter Stubenhund geworden war. Die Jagd und ähnliche Freuden im Freien hatten das Fett in Schach gehalten und seine Muskeln gestählt; und wie bei den Völkern, die kalte Bäder nehmen, hatte die Liebe zum Wasser ihn gekräftigt und gesund erhalten.

So ein Hund war Buck im Herbst 1897, als der Goldfund am Klondike Männer aus aller Welt ins eisige Nordland zog. Doch Buck las keine Zeitungen und wusste nicht, dass Manuel, einer der Gehilfen des Gärtners, kein guter Umgang war. Manuel hatte ein Laster, das ihn beherrschte. Er spielte leidenschaftlich gern chinesische Lotterie. Auch hatte er beim Spiel eine Schwäche, die ihn beherrschte – den Glauben an ein System; und damit war sein Untergang gewiss. Denn nach einem System zu spielen, erfordert Geld, und vom Lohn eines Gärtnergehilfen bleibt neben dem Unterhalt von Frau und zahlreichen Kindern nichts übrig.

An jenem denkwürdigen Abend, an dem Manuel seinen Verrat beging, war der Richter bei einer Versammlung des Verbandes der Rosinenerzeuger, und die Jungen waren damit beschäftigt, einen Sportverein zu gründen. Niemand sah ihn und Buck durch den Obstgarten davongehen; Buck hielt es für nichts weiter als einen Spaziergang. Und außer einem einzigen Mann sah niemand sie an der kleinen Bedarfshaltestelle College Park ankommen. Dieser Mann sprach mit Manuel, und Geld wechselte klimpernd den Besitzer.

»Du könntest die Ware ja einpacken, bevor du sie ablieferst«, sagte der Fremde grob, und Manuel legte Buck unter dem Halsband ein Stück starkes Seil doppelt um den Hals.

»Dreh es zu, dann würgst du ihn richtig«, sagte Manuel, und der Fremde grunzte bereitwillig seine Zustimmung.

Buck hatte sich das Seil mit stiller Würde anlegen lassen. Zwar war das etwas Ungewohntes, doch er hatte gelernt, den Menschen zu vertrauen, die er kannte, und ihnen eine Weisheit zuzutrauen, die über seine eigene hinausging. Als jedoch die Enden des Seils in die Hände des Fremden gelegt wurden, knurrte er drohend. Er hatte bloß sein Missfallen angedeutet und in seinem Stolz geglaubt, eine Andeutung sei ein Befehl. Doch zu seiner Überraschung zog sich das Seil um seinen Hals zusammen und schnitt ihm die Luft ab. In plötzlich aufwallender Wut sprang er den Mann an, der ihm entgegenkam, ihn dicht an der Kehle packte und mit einer geschickten Drehung auf den Rücken warf. Dann zog sich das Seil erbarmungslos zu; Buck wehrte sich in rasender Wut, die Zunge hing ihm aus dem Maul, und seine mächtige Brust rang vergebens nach Luft. Nie in seinem ganzen Leben hatte man ihn so niederträchtig behandelt, und nie in seinem ganzen Leben war er so zornig gewesen. Doch seine Kräfte schwanden, seine Augen wurden glasig, und er bekam nichts davon mit, als der Zug auf ein Zeichen hin anhielt und die beiden Männer ihn in den Gepäckwagen warfen.

Als er wieder etwas wahrnahm, spürte er undeutlich, dass seine Zunge schmerzte und er in irgendeinem Gefährt durchgerüttelt wurde. Der heisere Schrei einer Lokomotive, die vor einem Bahnübergang pfiff, verriet ihm, wo er war. Er war zu oft mit dem Richter gereist, um nicht zu wissen, wie sich eine Fahrt im Gepäckwagen anfühlte. Er öffnete die Augen, und sie füllten sich mit dem zügellosen Zorn eines entführten Königs. Der Mann fuhr ihm an die Kehle, doch Buck war schneller als er. Seine Kiefer schlossen sich um die Hand und ließen erst wieder los, als man ihn abermals bewusstlos gewürgt hatte.

»Ja, hat Anfälle«, sagte der Mann und verbarg seine zerfleischte Hand vor dem Gepäckschaffner, den die Kampfgeräusche herbeigelockt hatten. »Ich bring ihn für den Chef nach Frisco. Ein erstklassiger Hundedoktor dort meint, er kann ihn heilen.«

Wie es ihm auf der Fahrt in jener Nacht ergangen war, schilderte der Mann höchst beredt in einem kleinen Schuppen hinter einem Saloon am Hafen von San Francisco.

»Nur fünfzig krieg ich dafür«, brummte er; »und für tausend bar auf die Hand würd ich’s nicht noch mal machen.«

Seine Hand war in ein blutiges Taschentuch gewickelt, und das rechte Hosenbein war vom Knie bis zum Knöchel aufgerissen.

»Wie viel hat der andere Kerl gekriegt?«, wollte der Wirt wissen.

»Hundert«, lautete die Antwort. »Wollte keinen Sou weniger, so wahr mir Gott helfe.«

»Macht hundertfünfzig«, rechnete der Wirt; »und das ist er wert, oder ich bin ein Dummkopf.«

Der Entführer wickelte den blutigen Verband ab und betrachtete seine zerfleischte Hand. »Wenn ich davon nicht die Tollwut kriege –«

»Dann liegt’s daran, dass du zum Hängen geboren bist«, lachte der Wirt. »Hier, pack mit an, bevor du abziehst«, fügte er hinzu.

Benommen, mit unerträglichen Schmerzen in Kehle und Zunge und halb zu Tode gewürgt, versuchte Buck, sich seinen Peinigern zu stellen. Doch immer wieder warfen sie ihn nieder und würgten ihn, bis es ihnen gelang, das schwere Messinghalsband durchzufeilen und ihm abzunehmen. Dann entfernten sie das Seil und schleuderten ihn in eine käfigartige Kiste.

Dort lag er den Rest der zermürbenden Nacht und nährte seinen Zorn und seinen verletzten Stolz. Er konnte nicht verstehen, was das alles bedeuten sollte. Was wollten sie von ihm, diese fremden Männer? Warum hielten sie ihn in dieser engen Kiste eingesperrt? Er wusste nicht, warum, doch das unbestimmte Gefühl, dass ein Unglück bevorstand, bedrückte ihn. Mehrmals sprang er in dieser Nacht auf, wenn die Schuppentür klappernd aufging, und erwartete den Richter zu sehen oder wenigstens die Jungen. Doch jedes Mal war es das pralle Gesicht des Wirts, das im fahlen Licht einer Talgkerze zu ihm hereinspähte. Und jedes Mal schlug das freudige Bellen, das in Bucks Kehle zitterte, in ein wildes Knurren um.

Der Wirt ließ ihn jedoch in Ruhe, und am Morgen kamen vier Männer herein und hoben die Kiste hoch. Weitere Peiniger, befand Buck, denn es waren übel aussehende Gestalten, zerlumpt und ungepflegt; und er tobte und wütete hinter den Gitterstäben gegen sie. Sie lachten nur und stießen mit Stöcken nach ihm, in die er sogleich seine Zähne schlug, bis er begriff, dass sie genau das wollten. Darauf legte er sich verdrossen hin und ließ die Kiste auf einen Wagen heben. Dann ging er mitsamt der Kiste, in der er eingesperrt war, durch viele Hände. Angestellte im Expressgutbüro nahmen ihn in Empfang; auf einem anderen Wagen wurde er umhergekarrt; ein Handkarren brachte ihn zusammen mit allerlei Kisten und Paketen auf einen Fährdampfer; vom Dampfer wurde er auf einem Karren in einen großen Bahnhof gebracht und schließlich in einem Expressgutwagen abgesetzt.

Zwei Tage und Nächte lang wurde dieser Expressgutwagen hinter kreischenden Lokomotiven hergezogen; und zwei Tage und Nächte lang aß und trank Buck nichts. Die ersten Annäherungsversuche der Frachtbegleiter hatte er in seinem Zorn mit Knurren beantwortet, und sie hatten sich gerächt, indem sie ihn reizten. Wenn er sich zitternd und mit Schaum vor dem Maul gegen die Gitterstäbe warf, lachten sie ihn aus und verhöhnten ihn. Sie knurrten und bellten wie widerliche Hunde, miauten, schlugen mit den Armen und krähten. Das alles war sehr albern, das wusste er; doch gerade deshalb kränkte es seine Würde umso mehr, und sein Zorn wuchs und wuchs. Der Hunger machte ihm nicht so viel aus, aber der Mangel an Wasser quälte ihn schwer und fachte seinen Zorn bis zur Fieberglut an. Ohnehin hatte die Misshandlung ihn bei seinem leicht erregbaren, feinnervigen Wesen in ein Fieber gestürzt, das durch die Entzündung seiner ausgedörrten, geschwollenen Kehle und Zunge genährt wurde.

Über eines war er froh: Das Seil lag ihm nicht mehr um den Hals. Es hatte ihnen einen unfairen Vorteil verschafft; doch nun, da es ab war, würde er es ihnen zeigen. Nie wieder würden sie ihm ein Seil um den Hals legen. Dazu war er entschlossen. Zwei Tage und Nächte lang aß und trank er nichts, und in diesen zwei Tagen und Nächten der Qual sammelte er einen Vorrat an Zorn an, der dem Ersten, der mit ihm aneinandergeriet, nichts Gutes verhieß. Seine Augen wurden blutunterlaufen, und er verwandelte sich in einen rasenden Dämon. So sehr hatte er sich verändert, dass selbst der Richter ihn nicht wiedererkannt hätte; und die Frachtbegleiter atmeten erleichtert auf, als sie ihn in Seattle aus dem Zug schafften.

Vier Männer trugen die Kiste vorsichtig vom Wagen in einen kleinen, von hohen Mauern umschlossenen Hinterhof. Ein stämmiger Mann in einem roten Pullover, dessen Halsausschnitt tief herabhing, kam heraus und unterschrieb im Buch des Fuhrmanns. Das war er, ahnte Buck, der nächste Peiniger, und er warf sich wild gegen die Stäbe. Der Mann lächelte grimmig und holte ein Beil und einen Knüppel.

»Du willst ihn doch nicht jetzt rauslassen?«, fragte der Fuhrmann.

»Sicher«, erwiderte der Mann und trieb das Beil in die Kiste, um sie aufzuhebeln.

Die vier Männer, die sie hereingetragen hatten, stoben auf der Stelle auseinander und nahmen oben auf der Mauer sichere Plätze ein, um dem Schauspiel zuzusehen.

Buck stürzte sich auf das splitternde Holz, schlug die Zähne hinein, warf sich dagegen und zerrte daran. Wo immer das Beil außen niederfuhr, war er innen zur Stelle, fauchte und knurrte, ebenso rasend darauf aus, hinauszukommen, wie der Mann im roten Pullover in aller Ruhe darauf bedacht war, ihn herauszuholen.

»So, du rotäugiger Teufel«, sagte er, als er eine Öffnung geschaffen hatte, die groß genug für Bucks Körper war. Zugleich ließ er das Beil fallen und nahm den Knüppel in die rechte Hand.

Und Buck war wahrhaftig ein rotäugiger Teufel, als er sich zum Sprung zusammenzog, mit gesträubtem Fell, Schaum vor dem Maul und einem wahnsinnigen Glitzern in den blutunterlaufenen Augen. Geradewegs auf den Mann schleuderte er seine hundertvierzig Pfund Wut, aufgeladen mit der Leidenschaft, die sich zwei Tage und Nächte lang aufgestaut hatte. Mitten in der Luft, gerade als seine Kiefer sich um den Mann schließen wollten, traf ihn ein Schlag, der seinen Körper aufhielt und seine Zähne mit einem qualvollen Krachen zusammenschlagen ließ. Er überschlug sich und schlug mit Rücken und Seite auf dem Boden auf. Noch nie in seinem Leben war er mit einem Knüppel geschlagen worden, und er verstand es nicht. Mit einem Knurren, das mehr Schrei als Bellen war, war er wieder auf den Beinen und schoss in die Luft. Und wieder traf ihn der Schlag und schmetterte ihn zu Boden. Diesmal erkannte er, dass es der Knüppel war, aber in seiner Raserei kannte er keine Vorsicht. Ein Dutzend Mal griff er an, und ebenso oft fing der Knüppel seinen Ansturm ab und schlug ihn nieder.

Nach einem besonders heftigen Schlag rappelte er sich auf die Beine, zu benommen für einen neuen Angriff. Kraftlos taumelte er umher, das Blut floss ihm aus Nase, Maul und Ohren, sein schönes Fell war mit blutigem Geifer bespritzt und befleckt. Dann kam der Mann näher und versetzte ihm mit Bedacht einen fürchterlichen Schlag auf die Nase. Alle Schmerzen, die er bisher erduldet hatte, waren nichts gegen die schneidende Qual dieses Schlages. Mit einem Brüllen, das an Wildheit fast dem eines Löwen glich, warf er sich erneut auf den Mann. Doch der wechselte den Knüppel von der rechten in die linke Hand, packte ihn kaltblütig am Unterkiefer und riss ihn zugleich nach unten und hinten. Buck beschrieb in der Luft einen ganzen Kreis und noch einen halben, dann krachte er mit Kopf und Brust auf den Boden.

Ein letztes Mal griff er an. Der Mann versetzte ihm den wohlberechneten Schlag, den er absichtlich so lange aufgespart hatte, und Buck brach zusammen und fiel völlig bewusstlos zu Boden.

»Der versteht’s, Hunde zu bändigen, das sag ich euch«, rief einer der Männer auf der Mauer begeistert.

»Da reit ich jeden Tag lieber Indianerponys ein, und sonntags gleich zweimal«, erwiderte der Fuhrmann, als er auf den Wagen stieg und die Pferde antrieb.

Buck kam wieder zu sich, doch seine Kraft kehrte nicht zurück. Er lag, wo er gestürzt war, und beobachtete von dort den Mann im roten Pullover.

»›Hört auf den Namen Buck‹«, sprach der Mann vor sich hin und zitierte aus dem Brief des Wirts, der die Sendung der Kiste samt Inhalt angekündigt hatte. »Nun, Buck, mein Junge«, fuhr er in freundlichem Ton fort, »wir haben unseren kleinen Krach gehabt, und am besten lassen wir’s jetzt gut sein. Du hast gelernt, wo dein Platz ist, und ich weiß, wo meiner ist. Sei ein braver Hund, dann geht alles gut, und die Welt ist in Ordnung. Bist du ein böser Hund, prügle ich dich windelweich. Verstanden?«

Während er sprach, tätschelte er furchtlos den Kopf, auf den er so erbarmungslos eingeschlagen hatte, und obwohl Buck bei der Berührung der Hand unwillkürlich das Fell sträubte, duldete er sie ohne Widerstand. Als der Mann ihm Wasser brachte, trank er gierig, und später verschlang er eine reichliche Portion rohes Fleisch, Brocken für Brocken aus der Hand des Mannes.

Er war besiegt (das wusste er); doch er war nicht gebrochen. Er erkannte ein für alle Mal, dass er gegen einen Mann mit einem Knüppel keine Chance hatte. Er hatte seine Lektion gelernt und vergaß sie sein ganzes weiteres Leben lang nicht. Dieser Knüppel war eine Offenbarung. Er machte ihn mit der Herrschaft des Urgesetzes bekannt, und Buck ließ sich auf diese Bekanntschaft ein. Das Leben zeigte ein grimmigeres Gesicht; und obwohl er ihm unerschrocken gegenübertrat, tat er es mit all der List seines Wesens, die bis dahin geschlummert hatte und nun erwacht war. In den folgenden Tagen kamen andere Hunde, in Kisten und an Seilen, manche fügsam und andere so tobend und brüllend, wie er gekommen war; und er sah zu, wie sie alle, einer wie der andere, unter die Herrschaft des Mannes im roten Pullover gerieten. Wieder und wieder wurde Buck bei jedem dieser brutalen Schauspiele die Lektion eingebläut: Ein Mann mit einem Knüppel war ein Gesetzgeber, ein Herr, dem man zu gehorchen hatte, den man aber nicht unbedingt umschmeicheln musste. Dessen machte Buck sich nie schuldig, obwohl er durchaus besiegte Hunde sah, die sich bei dem Mann einschmeichelten, mit dem Schwanz wedelten und ihm die Hand leckten. Auch sah er einen Hund, der sich weder einschmeicheln noch gehorchen wollte und schließlich im Kampf um die Herrschaft getötet wurde.

Hin und wieder kamen Männer, Fremde, die aufgeregt, einschmeichelnd und auf alle möglichen Arten mit dem Mann im roten Pullover redeten. Und wenn dabei Geld den Besitzer wechselte, nahmen die Fremden einen oder mehrere Hunde mit. Buck fragte sich, wohin sie gingen, denn sie kamen nie zurück; doch die Furcht vor der Zukunft lastete schwer auf ihm, und jedes Mal war er froh, wenn die Wahl nicht auf ihn fiel.

Doch schließlich kam auch seine Zeit, in Gestalt eines kleinen, verhutzelten Mannes, der gebrochenes Englisch und viele seltsame, ungeschlachte Ausrufe hervorspuckte, die Buck nicht verstand.

»Sakrament!«, rief er, als sein Blick auf Buck fiel. »Das ein verdammt guter Hund! He? Wie viel?«

»Dreihundert, und dafür ist er geschenkt«, kam prompt die Antwort des Mannes im roten Pullover. »Und wo’s doch Staatsgeld ist, hast du keinen Grund zu meckern, was, Perrault?«

Perrault grinste. Wenn man bedachte, dass die ungewöhnliche Nachfrage die Hundepreise in schwindelnde Höhe getrieben hatte, war das für ein so prächtiges Tier kein überhöhter Preis. Die kanadische Regierung würde nichts dabei verlieren, und ihre Depeschen würden nicht langsamer vorankommen. Perrault verstand sich auf Hunde, und als er Buck ansah, wusste er, dass er einer unter tausend war – »Einer unter zehntausend«, sagte er sich.

Buck sah, wie Geld den Besitzer wechselte, und war nicht überrascht, als Curly, eine gutmütige Neufundländerhündin, und er von dem kleinen, verhutzelten Mann fortgeführt wurden. Das war das letzte Mal, dass er den Mann im roten Pullover sah, und als Curly und er vom Deck der Narwhal auf das immer ferner rückende Seattle blickten, sah er auch das warme Südland zum letzten Mal. Perrault brachte Curly und ihn unter Deck und übergab sie einem Riesen mit schwarzem Gesicht namens François. Perrault war Frankokanadier und dunkelhäutig; François aber war ein frankokanadischer Mischling und doppelt so dunkel. Für Buck waren sie eine neue Art von Menschen (von denen er noch viele zu sehen bekommen sollte), und obwohl er keine Zuneigung zu ihnen fasste, lernte er sie doch aufrichtig achten. Er lernte rasch, dass Perrault und François gerechte Männer waren, ruhig und unparteiisch Recht sprachen und sich zu gut auf Hunde verstanden, um sich von Hunden täuschen zu lassen.

Im Zwischendeck der Narwhal trafen Buck und Curly auf zwei andere Hunde. Einer von ihnen war ein großer, schneeweißer Bursche aus Spitzbergen, den ein Walfangkapitän von dort mitgenommen hatte und der später eine geologische Expedition in die Barrens begleitet hatte. Er war freundlich, auf eine tückische Weise, lächelte einem ins Gesicht, während er auf irgendeine Hinterlist sann, so zum Beispiel, als er Buck gleich bei der ersten Mahlzeit etwas vom Futter stahl. Als Buck aufsprang, um ihn zu strafen, sang François’ Peitschenriemen durch die Luft und erreichte den Schuldigen zuerst; Buck blieb nichts anderes übrig, als sich den Knochen zurückzuholen. Das war gerecht von François, befand er, und der Mischling begann in Bucks Achtung zu steigen.

Der andere Hund suchte keine Annäherung, und auch ihm näherte sich niemand; außerdem versuchte er nicht, die Neuankömmlinge zu bestehlen. Er war ein düsterer, mürrischer Bursche und gab Curly deutlich zu verstehen, dass er nichts weiter wollte, als in Ruhe gelassen zu werden, und überdies, dass es Ärger geben würde, wenn man ihn nicht in Ruhe ließ. »Dave« hieß er, und er fraß und schlief oder gähnte zwischendurch und interessierte sich für nichts, nicht einmal, als die Narwhal den Queen Charlotte Sound überquerte und rollte und stampfte und bockte wie besessen. Als Buck und Curly in Aufregung gerieten, halb wahnsinnig vor Angst, hob er den Kopf, als ärgerte er sich, bedachte sie mit einem gleichgültigen Blick, gähnte und schlief wieder ein.

Tag und Nacht bebte das Schiff im unermüdlichen Pulsschlag der Schiffsschraube, und obwohl ein Tag dem anderen sehr glich, merkte Buck, dass es stetig kälter wurde. Endlich stand eines Morgens die Schraube still, und überall auf der Narwhal herrschte Aufregung. Er spürte es ebenso wie die anderen Hunde und wusste, dass eine Veränderung bevorstand. François leinte sie an und brachte sie an Deck. Schon beim ersten Schritt auf den kalten Boden sanken Bucks Pfoten in ein weißes, breiiges Etwas, das sehr an Schlamm erinnerte. Er sprang schnaubend zurück. Noch mehr von diesem weißen Zeug fiel durch die Luft. Er schüttelte sich, doch mehr davon fiel auf ihn. Neugierig beschnupperte er es, dann leckte er etwas davon mit der Zunge auf. Es biss wie Feuer und war im nächsten Augenblick verschwunden. Das verwirrte ihn. Er versuchte es noch einmal, mit demselben Ergebnis. Die Zuschauer lachten schallend, und er schämte sich, ohne zu wissen, warum, denn es war sein erster Schnee.


Cookie- und Datenschutzeinstellungen

Sie bestimmen über Ihre Daten

Erfahren Sie mehr über die von uns verwendeten Cookies und entscheiden Sie, welche Cookies Sie zulassen möchten.

  • Diese Cookies sind notwendig, damit die Website ordnungsgemäß funktioniert, etwa damit Sie sich anmelden und Artikel in den Warenkorb legen können.

  • Diese Cookies speichern Informationen über Ihre Aktivitäten, um Ihren nächsten Besuch auf der Website auf Sie abzustimmen.

  • Diese Cookies werden von uns und unseren Partnern, darunter Shopify, verwendet, um Marketingkommunikation zu optimieren und Ihnen Werbung auf anderen Websites anzuzeigen.

  • Diese Cookies helfen uns zu verstehen, wie Sie die Website nutzen. Wir verwenden diese Daten, um Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen.